Tag 74: Ein Fußballtraum in Beşiktaş

Grüße aus der Halbzeitpause! Reihe 15, Platz 10 und 11. Henri und ich im Kessel, in der Fußballglut, im Fan-Vulkan. Heimspiel für Beşiktas (Istanbul). Den schwarzen Adler in der Süper Lig! 99% des Stadions in schwarz-weiß. Vor allem Männer, aber auch ein paar Ladies. Im Gästeblock etwa 30 Männeken in Müllabfuhr-orange. Wie die gegnerischen Spieler. Schwerer Stand für Başakşehir (Istanbul).

Ab Minute 1 Fan-Leidenschaft, Fan-Schmerz, Fan-Freudentaumel! Pfeifkonzert, wenn die Gegner den Ball berühren. Sogar, wenn der Keeper einen Abstoß macht. Die totale Demoralisierung und Zerstörung. Auch unserer Trommelfelle. So laut! So dumpf! Noch nie so etwas erlebt. Stimmung wie bei einem WM-Finale.

Das Spiel – nicht erstklassig, aber kämpferisch. Viel Rumgestocher. Bodychecks. Pressing. Henri und ich nippen an unserem Stadion-Tee. Nix Bier. Es gibt Çay (Schwarztee). Kuchen gäbe es auch.

Nach der Führung der gegnerischen Mannschaft knistert das Fan-Feuer spürbar leiser. Kocht aber nochmal in den letzten sieben Minuten hoch. Aber nix zu machen, das Tor ist zugenagelt. 0:1 verloren.

Abpfiff und raus aus dem Stadion. Fazit? Fußballfieber ohne Alk? Geht voll klar. Wahlweise hätte es auch Ayran gegeben 🙂 Trinken das dann die Ultras?

Tag 73: Spontan-Date mit dem Bosporus

19 Uhr Vodafone-Park. Istanbul-Derby! Tabellenführer Beşiktaş gegen die Nummer Vier Basaksehir. Henri und ich im Kessel. Blick 118. Voll der Traum! Aber nicht heute! Das Spiel wurde spontan auf morgen verschoben. So etwas gibt es auch wohl nur in der Türkei. Flexibel bleiben! 🙂

Was fressen wir denn jetzt aus? Zur Beruhigung erstmal einen Dürum mit Çiğ Köfte. In der vegetarischen Formation mit Bulgur. Für umgerechnet etwa 80 Cent. Türkei, die Anti-Schweiz. Wir hoppen von einem zum anderen Imbiss.

Und zwischendurch, Sightseeing auf dem Bosporus. Mit der Fähre setzen wir ans andere Ufer über. Nach Asien! Eineinhalb Stunden durch die Meerenge schunkeln. Die Radelcrew legt die Füße hoch!

Tag 72: Treiben lassen

Das Herz dieser Stadt, das klopft nicht, das hämmert – mit Karacho. So viel Gewusel. So viel Leben in den Gassen. Nähstuben, Autowerkstätten, Dönerspieße, Baklava-Beauties. Burka neben Bauchfrei!

Bei dem ganzen Gegucke, schön aufpassen, dass Arme und Füße dranbleiben und nix überfahren wird. Autos sind überall. Geparkte Männer auch. Meistens sitzen sie auf kleinen Hockern vor ihren Geschäften. Where are you from? Hören wir immer wieder.

Wir streifen ziellos umher. Immer wieder landet eine Kleinigkeit im Bauch. Zum Beispiel ein „Tavuk Gögsü Tatlisi“. Hab ich in der Auslage gesehen. Stinknormaler Vanillepudding mit Zimt dachte ich. Nee nee. In der Creme sind Fäden. Das ist Fleisch! Total zerrupfte Hähnchenbrust mit Milchcreme. Wohl ein traditionelles, osmanisches Dessert. Schmeckt gut, aber diese Fäden…

Herumstreunen geht in die Beine. Die sind ja eh fertig mit der Welt. Daher gehören kleine Pausen im Liegen zum Pflichtprogramm. Schmusen auch ganz wichtig – solange der Chéri noch nicht in den Flieger gestiegen ist.

Später werden wir Henri wiedersehen. Den Radfahrer aus Oldenburg. Er ist heute angekommen. Mal schauen, ob wir auf einer Tanzfläche landen, oder wieder in einem Filmset. Wie gestern. In einer Seitengasse wurde gerade eine Szene der Netflix-Serie „The Club“ gedreht. Die Filmcrew mega nett, lädt uns zu Tee und Plauderei ein.

Tag 71: Du verrücktes Istanbul!

49 Kilometer: Güzelce-Istanbul

Kurze Momentaufnahme: Frisch geduscht auf dem Airbnb-Bett, Gitarrenmucke aus der Bluetooth-Box, Stadtgemurmel durch die offene Balkontür. Meine Wangen glühen, meine Beine sind bleischwer. Mein Po braucht glaub ich ne professionelle Wiederbelebung. Egal. Wir sind angekommen. Wir sind in Istanbul. Der Wahnsinn!

Fünf Stunden zuvor: Ann-Sophie und ich – mitten in der vierspurigen Schlacht. Mal mit, mal ohne Standstreifen. Null andere Radfahrer, nur fette Maschinen um uns herum. Durchhalten! 20 Kilometer vor Istanbul dann die Erlösung: ein swimmingpool-blauer Radweg! Wo kommst du denn her?

In Istanbul angekommen, quetschen wir uns durch den Stadtverkehr. Es ist so wunderbar chaotisch. Geisterfahrer, Waschmaschinen, Schlaglöcher – irgendetwas ist immer im Weg. Auch unsere Navigations-App hält Überraschungen bereit. Wir werden zum Beispiel durch einen Bazar mit unzähligen Ständen geschickt. Turnschuhe, Gewürzsäcke, Schaufensterpüppis. Alles ist so eng. Und wir mit unseren Warnwesten. Parfümverkäufer wollen uns Chanel andrehen. Auch wenn wir es literweise nötig hätten, lehnen wir höflich ab.

Und damit zurück zur Momentaufnahme: Eigentlich will ich gar nicht mehr aufstehen. Nie wieder. Aber ich habe auch Hunger. Und draußen ist Istanbul. Also los, ich spendiere nen Cocktail!

Tag 70: Team Warnweste

82 Kilometer: Yeniçe-Silivri-Tepecik

Tag vier auf dem türkischen Highway. Istanbul ist nur noch ein paar Mal Kurbeln (125 Kilometer) entfernt. Die Option, in einen Bus zu steigen, ist vom Tisch. 3.500 Kilometer haben wir schon auf der Landkarte wegradiert. Jetzt können uns Gegenwind und Großstadt-Auto-Trubel auch nicht mehr aufhalten. Die Schnellstraße ist biestig. Aber wir sind es auch. Bei allem Ehrgeiz achten wir natürlich auf unser Überleben. Denn: Der Verkehr wird wilder und der Standstreifen schmaler.

Zeit für ein Stückchen Stoff, das bisher in den dunklen Gassen meiner Radtasche verweilte: die Warnweste, der vorläufige, modische Tiefpunkt der Reise.

Mein knallgelbes Exemplar der Marke „my project“ firmiert unter dem Namen „Sicherheits- und Freizeitweste“. Wer zieht denn allen Ernstes eine Warnweste zum Chillen an? Ich nicht. Zumal meine Warnweste ziemlich eng ist. Sieht aus, als ob ich sie einem Kind geklaut hätte. Ann-Sophie hingegen hat ein XXL-Modell in orange. Sie könnte direkt bei der Straßenmeisterei anfangen. Meine Weste geht eher in Richtung Schülerlotsin. Wie auch immer, wir fühlen uns damit sicherer und gewappneter für die Einfahrt in die 15-Millionen-Metropole Istanbul. Morgen! Aufregend!

Tag 69: Mit einem Fuß im Bus

65 Kilometer: Ahierven-Tekirdağ-Yeniçe

Was meine Augen beim Aufwachen sehen ist wunderschön.

Liege ich wirklich auf einer Isomatte in einer Moschee? Ist doch verrückt. Ich reibe mir den Sand aus den Augen und fühle mich in ein orientalisches Bilderbuch gebeamt. So viele Schnörkel über mir zu entdecken. Die Farben leuchten, sind von der Sonne angeknipst.

Im Halbschlaf habe ich ein paar Gebetsfetzen mitbekommen. Gegen sechs Uhr morgens haben sich wohl mehrere Männer zum Beten eingefunden. Alle im unteren Bereich. Mein Fazit also nach der Nacht in der Moschee: gemütlich, geborgen, windstill.

Dann Frühstück mit den Mädels von gestern, die die Moschee als Schlafplätzchen klargemacht haben. Sie laden uns zu Tee und Wassermelone ein. Gestärkt und getränkt geht es zurück auf die Schnellstraße. Der Wind gegen uns, wir gegen den Wind. Vorbeirauschende Lastwagen, Abgase, fiese Steigungen. Sollen wir einen Bus nach Istanbul nehmen? Wir sind hin- und hergerissen. Die Straße ist so schrecklich, der Hintern brennt. Aber wir sind ehrgeizig, wollen nicht aufgeben. Wir radeln weiter. Insgesamt 60 Kilometer. Danach rien ne va plus.

In einem Städtchen an der Autobahn werden wir von einer netten Familie eingeladen. In ihren Garten. Und zum Abendessen. Wir lernen immer mehr türkische Wörter. Zum Beispiel „Teşekkürler“ (teeschökölasch). Das heißt „Danke“. Wieder werden wir überschüttet mit Essen und Herzlichkeit!

Tag 68: Gastfreundschaft, die überwältigt

52 Kilometer: Keşan-Hasköy-Malkara-Ahievren

Zweiter Tag in der Türkei. Was für ein Land! So weit, so groß, so herzlich.

Noch 200 Kilometer bis nach Istanbul. Die vierspurige Schnellstraße „E84“ donnert dahin. Sieht aus wie eine Autobahn. Gestern sind wir auf dem Standstreifen unterwegs gewesen. Heute wollen wir über die Dörfer fahren. Nach wenigen Kilometern versiegt der Teer. Nur noch Schotter und Gegenwind. Dafür hilfsbereite Opis. Bei einem Café fragen wir die Dorfältesten, ob irgendwann wieder mit Asphalt zu rechnen ist. Sie empfehlen uns die Schnellstraße. Wir überlegen und befragen Google Satellite. Die Straßenoberfläche ist kaum zu erkennen. Wir radeln ein Stückchen weiter. Von hinten kommt einer der Opis aus dem Café angedüst (darf der überhaupt noch Auto fahren) und schenkt uns jeweils zwei eineinhalb Liter Wasserflaschen. Wir entscheiden uns für die „Autobahn“ – ungern!

Auf dem Weg dahin brettert wieder der Opi an uns vorbei und zeigt nochmal auf die richtige Fahrtrichtung. So süß! Ähnlich engagiert sind die Menschen in der nächsten Stadt. Wir setzen uns in ein Café. Ein türkischstämmiger Mann, der in Wien lebt, spricht uns an: Hallo, braucht ihr etwas? Vielleicht einen Bäcker, sagen wir. Diese Info wird direkt an den Cafébesitzer weitergeleitet. Dieser saust zu seinem Auto, fährt weg und kommt mit zwei Beuteln zurück. Darin Börek und Brot.

Als wir bezahlen wollen, schüttelt der türkische Wiener vehement den Kopf. Wir sind natürlich eingeladen. Wie nett! Ich muss gestehen: Ich kann noch nicht mal „Danke“ auf Türkisch sagen. Voll Panne. Aber Blicke und Gesten können ja auch viel ausdrücken.

Und damit ist es mit der Gastfreundschaft noch nicht zu Ende. In einem Dorf in der Nähe der Schnellstraße fragen wir nach einer Wiese für unsere Zelte. Neben einem Café dürften wir hin, aber in den Ritzen der Pflastersteine halten meine Heringe nicht. Wohin? Drei nette Mädels haben sich unserer angenommen. Sie zücken ihre Smartphones und beschaffen uns einen unglaublich schönen und besonderen Schlafplatz: in der Moschee des Dorfes. Dort, wo die Frauen beten, dürfen wir unsere Isomatten ausbreiten. Vergleichbares würde man in Deutschland wohl nicht erleben!

Um 21 Uhr und um sechs Uhr morgens könnte es laut werden – wegen der Gebete. Kein Problem. Die Mädels verabschieden sich und wir richten unser Nachtlager ein. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal in meinem Leben, in einer Moschee ratzen werde. Vallah!

Tag 67: Mit Schneckentempo in die Türkei

78 Kilometer: Alexandroupoli-Grenzübergang Türkei-Keşan

Noch nie so viel Gegenwind wie heute gehabt. Aus jeder Himmelsrichtung (nur nicht von hinten) fegt ne Böe – in mein Gesicht und in meine Speichen. Fühlt sich an, als ob jemand meinen Gepäckträger festhält. Es ist so anstrengend. Großer Tag für die Powerpakete alias Bein-Muckis. Die müssen echt rackern. Aber die Perspektive, in die Türkei mit Rädern einzureisen, motiviert. Nach 40 Kilometer reihen wir uns in die Exit-Greece-Spur ein. Die rote, türkische Flagge flattert schon von weitem. Riesige Torbögen thronen vor uns. Der türkische Grenzübergang, ganz schön protzig.

Dann Herzklopfen bei der Passkontrolle. Werden sie mich nach meinem Beruf fragen? Und bekomme ich dann Probleme? Journalisten sind in der Türkei ja nicht so gern gesehene Gäste. Also im Falle einer Befragung habe ich mir diese Story zurecht gelegt: Ich schreibe Kinderbücher und verwende das Pseudonym „äßëlle“. In dem Namen stecken viele Buchstaben, die eine türkische Tastatur nicht kennt…das könnte die Suche nach personenbezogenen Daten erschweren.

Gute Nachricht: Wider Erwarten sind die türkischen Grenzer sehr entspannt. Einer zwinkert mir sogar zu. Hallöchen! Schlechte Nachricht: Auch in der Türkei ist der Wind gegen uns. Wir kämpfen, schimpfen und schnaufen. Bei dem Wind wird auch mein Zelt wieder beben. Nee, Wildcamping ist heute nicht. Ich will H.O.T.E.L! Spontan finden wir eins in Keşan. So gut!

Duschen, Magnesiumtablette rein und Tortellini auf dem Campingkocher im Hotelzimmer kochen. Alles wieder aufladen. Draußen ruft ein Muezzin zum Gebet.

Hoffentlich geht dem Wind die Puste aus!

Tag 66: Mondscheinfähre

14 Kilometer: Camping Varades-Fähre-Alexandroupoli

Wie zwei Bankräuberinnen auf der Flucht verlassen wir den Campingplatz auf Samothraki. Hinter uns: nur noch eine Staubwolke.

Leider viel zu wenig Zeit, um unseren liebgewonnenen, griechischen Platznachbarn Magda und Gorge ausgiebig tschüssikowski zu sagen. Sie haben uns das Wort „Mandalaki“ beigebracht. Heißt Wäscheklammer. Überlebenswichtig.

Schnelle Umarmung, Übergabe von sieben Birnen als Abschiedsgeschenk und dann Fullspeed. In einer Dreiviertelstunde legt die Fähre ab. 14 Kilometer mit einem Durchschnittstempo von 25 Stundenkilometern runterrasiert. Geschafft! Räder und Ladies auf dem großen Kutter. Danach zwei Stunden auf hoher See. Und während die Insel mit dem Meer und den Wolken verschmilzt, schaue ich in die Gesichter der Reisenden. Ich sehe wehmütige, nachdenkliche und verträumte Augen. Urlaub zu Ende? Zurück zum Job? So eine Fähre transportiert neben viel Blech und Bagagen auch immer viele Gefühle.

Auch ich werde still. Im Gegensatz zum Motor. Die komplette Audiospur der Fahrt besteht aus Dröhnen. Aber auch mal gut, den Sabbel zu halten. Morgen also Grenzübertritt in die Türkei. Heiliger Bimbam!

Tag 65: Wasserfällen verfallen

Samothraki, du Wellness-Abenteuerspielplatz. Ein kleiner Trampelpfad mit angespülten Baumstämmen und Felsen in XS bis XXL führt uns zu deinen Fonia-Wasserfällen. Wir schälen uns aus den vollgeschwitzten Klamotten und gleiten ins Wasser.

Ein paar Schritte runter in der Schlucht – halb kletternd, halb auf allen Vieren – schwappt ein kleiner Wasserfall in eine naturgeformte Badewanne. Fußsohlen, Waden, Po, Rücken – alles landet unter dem Power-Strahl und wird total durchgeschlackert. Hochdruckreiniger und Massagegerät in einem. Mein Badehöschen fetzt es fast weg. Lebensverlängernd!

Mit Schwimmhäuten an den Fingern schmiegen wir uns an die großen Felsen drumherum. Die sind ganz warm von der Sonne. Wie Heizdecken.

Die Zeit plätschert dahin. Die Farben werden satter. Noch ein Dinner in einer Taverne, dann geht das Licht aus.