Tag 110: Ins grüne Nest kuscheln

„Nächster Halt: Freiburg im Breisgau“! Eine furztrockene Durchsage für einen feierlichen Moment. 16 Stunden durch die Luft getingelt. Von Tiflis über Istanbul nach Frankfurt. Fahrrad am Flughafen wieder zusammengeschraubt, mit dem ganzen Gerödel in die Bahn gestiegen und dann „Ausstieg in Fahrtrichtung links“! Angekommen. Gänsehaut und Tränen. Denn ich bin nicht allein auf dem Bahnsteig – abgesehen von Oli. Ann-Kathrin, Hanna, Nino, Benny, Lars und Gesa strahlen mich an. In ihren Händen eine bemalte Tischdecke: „Willkommen zuhause Anita“. Ich muss richtig flennen. Umarme alle. Einmal, zweimal, dreimal. Es gibt Sekt. Ich rede wirres Zeug. Nur Freude. Überall. Vom kleinen Zeh bis zum Zopf.

Ein bisschen „high“ aufs Rad. Die letzten Kilometer bis zur WG will ich strampeln. Freiburg by night. Alles so friedlich. Es duftet nach feuchtem Laub. Die Straßenlaternen versprühen Heimeligkeit.

Littenweiler, da bin ich wieder. Gleich mal am WG-Briefkasten rumgefingert. Wieder eine Adresse haben. Wieder ein Klingelschild mit dem eigenen Namen. Wieder einen Schlüssel halten. Mir geht das Herz auf. Auch wenn ich in meinem Bett liege und meine Mitbewohner höre: wie der Schreibtischstuhl über den Boden rollt, wie der Kühlschrank aufgeht, wie der Lichtschalter im Bad angeknipst wird. Geräusche, die zuhause singen. Das Vögelchen ist zurück im Nest. Noch rechtzeitig vor Wintereinbruch.

Am nächsten Tag ist nochmal Sommer in Freiburg. Meine Klamotten trocknen in der Sonne. Zelt, Isomatte, Schlafsack, alles wird gereinigt. Danach schnalle ich acht Rollen unter und kurve herum. Mein Gott ist das schön hier. Und so grün. Wie ein saftiger Smoothie. Direkt schlürfen und wohlfühlen. Und nicht mehr loslassen! Vorerst!

Und damit endet dieser Reiseblog. Mit einem großen Grinsen zwischen den Backen.

106: Gemischte Gefühlstüte in Tiflis

This is the end: die letzten Stunden in Tiflis. Und als Krönung noch mit den Bullen angelegt. Oli und ich sind über eine vierspurige Straße geflitzt. Zu Fuß! Hochgradig kriminell!! Das muss bestraft werden. Dachte sich wohl der Polizist, der uns inflagranti erwischt und alles mit Bodycam dokumentiert hat. „Passports“ (!!!) raunzt die schmallippige Uniform. Wir, total perplexe Schäfchen und natürlich Verbrecher, rücken unsere Chipkarten raus und warten. Der Bulle verschwindet im Wagen. Tippt was ein. Mein Herz beginnt, in einen Techno-Beat überzugehen. Passiert immer, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle. Ich hole zum Gegenangriff aus. Photographiere das Kennzeichen des Polizeiautos. Will den Namen meines Gegenübers wissen. Diskutiere. Gestikuliere! Woher sollen wir denn auch wissen, dass man die Unterführung nehmen soll? Nix Schilder! Der Strafzettel: einfach nur absurd, kleinkariert und absolut ungerechtfertigt. Bußgeld nur 10 Lari, also etwas mehr als drei Euro. Aber es geht hier ums Prinzip! Im Stechschritt heizen wir zur nächsten Polizeiwache. Immer wieder überraschend, wieviel Kilojoule Energie durch Wut entfacht werden. Zisch!

Bei der Polizeistation gibt es zum Glück einen englischsprachigen Officer. Ich lasse diplomatisch Dampf ab und beschwere mich über den Kollegen. Der Strafzettel – mit Olis Daten – bleibt. Wenn wir ihn ignorieren, könnte es beim nächsten Mal Probleme bei der Einreise geben, erklärt uns der sehr bemühte, nette Polizist. Was??? Das wird ja immer schräger hier. Wir sollten ihn also begleichen. Das geht nur bei einer Bank. Wir dackeln zu einem Schalter. Die Dame schickt uns wieder weg, weil Polizist Nummer 1 den Strafzettel nicht korrekt ausgefüllt hat. Unser Fall taucht nicht im System auf. Was ist hier gerade los? Versteckte Kamera? Verschwörung auf allen Ebenen?

Wir beschließen, die Geschichte in eine hintere Schublade unseres Kopfes zu räumen und das Hier und Jetzt zu genießen. Gar nicht so einfach. Aber auf dem großen Bazar klappt’s. Schweineköpfe, Kartoffelsäcke und Thymianbüschel lenken uns schön ab. Wir schlendern also von Stand zu Stand und treffen im Getümmel unseren englischsprachigen Good Cop wieder. So ein Zufall. Er begleitet uns zu einer neuen Bank und nach bisschen Gefummel bekommen wir den Strafzettel von der Backe. Halleluja.

Was für ein letzter Tag. Irgendwie passend zu meinem Grundgefühl: heiter bis wölkig.

Übrigens: Später am Abend überquere ich extra noch ein paar Straßen. Wieder zu Fuß! Und mit dem anderen fast im Knast 🙂

Tag 104: Vitamin Black Sea

Mama hat gesagt: Fahr‘ ans Schwarze Meer! Aye, aye captain, Leinen los und volle Allrad-Kraft voraus. Drei Stunden Rumgegurke im Schlamm bis zum Treffpunkt bei „Royal Motors“ in Batumi. Ann-Sophie wartet schon auf uns. Sie hat einen Zug von Tiflis aus genommen. A trois rütteln wir uns von einem ins nächste Schlagloch, juckeln über sumpfige Wiesen und durchqueren einen Fluss (mit Lada). Bis wir an der Waterkant ankommen. Rundgeschliffene Kiessteine, schäumende Gischt, wuchtige Wellen. Ein verlassener Küstenstrich trifft auf drei ausgelassene Wildcamper. Perfektes Match! Wir bauen unsere Koch-Station auf. Gibt Spaghetti mit Spinat-Ricotta-Soße und Salat. Und machen später Lagerfeuer mit den getrockneten Kuhfladen. Zertrümmern auch noch eine Holzpalette. Knister, knister!

Nächster Morgen: Schwarzes Meer im Sonnenschein. Was für eine Kulisse! Da muss das Frühstück in Schönheit nachziehen. Wir braten Pfannkuchen an und schnibbeln Apfelscheiben rein. Heiße Butter mit Meeresrauschen – Nase, Augen und Ohren, hier bekommt ihr aber echt mal was geboten!

Ist das Wasser eigentlich kalt? Ich halte mal meine Flossen rein. Nee, lauwarm. Und das Mitte Oktober. Ann-Sophie und ich, Team Nacktbaden, passen eine gute Welle ab und watscheln hinein. Unsere Gesichter schreiben das Wort: GLÜCK.

Oli hält die Stellung am Ufer und macht unsere Kutsche klar. Nach dem Meer geht es in die City namens Batumi. Moderne Wolkenkratzer, Parks und viele Casinos. Und viele Russen. Aber die sind gerade eh überall in Georgien. In Tiflis sind die Mieten daher deutlich nach oben geklettert. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. Jetzt wollen wir noch zum Fischmarkt. Das Best of Unterwasserwelt zum Greifen nah: Lachs, Butt, Kaviar…Fischlaraffenland.

Schließlich landen Dorade, Oktopus und (Lachs-)Forellen in unseren Plastiktüten. Im Restaurant nebenan kann man das Fanggut direkt anbraten lassen. Einfach nur köstlich!

Danke, Mama.

Tag 102: Unterwegs mit (Blue) Rössle

Ein blauer Lada Niva mit Untersetzung, Permanentallrad, Differentialsperre…und äh Lenkrad! Unser Zuhause für die nächsten vier Nächte. Ein längst überfälliges Geschenk an Oli. Hatte ihm vor zwei Jahren einen Gutschein für eine Dachzelt-Tour geschenkt und nie eingelöst. Aber jetzt. In Georgien. Das hat doch mal Stil! Für 60 Euro am Tag gehorcht das „Blue Rössle“ auf unsere Kommandos: Wir galoppieren in den Westen des Landes. Zuerst in die Region Samzche-Dschawachetien.

Unser Gefährte – reich an Kult und arm an PS – hat alles Überlebenswichtige und noch ein bisschen Schnickschnack an Bord: einen Gaskocher, Wassertank, Kühlschrank, Tisch und Stühle, einen Internet-Hotspot. Sogar Bettdecke und Kopfkissen. Der Verleiher „Overlando“ weiß einfach, wie man Camperherzen zum Hüpfen bringt.

In der ersten Nacht kuscheln wir uns an große Heupyramiden. Windgeschützt und duftend. Der dazugehörige Bauer (natürlich vorher um Erlaubnis gefragt) schenkt uns am nächsten Morgen Gemüse und Äpfel aus dem eigenen Garten. Madloba, madloba (Danke). Ich lasse noch drei fliesengroße Kuhdung-Stücke mitgehen. Überraschend geruchsneutral im Auto. Träume immer noch von einem Lagerfeuer mit Stockbrot.

Apropos Träume: Da war ja noch was mit Hühüs! Über die App „Park4Night“ finde ich einen Pferdehof mit geführten Touren. Seit Wochen halten mich Pferdchen auf Trab. Ist Anziehung. Will reiten. Endlich klappt es! Die Pferdefrau leiht uns zwei Helme. Oli sieht aus wie eine Mischung aus Police Officer und Wehrmachtssoldat. Ich wie ein überreifes Pferdemädchen. Egal. Rauf auf den Gaul und genießen. Jeweils ein Guide führt uns durch die Landschaft. Oh, bitte lass es nicht aufhören!

Und Feuer gefangen? Vollbrand! In Freiburg muss ich auf die Koppel. Bis zur ersten Reitstunde genügen auch ein paar Ausritte auf meinem Drahtesel. Den ich übrigens schon sehr vermisse!

Tag 99: Gergeti muss sein!

Bettdecke wegschieben, an der Gardine zupfen und in den Himmel glotzen. Yes! Die graue Pampe von gestern hat sich verzogen, es lebe weiß auf blau! Wir sind in Stepanzminda, kurz vor der russischen Grenze. Hier thront die Gergeti-Dreifaltigkeitskirche über der kleinen, hässlichen Stadt. Die anmutige Stein-Ansammlung ziert unzählige Postkarten und Reiseführer. Ist so etwas wie der Eiffelturm oder das Brandenburgische Tor Georgiens. Total touristisch. Deswegen habe ich lange mit mir gerungen, ob ich dafür überhaupt drei Stunden im Bus hocken will (von Tiflis). Inneres Gänseblümchen-Blätter abrupfen: Ich will. Ich will nicht. Ich will! Also los! Oli fährt auch mit. Aber beim Wandern ist er raus. Amen!

Um kurz nach 8 Uhr mache ich auf die Socken. 400 Höhenmeter. Sonne im Rücken und freie Sicht auf den Kasbek. Georgiens zweithöchsten Berg. Mehr als 5.000 Meter hoch. Prometheus soll hier ganz schön Trouble gehabt haben. Göttervater Zeus kettete ihn nämlich auf dem Gipfel an – als Strafe, weil sein Söhnchen das göttliche Feuer zu den Menschen gebracht hatte. Zu allem Übel knabberte ein Adler immer wieder die prometheuische Leber an, die sich zwar erneuerte, aber trotzdem: bloody hell!

Verschneiter Kasbek im Background

Jetzt aber mal zur Diva im Vordergrund des Kazbeks: der Wallfahrtskirche Gergeti. Aus dem 14. Jahrhundert. Ehrwürdige Lady! Mit Dresscode! Kurze Hosen sind verboten. Frauen müssen Rock und Kopftuch tragen. Ein Korb mit „Equipment“ wartet vor der Kirchentür. So manche Touristin verwandelt sich dabei unabsichtlich in eine Karikatur ihrer selbst. Der aufpassende Mönch (?) neben dem Eingang behält jedenfalls die Contenance und liest stoisch auf seinem Kindle.

Als ich wieder ins Sonnenlicht trete, teile ich mir den zuvor ruhigen Kirchenvorplatz mit einer chinesischen Reisegruppe. Posen, Photos, Selfiesticks. Ich will weg.

Auf einem Hügel neben der Kirche pflanze ich mich ins Gras. Ein Kuhfladen neben mir sagt Hallo! Genauso wie ein herrenloser Husky mit caramellfarbenen Augen. Wer hat dich denn geschickt? Ich kraule ihn einmal durch. Danach weicht er mir nicht mehr von der Seite. Wartet sogar auf mich bei einem abgerutschten Hang.

Nach fünf Kilometern und vielen Serpentinen verschwindet er wieder. Irgendwo im Wald. Schade, treuer Freund auf Zeit! Was ich Oli später erzähle: Das Beste an der Gergeti-Kirche war der Hund!

Tag 95: Großes Kino im Kaukasus

Drei Blasen am rechten Fuß (warum nur rechts???), Muskelkater in den Schenkeln, ausgeleierte Schultern – nur kleine und absolut lohnenswerte Wehwehchen für so eine spektakuläre Tour durch den Kaukasus.

Fünf Tage lang haben uns unsere Füße näher zu den Wolken gebracht. Der häufigste Gedanke: Was für eine Landschaft! Direkt aus dem Outdoor-Katalog ausgeschnitten und wärmstens ausgeleuchtet. Dieses Gras! Ich bin immer noch verliebt. Das klingt total bescheuert, aber diese sonnengetrockneten Halme hatten etwas Liebliches und gleichzeitig etwas Melancholisches. Eine Decke für die Berge, eine Choreographie im Wind, eine Erinnerung an den heißen Sommer. Wir stapfen auf schmalen Pfaden bergauf, bergab. Am Anfang säumen noch Dörfer unseren Weg. Dunkle Schiefer-Burgen und Wehrtürme. Aus der Zeit gefallen. Verfallen. Teilweise menschenleer. Viele Kaukasusianer sind schon ins Tal umgezogen. Zurückbleibt eine ambivalente Stimmung: irgendwie trostlos, aber auch magisch.

Kein Handyempfang, kein Supermarkt, keine Straßen – der normale Alltag verschwindet hinter den Hügeln. Im letzten Dorf vor dem Atsunta-Pass lernen wir Giorgi kennen. Er nimmt uns auf, richtet Bettzeug und ruft seinen Nachbarn herbei, der für uns kocht: Bratkartoffeln, Käse, Brot, Tomaten, Wassermelone. Im Wissen, dass fast alles fünf Stunden auf einer katastrophalen Schotterpiste hier hochgebracht werden musste, schmeckt‘s natürlich noch intensiver.

Wir verbringen den Abend mit vier anderen Wanderern. Aus Deutschland, Polen und Frankreich. Am nächsten Morgen verstreuen wir uns wieder.

Vor Oli und mir liegen zwei Nächte unter freiem Himmel. Wir essen morgens Müsli mit Wasser, kochen abends Nudeln mit Tomatenmark, schlürfen Quellwasser und wickeln uns dann in die Daunenschlafsäcke ein. Tagsüber holen wir uns Sonnenbrand, nachts Frostbeulen (im metaphorischen Sinne).

Am vierten von fünf Wandertagen erwartet uns der Atsunta-Pass. Rund 3.500 Meter über dem Meeresspiegel. Was für eine Wand. Auch noch mit Schneefeldern. Ich bin ganz klein mit Hut. Und total außer Atem oben. Sprachlos. Eingeschüchtert. Lebendig. Eine neue Dimension für ein deichverwöhntes Nordlicht!

Nach knapp 75 Kilometern erreichen wir dann am fünften Tag wieder ein Dorf namens Shatili. Zwischendrin mussten wir uns bei mehreren Posten der Border Police registrieren. Kleine Wellblechhütten im Nix. Wären wir nicht spätestens nach sieben Tagen in Shatili angekommen, hätten die Officer nach uns gesucht! Den Service brauchen wir zum Glück nicht.

In Shatili treffen wir wieder auf zwei Wanderer, die wir bei Giorgi kennengelernt haben. Sie haben einen Pickup-Fahrer klargemacht, der uns spontan nach Tiflis braust! In die Welt mit Neonröhren, 5G und Snickers in den Supermarktregalen. Auch schön!

Tag 91: Wir wandern in die Stille

14 Kilometer: Omalo-Dartlo

Zelt, Schlafsack, Isomatte, Klamotten, Kulturplastiktüte, Gaskocher und Essen für mehrere Tage – reingestopft in den Trekking-Rucksack! Ab geht die Post. Oli und ich schnallen die Wanderschuhe unter. Fünf Tage, 75 Kilometer, tausende Höhenmeter. Hinein in die kaukasische Einsamkeit. Dachten wir.

Bei Kilometer 7 plötzlich Kettensägen-Geheule. Mehrere, redselige Förster winken uns zu sich. Sie laden uns auf einen Schnaps ein. Chacha genannt. 55 Umdrehungen. Erst trinken wir auf die deutsch-georgische Freundschaft, dann auf die Liebe und am Ende auf Jesus Christus. Insgesamt fünf Runden für Oli, ich stoppe nach dem dritten Durchlauf. Zum Glück haben die Jungs Brot und Käse zum Ablöschen dabei.

Bisschen angedüdelt geht die Reise weiter. Immer wieder kommen uns Viehherden entgegen. Schafe, Ziegen, Kühe, Pferde – alles auf dem Weg zum Winterquartier! Auch die meisten Tuschen (Einwohner in Tuschetien) verlassen ihre Häuser und überwintern im Tal. Rund zwei Autostunden von ihrem Zuhause in den Bergen entfernt. Nur ein paar Familien harren hier oben aus – bei -20 Grad, Schnee-Overload und null Supermärkten. Unfassbar, wo und wie leben möglich ist.

Jetzt, kurz vor der Sperrung der Straße ins Tal (20. Oktober) leert sich also der Kaukasus – von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Das Dorf, in dem wir nachmittags ankommen, ist schon so gut wie ausgestorben. Aus einem Schornstein strömt noch Rauch. Leben!

Es ist einsam und einzigartig zugleich. Touristen sind fast alle weg, dabei könnte die Landschaft nicht schöner leuchten. Rot, gelb, grün. Der Herbst pinselt die Hänge an. Die Sonne wärmt noch, aber die Luft trägt schon den Winter heran.

Und wir hören das Ticken der Uhr: nicht mehr lange, dann deckt sich der Kaukasus mit weißen Flocken zu.

Tag 89: Im Schleudergang durch den Kaukasus

Tiflis-Omalo

So richtig warm werden wir mit Tiflis nicht, noch nicht. Ist wie bei einem Herd, bei dem zwei von vier Platten kaputt sind. Irgendwie funzt und funkt es nicht. So viele Autos, so fette Straßen, so viele junge, gestylte Leute in so vielen jungen, gestylten Cafés. Einmal Tiflis authentisch, bitte mit einem Schuss Sahne!

Auch wenn es hübsche Ecken mit urigen Bäckereien, Gässchen und Hinterhöfen gibt: Wir wollen in die Natur. Wir wollen Kaukasus! Aber ohne Rad, dafür mit Trekking-Rucksack. Meinen Esel durfte ich im Hotel lassen.

Bergdörfer statt City life: Tuschetien heißt das Zauberwort. Die östliche Region Georgiens steht für ein Am-Ende-der-Welt-Gefühl. Abgeschieden, unberührt, sagenumwoben. Genau hier wollen Oli und ich ein paar Tage wandern und viel Grün einsaugen. Ann-Sophie fährt morgen los.

Für die ersten Nächte haben wir ein Zimmer in einem Guesthouse in Omalo gebucht. Der Inhaber, zufällig auch gerade in Tiflis, chauffiert uns für einen Freundschaftspreis (90 Euro) hoch. Erst zwei Stunden Asphalt, dann vier Stunden Schotter und Geröll. Der Mitsubishi kraxelt sich nach oben. Schwenkt nach rechts, nach links, rein ins Loch, wieder raus, über Felsbrocken. Krawumm. Wir schleudern mit. Mal dötzt meine Stirn gegen die Scheibe, mal hebt eine Pobacke ab. Die Organe werden neu sortiert. Immer wieder denke ich: Gleich muss ich reihern. Aber nix passiert. Die eingeklemmten Kotztüten im Sitz vor mir kommen nicht zum Einsatz. Vielleicht wegen der guten Ablenkung. Diese wunderschönen Berge. Als hätte jemand ein grünes Samttuch drübergelegt, das Falten wirft. Photos folgen…WLAN ist hier im Gegensatz zu allem anderen nicht so dolle.

Tag 86: Aus Fernvelo wird Fernfeet

Wir sind in Tiflis, wir sind am Ziel. Das checke ich noch gar nicht. Noch denke ich in Höhenmetern, Kilometern und Windstärken. Wohin mit den Händen, wenn nicht an den Lenker? Wohin mit dem Po, wenn nicht auf den Sattel? Wohin mit den Füßen, wenn nicht auf die Pedale?

Erstmal runterkommen, viel schlafen und die Eindrücke anverdauen. Gemeinsam mit meinem Oli, der in wenigen Minuten in Tiflis landet. Grüße aus der Arrival-Halle! Mein Puls? Bestimmt vierstellig gerade.

Drei oder vier Tage werden wir uns in der Stadt treiben lassen. Dann fahren wir in die Berge. Ich möchte unbedingt eine geführte Tour mit Pferden machen. Und in Hütten schlummern. Einen Lada steuern. Stockbrot im Lagerfeuer backen und vieeeel wandern. Aus Fernvelo wird daher in den nächsten drei Wochen Fernfeet. Reiseberichte wird es natürlich weiterhin geben. Aber nicht mehr täglich. Mama, mach dir keine Sorgen!

Ich bin gerade einfach nur unendlich aufgeregt (Oli) und auch unendlich dankbar:

  • Mein Rad, du Stahl-Fels in der Brandung. Keine technischen Katastrophen, nur zwei Platten. Top-Qualität!
  • Meine Beine, ihr Kraftmonster! Mit ein paar Magnesium-Tabletten gebt ihr euch zufrieden. Keine Krämpfe, keine Allüren, nur ehrlicher Muskelaufbau!
  • Meine Reisefreundin Ann-Sophie, meine mitfahrende Glückssträhne, so fröhlich, so herzlich, so pfiffig. Ohne dich, wäre alles doof gewesen. Zwei Fische in der Wildnis, aber nie verloren.
  • Meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen, mein Freund (mittlerweile ein Freund!), ihr wart immer mein Rückenwind!

DANKE ❤️!

Tag 85: Tiflis! Sie haben Ihr Ziel erreicht.

42 Kilometer: Didgori-Tiflis

Drei Hügel, 1.000 Höhenmeter downhill und hunderte runterrieselnde Blätter später sehen wir die ersten Ausläufer Tiflis. Plattenbau in allen möglichen Variationen. Von potthässlich bis modern geschwungen. Wir folgen dem Autostrom und werden auf einen großen Boulevard gespült. Eine Kette neben der anderen. Spar, Body Shop, L‘Occitane. Erstmal durchatmen in einem Café. Auch dieses vollkommen durchgestylt. Mittdreißiger nippen an sumpfgrünen Gesundheitsdrinks. Irgendetwas läuft hier falsch. Wo sind wir bloß gelandet? Hatten wir zu hohe Erwartungen?

Unsere Übernachtung bei einer Fahrradaktivistin (Warmshowers) klappt auch nicht. Wir buchen ein Hotel. Vor dem Einchecken wollen wir, äh nee, müssen wir zum Waschsalon. In 1,4 Kilometern soll einer sein. Google Maps scheucht uns gefühlt die steilsten Straßen Tiflis hoch, bis zu einer Sackgasse. Wir ziehen blank und schlüpfen in unsere noch nie genutzten Regenhosen. Treppe hoch und dann… nix Waschsalon. Eine Passantin schickt uns die Straße runter. Wir packen wieder alles ein und fahren hin. Ist aber nur eine Reinigung. Bei unseren zig Teilen viel zu teuer.

Nochmal googeln. In vier Kilometern, anderen Ende der Stadt, soll es wirklich einen Waschsalon geben. Kurz überlege ich, ob ich mir einfach neue, gebrauchte Klamotten kaufe. Aber nein, nicht aufgeben. Wir kurbeln hin. Natürlich in Regenhosen. Ann-Sophie kann ihr Modell so strippermäßig an der Seite öffnen. Gute Belüftung. Ich leider nicht. Beim nächsten Regenhosen-Verkauf wird darauf geachtet. Und ja, endlich. Der Salon existiert. Die Maschinen sehen unverwüstlich aus. Halleluja.

45 Minuten waschen, 20 Minuten trocknen. Geschafft! Mit der heißen Ware durch die City. Und dann gibt es nur noch einen Ort, an dem wir sein wollen: im Hotelbett! Morgen bekommt Tiflis ne zweite Chance.