Tag 15: Längster Zugfahr-Tag des Jahres

7:16 Uhr bis 18:40 Uhr: Villach-Salzburg-München-Ulm-Stuttgart-Karlsruhe-Freiburg

Die Nacht war kalt und kurz. Unser Atem ist weiß im ersten Sonnenlicht. Morgentau auf dem Tarp und unterm Zelt. Keine Zeit zum Trocknen der nassen Lappen, alles schnell verstauen und zum Bahnhof in Villach radeln.

Eigentlich wollten Micha und ich gemeinsam entspannt um 9 Uhr in den ICE steigen, ich wäre in Mannheim zum Umsteigen rausgegangen, Micha wäre bis Köln durchgefahren. Guter Plan. Bis zum Dom rattert der Zug auch, aber nicht mehr bis nach Mannheim. Zwischen Buchung und Abfahrt wurde einfach der Streckenverlauf geändert. Meine Verbindung existiert nur noch in Gedanken. Und die Alternativ-Züge haben keine Fahrradplätze mehr. Also muss ich improvisieren: erst mit einem IC nach Salzburg, und dann weiter mit verschiedenen Bummelzügen quer durch Süddeutschland. Das D-Ticket glüht! Vorbei an Dinkelscherben oder Mindelaltheim. Orte, die den Abschiedsschmerz nicht wirklich lindern. Tschüss Micha, bis ganz bald. War total toll. Will gar nicht flennen. Kullert einfach raus.

Eisenbahnromantik statt Liebkosungen mit Amore. Es muss weitergehen, immer weiter Richtung Westen.

Nach sieben Stunden auf den Gleisen reißt meine Regio-Geduld. Ich will ICE fahren, mehr Platz für die Beine, keine Lautsprecher neben mir.

In Ulm lunze ich in den ICE nach Stuttgart. Es gibt noch Radplätze, obwohl in der App alles ausgebucht war. Ich schleiche mich rein, so auch in den ICE von Karlsruhe nach Freiburg. Was soll schon passieren? Rauswurf oder Ankommen.

Und tatsächlich um 18:45 Uhr, also nach fast 12 Stunden Gewackel, drehe ich den Haustürschlüssel um. Fußmatte, Bademantel, Bettdecke – lang ist’s her. Schön, euch wiederzusehen.

Vielen Dank fürs Lesen und Mitreisen, vielleicht folgt die nächste Tour im September. Macht’s gut!

Tag 14: Abschied liegt in der Luft

21 Kilometer: Wiesencamping Marhof-Villach und zurück

Letzte Chance für Kaiserschmarrn zum Frühstück. Selbstgemacht. Aus der Flasche. Einfach Milch aufs Pulver schütten, shaken, quellen lassen. Dann den eigentlichen Waffelteig in den Topf gießen und zerfetzen. Zucker-Zimt (mitgenommen im Ü-Ei) druff. Lecker.

Wir packen unsere Radtaschen und nehmen mit: Badesachen, Buch und Handtücher. Die Kärnten-Therme in Villach soll unser Regenschirm sein. Dort angekommen, zerplatzen unsere kleinen Sehnsüchte nach Wärme und Blubberblasen. Ein Schild vor dem Eingang mit rotem Ausrufezeichen sagt: Kapazitätsgrenze erreicht, ab 17:30 Uhr ist der Eintritt wieder möglich. Das dauert noch sehr lang.

Wir ziehen davon und schlagen süße Wurzeln in einem Café. Dort holen wir die Karten raus. Gekniffelt wird auch. Wobei eher geknüffelt, so heißt Michas Raubversion aus dem Netz. Macht Laune!

Danach erkunden wir mit unseren Rädern die Stadt Villach. Hier wird gerade Kirchtag gefeiert, ein mehrtägiges Volksfest mit großem Trachtenumzug am Sonntag. Wer es ernst meint, schmeißt sich ins Dirndl oder in die Lederhose. Ganz nett anzuschauen, aber auch nicht mehr. Der Abschiedsblues spielt schon seine Melodie. Morgen trennen sich unsere Wege wieder. Schnief.

Aber weg mit den Taschentüchern. Im Hier und Jetzt geht die Reise weiter. Wir springen mit den letzten Sonnenstrahlen in den Faaker See, mit Blick auf eine Gebirgskette. Oarschkalt, aber lohnt sich. Schneeengel auf dem Wasser – beste. Das Wasser ist so klar, wir können unsere Füße sehen.

Das Brathähnchen neben dem Supermarkt verpassen wir leider. Hatten noch mit einer anderen Radel-Omma geschnackt. Also gibt es Asia-Suppe and more. Kann Spuren von Schwermut enthalten.

Tag 13: Chillation

5 Kilometer: Faak am See-Wiesencamping Marhof

Dieser Campingplatz hat zwar keine Seele, dafür einen kleinen Badetümpel. Vor dem Frühstück pirsche ich mich heran. Nur mit Bikinihöschen und Schlaf-Shirt. Letzteres bleibt am Geländer. Flannnsch! Besser als Kaffee. Oh no, zwei kleine Jungs werfen ihre Angelrouten ins Wasser. Ich will sie nicht mit meinen zwei Birnen verstören und gehe rückwärts aus dem Wasser. Operation gelungen.

Micha übernimmt die Bürokratie und zahlt die Nacht. Warum wir denn schon wieder weg wollen, fragt die Dame an der Rezeption. Gestern sagten wir noch, dass wir drei Tage bleiben werden. Michas Antwort: Wir sind so erholt, dass wir die nächste Tour, die nächsten Höhenmeter machen wollen. Fett geflunkert. Wir sind voll platt ohne Platten.

Auf dem Weg zu einem anderen Campingplatz machen wir Station bei Billa, so ne Art Rewe. Die üblichen Verdächtigen landen wieder in unseren Radtaschen, darunter ein Neuzugang: eine Wassermelone.

Mit dem Geraffel geht’s zum Wiesencamping. Bevor wir einchecken, läuft uns ein Huhn vors Rad. Yes, hier bleiben wir!

Der Himmel will seine Tropfen mit uns Erdbewohnern teilen. Das Zelt aufzubauen, macht da gar nicht so viel Sinn. Wir designen einen Unterschlupf mit unseren Rädern. Der Regen prasselt auf das Tarp – wie herunterpurzelnde Kristalle. Immer wieder ergießt sich eine Lache im Rasen. Auch die Plane muss mal Pippi.

Wir lesen, spielen Ringen und beobachten puschelige Kaninchen im Streichelzoo des Campingplatzes. Vom Besitzer gibt es im Gehege ein gefiedertes Ebenbild – mürrisch, leicht exzentrisch, 80er-Jahre-Frise. Und sonst? Viel Grün und nix zu tun. Eine von vielen Definitionen von Glück.

Tag 12: Ein Tag, drei Länder

79 Kilometer, 1.240 Höhenmeter: Trvono-Bovac-Predel-Pass-Traviso-Faaker See

Bis zum Bauchnabel in der eisigen Soča. Ganz schön frisch. Gelenke und Muckis, seid ihr alle wach? Ihr werdet heute gebraucht! Die Bergetappe steht an.

Die Soča bleibt uns die ersten 20 Kilometer treu. Mal ist sie ganz nah, mal weiter weg. Das helle Smaragdgrün blitzt immer wieder durch. Da tun die ersten Anstiege gar nicht so weh.

Wir betanken uns mit Kalorien. Micha isst vor der krassen Steigung eine Thunfischdose, ich snacke mich durch die Vielfalt der Proteinriegel.

Bauch, Beine, Po – und sogar das Wetter sind mit von der Partie. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Kein Regen, nur zu viele Karren vor und hinter uns. Wir im schwarzen Abgas-Nebel. Nicht ideal, aber immerhin eine gute Fahrbahn zum Kurbeln und Glotzen. Wir sind mitten in den Julischen Alpen. Die Bergspitzen sind alle ergraut bis erweißt. Imposante Kalk-Kollegen!

Bei 1.180 Metern über dem Meer sind unsere Hemden nass und der Pass erreicht. Wir lassen Slowenien hinter uns und betreten Italien. Für Micha das erste Mal. Der Grenzübergang ist ein einziger Beton-Gnadenhof.

Schnell weiter, wir lassen uns zu einem See rollen. Da ist dann auch meine Thunfischdose fällig. Eigentlich schreit jetzt alles nach Nacktbaden, aber es grummelt schon wieder. Also lieber weiterfahren.

Bergab ein kleines Stückchen durch bella Italia, was gar nicht so bella ist. Eingestürzte Dächer, Ruinen zum Verkauf, Industrie-Klötze. Grenzregion eben. Wir folgen dem Alpe-Adria-Radweg und reisen sodann schon wieder aus Italien aus. Ein Blitzbesuch ohne caffè oder Pasta. Mamamia, das geht doch nicht.

Hallo Österreich, da simmer wieder. Unser Ziel ist ein Campingplatz in der Nähe des Faaker Sees. Den hatte ich in einer App gefunden. Wunderschön stand in den Bewertungen. Joa. Eher nicht so. Das Areal ist riesig. Ganz viele weiße Womo-Schlachtschiffe dicht an dicht. Uns wird ein schmaler Wiesenabschnitt zugewiesen, direkt neben den Bungalows. Charme zero. Ich bin enttäuscht, Micha muntert mich auf. Morgen suchen wir uns etwas Anderes… mit Streichelzoo.

Tag 11: Nur seine Augenfarbe ist noch schöner

40 Kilometer: Ljubeljana-Jesenice-Avče (mit dem Zug) – von da aus mit dem Rad nach Trnovo

Ein dreifaches Zickezackezickezackeheuheu auf den ÖPNV in Slowenien. Drei Stunden Bummelzug mit Rädern macht neun Euro zusammen! Inklusive Klopapier auf den Toiletten und grummeligen, aber im Kern sehr netten Schaffnern. Die Slovenske železnice [slo’venske ʒe’leznitse] bringt uns ins Reich der 1.000 Grüntöne. Im Nordwesten des Landes. Micha und ich hängen mit den Nasen am Zugfenster, rumpeln uns immer wieder gegenseitig von der Seite an. Guck mal, die schroffen Bergspitzen. Hast du die kleine Kapelle auf dem Brokkoli-Hügel gesehen? Staunen und zocken nebenbei. Unglaublich aber wahr: Beim Kartenspielen hat Micha keine Schnitte gegen mich. Das passiert sehr selten.

In einem Kaff mit drei Häusern hieven wir unsere Räder aus dem Zug. Wir sind irgendwo im Soča-Tal. Der Fluss braust uns in die Ohren. Farblich nicht so übernatürlich-türkis wie erwartet, sondern eher eine Zement-Minze-Mische. Keine Konkurrenz zu Michas Augen. Warum der Fluss so trüb ist? Es hat so viel geschüttet in den letzten Tagen. Die Sedimente sind einfach in Wallung.

Wir kurven erstmal zu Aldi, der in Slowenien “Hofer“ heißt. Da kloppen wir unsere Taschen voll. Tortellini, Riegel, Gemüse, Milch, Asia-Suppen. TK-Spinat bleibt auf der Tasche, soll schon mal auftauen.

Pünktchen und…der Andere 🙂

Die Strecke entlang der Soča Richtung Norden ist ne Wucht. Genau dafür wurden Beine und Bikes gemacht. Berghänge wie ruhende Riesen auf dem Rücken, Brücken über Getöse, wenig Blech viel Radellust.

Bin kein Geist, nur eingecremt.

Nach 40 Kilometern könnten wir ja mal Feierabend machen. Ein Campingplatz liegt ganz in der Nähe. Geführt von zwei älteren Schwestern. Sympathisch! Immer ein gutes Zeichen, wenn vor der Rezeption graue bis weiße Eminenzen chillen. Mit Kochtopf und Schneidenbrett gesellen wir uns doch gern dazu.

Shopping: Bier für drei Euro!

Tag 10: In dieses Lu… Lubl… Ljubeljana

18 Kilometer rumtingeln: Wien-Graz-Ljubljana (Slowenien)

Mit Schlagobers! Was für ein schwungvolles Wort und welch Spaß, es vor einem Kellner in weißem Hemd und mit schwarzer Schürze auszusprechen. Was hättens denn gern dazu? Eine Wiener Mélange und das Vitalfrühstück. Wiener Kaffeehauskultur an einem Freitagmorgen um halb10. Wir hocken draußen beim Café Jelinek. So wie eine Oma mit ihrem Enkel. Die Touris aus Great Britain oder die deutschen Hipster mit schmallinigen Tattoos. Mampfmampf.

Bevor unser Zug nach Slowenien braust, klappern wir ein paar monumentale Steine ab: die Wiener Hofburg, das Burgtheater, das Österreichische Parlament. Schon schwer beeindruckend: die Habsburger und ihre Bauwut und ihr Personenkult. Franz Josef I. – omnipräsent. In Straßennamen, Statuen, riesigen Schriftzügen. Der große Imperator! Amüsant, dass der Franz Josef in den Sissi-Filmen teilweise als Muttersöhnchen dargestellt wird. Naja, Filme.

Zwei Minuten vor zwölf: Abfahrt nach Graz. Unsere Räder hängen wieder rum und wir knabbern uns durch die Steiermark. Den Felsen ganz nah. Ohne Schweiß und Feuer in den Oberschenkeln. Aber mit Verspätung. Wir verpassen unseren Anschlusszug in Graz. Also zwei Stunden Rumgammeln. Wir rollen bisschen rum. Graz haut uns so gar nicht vom Hocker. Vielleicht liegt das auch am grauen Himmel oder an dem hässlichen Bahnhofsvorplatz.

Wir polstern unseren Magen mit McDonalds-Inhalten auf und steigen in die Bahn nach Ljubeljana. „Gluten free Bed & Breakfast“ heißt unsere Unterkunft. Intoleranzen welcome. Allesfresser auch? Bestimmt!

Unser kleines Zimmer ist direkt über einer Gaststube. Dampf in der Küche, Tellerklappern, ausgelassenes Gemurmel. Fühlen uns ein bisschen wie im Mittelalter. Unten in der Taverne Hoch die Humpen, oben in der Kammer wird geratzt. Gefällt uns. Auch die Stadt schreibt Lebenslust in die Luft. So viele Terrassen und Restaurants, eingetaucht in warmes Licht.

Tag 9: Nur pfui!

58 Kilometer: Zwentendorf-Tulln an der Donau-Wien

So viel und lang geträumt: ein Katastrophen-Szenario. Stromausfall, Überflutungen, Panik. Rot-weißes Absperrband rund ums Oberstübchen. Der Kopfsalat (der in Österreich übrigens Häuptelsalat genannt wird) zieht nach dem kilometerstoarken Tag gestern alle Register.

Aber Entwarnung: Auf dem Campingplatz in Niederösterreich steht noch alles. Es gibt nur eine kleine Ameisen-Invasion in der Haribo-Cracher-Tüte. Mein Fehler. Nicht richtig verschlossen. Also dann Ohropax raus, Müsli rein. Und los geht’s.

Nach 15 Kilometern hocken wir schon wieder im Café, nach weiteren 20 gibt es eine Croissant-Pause. Wien, wir kommen!

2022

Die Straßen werden breiter, die Häuser dichter. Michas erster Kommentar: „Könnte auch im Ruhrpott sein!“ Die Außenbezirke, durch die wir kommen, sind wirklich keine Schönheiten. Der Lack ist ab. Doch aus Schmuddel-beige wird mehr und mehr Schnieke-beige.

Wir erreichen unser Airbnb im Karmeliterviertel neben der Wiener Altstadt. 36 Euro für zwei Personen pro Nacht. Unsere Erwartungen sind niedrig, aber die Realität ist noch schlimmer. Das Zimmer D kommt direkt aus der Ekel-Hölle. In der einen Zimmerecke lauert eine Beißschiene, daneben eine tote Wespe. Haare, Staub, Krümel. Ein Gerippe von Bett. Ein Spiegel voller Fingerabdrücke. Ich bin ein Sparfuchs, aber das geht nicht. Statt Wohlbefinden Kloß im Hals. Will nur weg.

Wer gehört zu dieser Kauschiene?

Wir packen zusammen. Vor dem Haus nehme ich Kontakt mit Airbnb auf – wegen der Stornierung. Der freundliche Mann am Telefon verlangt Photos von der Bude. Ich geh nochmal rein – davon würden Therapeuten bestimmt abraten. Aber die 36 Mäuse will ich zurück – und reinvestieren in ein sauberes Nest auf Zeit. Micha und ich recherchieren. Auf booking finde ich eine ganze Wohnung – mit Waschmaschine, für 80 Euro. Tausendmal lieber als Zimmer D.

Wir radeln nochmal durch die Stadt. Der Wind nimmt zu, Gewitter naht. Wir schaffen es rechtzeitig. Die Vermieterin empfängt uns im Treppenhaus, sie war zufällig da. Paola heißt der Engel. Sie ist sympathisch, gibt Tipps, wo Wiener Schnitzel zu haben sind. Zum Beispiel beim „Treu am Platzl“. Wir sind wieder versöhnt. Mit der Situation, mit dem Universum.

Zweiter Versuch!

Tag 8: Schachmatt

103 Kilometer: Willersbach-Ybbs-Melk-Mautern-Zwentendorf

Heute crazy Modus und viele Kilometer sammeln oder lieber Sparflamme und dafür morgen Gummi geben? Beine und Hintern wollen ne ruhige Kugel schieben, aber der Kopf sagt: besser heute leiden und morgen mehr Zeit in Wien haben. Küss die Hand!

Linkes Donauufer, rechtes Donauufer. Maisfelder, Marillenbäume, Weinreben, fette Paläste auf Bergkuppen (da wohnen Benediktinermönche). Und die Kilometer? Zerrinnen nicht so schnell wie gehofft. Bei Stand 60 machen wir eine Pause in einem Ufercafé. „Hausgemachte Marillenknödel“ steht da. Wir bestellen und bekommen eine Baseballkugel in einem Trümmer-Butterbrösel-Haufen. Enttäuschend. Dazu die Aussicht: Shit, noch mindestens 40 Kilometer bis zum ausgeguckten Campingplatz. Wäre meine Laune ein Apfelsaft, dann naturtrüb.

Erste Erkenntnis: Wir haben uns insgesamt zu viel vorgenommen. Zweite Erkenntnis: In Slowenien – in einigen Tagen – wollen wir Speed rausnehmen.

Nach der Analyse sind es zum Glück nicht mehr so viele Kilometer. Aber genug, um innerlich zu jammern. Zur Ablenkung drehe ich einen Fußball-Podcast auf. Einstimmung auf heute Abend. Die allerbeste Nachricht: Der Livestream der ARD ist auch in Österreich abrufbar. Yes!

Angekommen beim Campingplatz kratze ich noch ein paar Energieschnipsel zusammen und kurve zum nächsten Spar: Radler, Chips und Haribo – herrliches Junkfood für eine Fußballnacht!

Tag 7: Manuela, pack die Knödel aus

95 Kilometer: Hirschbach-Gallneukirchen-Mauthausen-Grein-Hößgang-Willersbach

Eine Brötchentüte auf meinem Gepäckträger. Zwei Mehrkornbrötchen, zwei Buttercroissants. Der Kräuterwirt hat Wort gehalten. Ehrenmann! Weil wegen nix Aufstrich, kaufen wir für 80 Cent zwei Eier im Hofladen – von den gackernden Ladies neben uns. Leckerschmecker.

Wir müssen unsere Route über Bord werfen. Ab Donnerstag soll es schiffen und donnern – genau dort, wo wir hinwollen: in der Steiermark. Dazu Temperaturen um die zehn Grad. Brr. Meine Fußzehen laufen gefühlt jetzt schon lila an. Nein, Danke. Es braucht einen Plan O quasi: Osten statt Süden.

Wir radeln entspannt – mit dem Flow der Rentner – an der Donau entlang, bis nach Wien und von da aus mit dem Zug ins slowenische Herz, nach Llublijana. Und dann ist auch das Soča-Tal nimmer weit – unser Sehnsuchtsziel. Ok, Deal!

Mit Ei und Brötchen auf dem Magengrund geht es durch Oberösterreich. Super zum Biken. Asphalt-Teppiche ohne Mittelstreifen. Auf beiden Seiten des Lenkers Blicke runter ins Tal. Wir machen richtig Meter. Fast 30 Kilometer stetig bergab. Balsam nach gestern.

Zu unserem Glück gesellt sich noch die Donau. Kurz nach Linz fast so breit wie der Rhein bei Köln. Mit jedem Kilometer wird es postkartiger.

Die Erinnerungen an die Tour nach Georgien rieseln in die Gedanken. Mit meinem ehemaligen Mitbewohner Lars bin ich genau hier vor drei Jahren langgefetzt.

Was mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: die Marillenknödel von Manuela. Ein schmuckloser Imbiss mit Plastikstühlen und Flecken auf den Sitzkissen, rechtsseitig der Donau. Mit bisschen Google-Maps-Rein-und-Rauszoomen und Nachdenken finde ich ihn wieder auf der Karte: „Manuelas Radstation“. Mein Herz rutscht in die Radlerhose. Ich bin aufgeregt vor lauter Vorfreude!

Und tatsächlich, der Schuppen existiert noch und hat auf. Herzklopfen.

Rote Speisekarte. Alles zu haben, aber keine Marillenknödel? Ich frage Manuela herself. Sie nickt leicht. War das ein Ja? Die Spannung steigt. Ein anderer Kellner kommt: Habt ihr Marillenknödel? Ein vorsichtiges Nicken. Also wenn, dann gerne mit viel Sahne, sage ich. Kurz darauf kommt der Typ mit der ersehnten Kugel zurück. Mit Haselnuss-Streuseln und Sahne-Lawine. Warm, nicht heiß. Die Welt hört kurz auf, sich zu drehen. Teigig, knusprig streuselig, Sahne-Fluff. Geschmack schlägt Phantasie.

Völlig high radel ich treulos meinem Micha hinterher. Der hat noch Ziele: vor 19 Uhr beim improvisierten Campingplatz neben einem Gasthaus ankommen. Sein flatterndes Hemd, nur noch ein kleiner Punkt. Immer weiter, mit dem Flow der Donau und den Knödel-Endorphinen.

Tag 6: Nach Nass kommt Glücklich

60 Kilometer: Camping Paradijs bei Rajov-Cesky Krumlov-Grenzübergang-Österreich-Hirschbach Kräuterwirt

Sonnenstrahlen im Zelt, Rührei aus der Tüte, Radel-Euphorie in unseren Gesichtern. Doch das ändert sich schon bald. Am Nachmittag färbt sich der Himmel wieder dunkelgrau. Und da ist er wieder, der Regen. Kein schüchterner, sondern so Hey-hier-bin-ich-Regen. Wir stellen uns unter ein Scheuendach unter. Ein österreichischer junger Landwirt öffnet extra das Tor für uns. Achja: Wir sind mittlerweile in Österreich! In Tschechien haben wir kurz vor der Grenze die letzten 100 Kronen verscheuert. Unglaublich, was man für vier Euro alles bekommt:

Zurück in Ösi-Länd: Der Regen lässt minimal nach, also sagen wir uns: Durch da. Mit Regenjacke und Regenhose gegen alle Tropfen. Aber Gegenwind, 15 Grad und eine laufende Nase trüben die Laune. Sommerwetter, wo bischt?

Kurzer Zwischenstopp in einem Supermarkt. Alles klebt, ist nass und hängt schwer runter. An der Fleischtheke ordere ich einen Landjäger. Muss irgendein Survival-Instinkt sein. Die Wurst hat den Durchmesser einer Gurke. Krasses Geschoss, aber hilft. Noch 14 Kilometer rauf und runter – wie schon die letzten 45 Kilometer. Ich muss ganz schön die Zähne zusammenbeißen. Micha fährt vor und motiviert.

Langsam und mit aufgeweichten Fingern kommen wir an – beim Kräuterwirt in Hirschbach (Oberösterreich). Ein Gasthaus mit Wiese für Camper und einer wahnsinnig herzigen Wirtsfamilie.

Eigentlich gibt es nur die Toilette im Gasthaus für die Camper, wir dürfen allerdings die Mitarbeiter-Dusche mitbenutzen. Und damit nicht genug: Der Wirt, ein stämmiger Typ – kurze Haare, laute Stimme, runder Bauch – sagt, dass wir im Gasthaus, genauer gesagt im „Event-Stadl“ auf dem Boden schlafen können. Das sei wärmer und gerade sowieso Ruhetag. Wir zögern kurz, nehmen das Angebot aber gerne an. Kurz darauf das nächste Geschenk: Ob wir Spaghetti Bolognese mögen? Er hätte noch was übrig… Äh, ja klar.

Mit zwei vollen Tellern kommt er zurück. Dazu auch noch Tomatensalat und Brötchen. Als er draußen unseren Gaskocher sieht – für Tee – stapft er wieder vorbei und bringt noch zwei Tassen mit heißem Wasser. Micha fragt, ob es hier irgendwo eine Bäckerei gebe? Nee, sagt der Kräuterwirt. Aber er gehe morgen früh um 7 Uhr schwimmen, er bringe uns danach einfach Brötchen und Croissant mit. Gar kein Problem. Wir sind geplättet vor Glück und Mitmenschlichkeit.