Tag 30: Nudisten für Anfänger

47 Kilometer: Argelès-sur-mer – Ceret – Camping Naturiste du Mas de la Bauma (bei Taulis)

Seit Tagen sprechen wir darüber, heute fahren wir wirklich hin: zum Camping Naturiste, mitten in den Pyrenäen. Nackt und ungeschminkt.

Allein der Weg ist voller Verheißungen. Die Pyrenäen breiten ihre wilden, grünen Arme aus und verschlingen uns. Wir sind im Bann – und wir sind albern. Dürfen wir überhaupt mit den Radklamotten zum FKK-Camping oder müssen wir uns vorher ausziehen? Sind Sandalen erlaubt? Werden die Leute an der Rezeption nackig vorm PC hocken? Viele Fragen, zero Erfahrung in dem Bereich. Noch 1.000 Meter und mein Bauch füllt sich mit kribbeliger Aufregung – kenne ich, wenn ich zu meinem Freund fahre und die letzten S-Bahn-Stationen durchgesagt werden: Horrem, Merzenich, Düren. Bummbummbummbumm.

Die Einfahrt ist steinig und abschüssig. Ohje, was machen wir hier? Ah, da tauchen die ersten Wohnwagen und Nackedeis auf. Zwei ältere Herren im Adamskostüm schauen entspannt in unsere Richtung. Na dann gehen wir mal zum Empfang. Die Situation ist etwas kurios. Wir erhaschen einen Blick in die Küche des Hauses. Dort huscht ein leicht aus der Form geratener Po vorbei. Rückwärtsgang, Kichern, wieder reingehen. Äh, bonjour?! Eine ältere Dame – natürlich komplett nackt – heißt uns willkommen. Wir sollen kurz warten. Schwiegersohn Marc kommt gleich und zeigt uns die Parzelle. Nackedeis aus allen Himmelsrichtungen wandeln umher. Scham, Vergnügen, Überforderung. Hilfe, saß auf meinem Plastikstuhl vorher ein Nackter? Ihh, da pest schon Marc mit dem Golfcar an. Nackt. Er erinnert mich an Schauspieler Colin Firth. Jetzt nur nicht aufs Gemächt glotzen. Konzentrier dich! In die Augen gucken, in die AUGEN! Es klappt – fast. Marc bemerkt meine voyeuristischen Entgleisungen gar nicht, er ist voll in Aktion. Bei Ann-Sophie hat sich der Schnellspanner (haha!) ums Hinterrad gewickelt. Ein anderer Nackter eilt herbei. Bisschen Gefummel, aber es löst sich.

Beim Platz angekommen, ziehen wir erstmal blank. Eine echte Wonne! Raus dem Sport-BH-Korsett, raus aus der Radhosen-Wurst. Befreiung! Sowieso viel zu warm für Klamotten. Ein älteres Pärchen guckt mal rüber. Kostet alles Überwindung, aber lohnt sich. Dieses Gefühl, wenn der Wind die Härchen am Rücken zum Tanzen bringt, unbeschreiblich. Wenn nix einschnürt oder drückt, wenn alles einmal durchatmen darf!

Irritiert und amüsiert spazieren wir zum Naturbadeteich, der zum Campingplatz gehört. Wegen Sonnenbrandgefahr schmeiße ich eine Bluse über. Voll overdressed. Der Teich, eine grüne Lagune. Dieser Flecken, nicht von dieser Welt.

Das Gelände umfasst 50 Hektar Nacktheit. Abgeschieden und naturschön. Viele Holländer, keine bekannten Gesichter. Ein gutes Reinschnuppern ins FKK-Business. Und das Beste: Am Abend gibt es Lasagne. Von den Betreibern zubereitet. Natürlich nackt. Kurz ertappe ich mich bei dem Gedanken: Was ziehe ich an? Achja, nix mit nix.

Und da sitzen Ann-Sophie und ich. Umringt von so viel Haut. Es ist unglaublich. Kleine, große Busen. Speckig, schwabbelig, schmächtig. Problemzone? Was ist das eigentlich? Jeder Körper, ein Unikat. Wir genießen es und lassen wirklich mal alles baumeln! Nicht nur die Seele.

Tag 29: Rad ab

Nur ein paar zerquetschte Kilometer zum Bikeshop

Wenn Ann-Sophies Vorderrad nicht schleifen würde, wären wir zwei Bike-Biester bestimmt weitergezogen. Aber so gehen wir auf dem Campingplatz in die Verlängerung. Die Zwangspause tut uns richtig gut. Morgens gammeln im Campingplatz-Café, dann am Pool rumhängen. Ann-Sophie tippt an ihrem Essay für die Uni. Ich fahre das große Beauty-Besteck auf: Handcreme, Feuchtigkeitsmaske und ein Buch für die innere Schönheit. Die Maske verspricht 144 Prozent Feuchtigkeit. Präzise! Das matschige Tuch ist auf jeden Fall ein Hingucker. Eine Mischung aus Fetisch, Sturmhaube und Horrorfilm. Für den Pool-Verweis reicht es allerdings nicht.

Die Sonne wandert über unsere Köpfe und die Luft wärmt sich immer mehr auf. Irgendwann machen unsere Hintern schlapp. Genug geplättet auf den Liegestühlen.

Wir setzen uns wieder in Bewegung. Zum nächsten Bikeshop. Dort gibt es ein neues Vorderrad für Ann-Sophie. Beim alten ist die Nabe kaputt. Reparieren geht bei dem Modell schlecht. Für 90 Euro, inklusive neuer Bremsscheibe, steht der Pyrenäen-Tour nun nix mehr im Weg. Juhu!

Das muss gefeiert werden! Mit Essen natürlich. Wir verheiraten Vollkorn-Nudeln mit einer Spinat-Brokkoli-Roquefort-Soße! So gut.

Vor der Schlemmerei machen wir übrigens nochmal Bestandsaufnahme unserer Radtaschen und sortieren fast zwei gefüllte Jutebeutel aus. Das dicke Sockenpaar, der Pullover, die lange Hose müssen gehen! Bei Ann-Sophie ist es vor allem der Laptop. Der Essay ist im Kasten. Weg mit der Kiste. Statt zur Post gehen wir einfach zu unseren Platz-Nachbarn und vertrauen unser Hab und Gut zwei jungen, verbrannten Herren aus dem Elsass an. Der eine wohnt in Marckolsheim, nur etwa 30 Minuten von Freiburg entfernt. In seinem BMW-Schlitten ist noch Platz. Auch das defekte Vorderrad reist mit den Jungs mit. Da will Ann-Sophie eine neue Nabe einbauen… irgendwann, wenn wir zurück sind! Dann befreie ich auch die ausrangierten Sachen aus dem Elsass 🙂

Tag 28: Höchster Tiefpunkt

32 Kilometer: Perpignan-Collioure-Camping las Mimosas

Unser Frühstück – kalorientechnisch der Höhepunkt des Tages. Was wie ein aufgeblähtes Steak aussieht, ist in Wahrheit eine französische Liebeserklärung an den Gaumen: ein sogenanntes Pain perdu, armer Ritter im Deutschen. Eine fluffige Brioche-Scheibe, getunkt in Butter, Milch und Eier. Angebraten und treibend in einem Karamell-See. Goldbraun wie die Felder hier. Es schmeckt so fein. Beim letzten Bissen spüre ich richtig Abschiedsschmerz. Das ist aber nicht das Einzige, was weh tut.

Die Eindrücke aus der Notaufnahme wirken noch nach. Perpignan ist anders als die bisherigen Städte. Weniger reich und lieblich. Wir sehen gammelige Baguettes im Rinnstein, Müllberge vor Haustüren und viele verlebte Gesichter. Nicht nur, aber auch. Das opulente Pain perdu auf unserem Teller – irgendwie deplatziert.

Mit gemischten Gefühlen lassen wir Perpignan hinter uns. Wir wollen nochmal ans Meer. Aber das Meer will uns nicht. Drei Campingplätze weisen uns ab. Komplett, full, sorry. Die Straßen sind eng, neben uns Sonnenbrände auf zwei Beinen mit ihren aufblasbaren Donuts, Fast-Food-Buden, SUVs kleben am Gepäckträger. Nur weg hier. Aber wohin?

Wir haben Glück. Ein vom Meer entfernter Campingplatz hat noch Restplätze. Wir beeilen uns. Es klappt! Die Ladies an der Rezeption sind sehr herzlich und sagen, dass wir erstmal ne Runde im Pool chillen sollen. Leider keine Zeit. Ann-Sophie hat Probleme mit ihren Bremsen und ich muss mein Lavendelsäckchen aus diesem gottlosen und abrissbereiten Hotel in Perpignan retten. Habe es leider heute Morgen unterm Kopfkissen vergessen. Es dort zu lassen, kommt nicht in Frage.

Vom Campingplatz sind es nur zwei Kilometer bis zum Bahnhof und dann 18 Minuten mit dem Zug. Das geht. An der Hotelrezeption liegt es schon bereit. Große Wiedersehensfreude. Von nun lasse ich es nicht mehr los – na gut zum Radeln schon.

Auf dem Heimweg kehre ich noch bei Lidl ein und besorge Burger-Utensilien. Ann-Sophies Radproblem ist leider größer als gedacht. Morgen mehr dazu. Jetzt erstmal Burger-Koma!

Tag 27: Early birds

73 Kilometer: Domaine de Mingraut-Opoul Périllos-Perpignan

Bevor die Sonne aufwacht, tun wir es. Sechs Uhr dreißig. Augen auf Halbmast. Darunter mindestens fünf olympische Ringe 🙂 So fühlt es sich an, aber so schlimm ist es gar nicht. Bei etwas mehr als 20 Grad packen wir unsere Habseligkeiten zusammen. Unsere Schweißporen halten ihre Fenster noch geschlossen. Richtig angenehm.

Mit dem Morgenglanz im Gesicht schwingen wir uns auf unsere bereiften Kompagnons. Die Route, genau nach unserem Gusto. Wenig Autos, guter Belag – und wenn die Markierungen auf der Fahrbahn verschwinden, beginnt das Abenteuer erst. Im Naturpark Corbières-Fenouillèdes, der sich an die Pyrenäen anschmiegt. Die Felsen berühren uns fast. Weite Sicht, viele Hügel. Schroffe Spitzen. Bei den Abfahrten wachsen uns beinahe Flügel.

Wenn wir nicht gerade kacheln, plaudern wir über das liebe Leben: Was ist Attraktivität? Wie geht Genuss? Welche Bedeutung hat Geld? Unbemerkt verpuffen dabei 600 Höhenmeter.

Der Plan geht auf! Die Kirchturmuhr schlägt 12 Uhr. 50 von 70 Kilometern sind weggeschmiergelt. Wir entkommen der Nachmittagsglut. Jetzt mampfen und weiter geht‘s!

Perpignan, da sind wir! Wir könnten ins Hotel einchecken oder noch einen Zwischenstopp in der Notaufnahme einlegen. Corpus delicti ist mein Furunkel in der Leiste. Möglicherweise braucht es da einen kurzen Schnitt. Bevor wir die Pyrenäen erklimmen, möchte ich das auf jeden Fall nochmal checken lassen. Ich melde mich an und warte. Ann-Sophie besorgt derweil Snacks im Lidl. Eine Notaufnahme ist wie eine Sitcom. Umso spannender im Ausland. Krücken, Tränen, Blut – und durchsichtige Kotztüten.

Nach drei Stunden, heißt es „Wästrüüp“. Ich werde in ein Behandlungszimmer geführt, wieder warten. Meine Radhose hinterlässt einen kleinen Schweißfleck auf der Liege. Wie peinlich. Bis der Doc kommt, ist alles wieder trocken. Gutes Timing. Der Arzt guckt sich mein Fürünkel an und verschreibt mir ein Antibiotikum. Darf ich jetzt gehen? Fast. Muss noch 54,74 Euro für die Behandlung blechen.

Zurück zu Ann-Sophie. Erstmal Erleichterung. Radfahren kann ich weiterhin, sagt der Doc. Aber ein Antibiotikum fühlt sich falsch an. Auch Ann-Sophie hält es für überzogen. Wir holen uns nochmal Rat in der Apotheke gegenüber. Dort gibt es eine antibiotische Salbe. Die ist viel besser – legt nicht gleich das ganze System lahm. Mit dem Mittelchen geht es dann endlich zum Hotel. Das ist ziemlich runtergerockt, aber nach alldem, was wir in der Notaufnahme gesehen haben, ist das absolut nebensächlich.

Tag 26: Pulle Rotwein im Gepäck

65 Kilometer: Château Coujan-Capestang-Domaine de Mingraut (Fontcouverte)

Auf dem Weg zur Toilette, schon ein Geschenk entdeckt: zwei Joghurtbecher auf meinem Gepäckträger. Hat uns Muriel spendiert, die Lady, die das Weingut ihrer Freundin hütet. Der gestrige Abend dröhnt noch im Kopf. Zwei Flaschen Rosé für drei Seelen. Kurzum: Ann-Sophie und ich waren knülle. Trinken ja nur Leitungswasser – all day long.

Gegen Mitternacht hat uns Muriel noch durchs 300 Jahre alte Schloss geführt. Eine Zeitreise. Stofftapete an den Wänden, Portraits der Vorfahren, edle Standuhren. Ça reste entre nous (das bleibt unter uns), sollen wir Muriel versichern. Bien sûr. Die Frau holt dann noch drei Magnum raus. Wir sind selig.

Die Gastfreundschaft steht mit dem Sonnenaufgang wieder auf. Ob wir nochmal in den Pool wollen? Oder duschen? Tee oder lieber Kaffee? Wir bleiben bei unseren Haferflocken. Der Joghurt dazu ist schon Highlight genug. Denn normalerweise rühren wir uns aus Hafermilchpulver und Wasser eine Milch an.

Die Uhr schlägt 11 Uhr und wir sagen au revoir zu Muriel. Es gibt nochmal Geschenke: zwei wunderschöne Pfauen-Federn und eine Flasche Rotwein. Total nett, aber auch total unpraktisch auf dem Rad. Wir rollen aus dem Hof und winken noch lange. Irgendwann gibt es ein Wiedersehen…

65 Kilometer stehen heute auf dem Menü. 25 bis zur Mittagspause, 40 bis zum Ziel. Die Nachmittagsetappe fühlt sich an wie die Qualifikation zum Iron Man. Wir kämpfen wie Löwinnen. Die Sonne brutzelt so. Besonders auf den Wangen und auf den Füßen. Kleine Lichtblicke: die kurze Passage entlang des Canal du Midi.

Bei der ganzen Sonneneinstrahlung schmilzt irgendwann auch der Verstand, denke ich so bei der nächsten Begegnung. Bei einer kurzen Rast lernen wir einen Hundebesitzer kennen. Er hat einen Schäferhund am Start und einen… Wolf! Ja, wirklich. Einen zweijährigen Wolf, der ultra sabbert. Das kommt vom Autofahren, sagt Herrchen. Seit wann fahren Wölfe Auto? Ist das denn überhaupt legal, einen Wolf zu halten, frage ich? Oui oui, kein Problem, wenn das Tier kastriert sei. Puh, ist das alles crazy hier. Wir machen uns aus dem Staub.

This is Varq!

Mit der letzten Energie trudeln wir wieder bei einem Weingut ein. Dusche und Toilette können wir mitbenutzen und einfach geben, was wir wollen. Die Winzer laden uns zu einer Weinprobe ein. Nur riechen ginge auch, sagt der Gastgeber. Non, merci. Bei uns ist der Ofen leider aus, aus, aus.

Tag 25: Endorphine kurbeln

76 Kilometer: Montpellier-Pézenas-Château Coujan

Ann-Sophie und ich sind back on track. Okzitanisches Hinterland statt Strandmeile. Schon 20 Kilometer geradelt und keinen einzigen Postkartenständer gesehen. Strike. Weg von den bizarren Touri-Beton-Pötten hin zu Dörfern mit echter Patina. Und mit nur einem schlagenden Herz auf der Straße, und zwar das einer getigerten Katze.

Radeln, einfach nur radeln. Bei den Abfahrten zerfetzt es beinahe die Leinenbluse. Mon dieu, macht das Spaß.

Läuft!

Mittags landen wir in einem malerischen Dörfchen namens Pézenas! Auf den Stufen der Kirche löffeln wir im Schatten unsere Fertigsalate. Kleine Läden, viel Leben. In einer Boutique werden wir schwach. Trotz Panade (Sonnencreme) auf der Haut und klebrigen Fingern (Orangen) steigen wir in die Kabine und verlieben uns Hals über Kopf in zwei Röcke. Gesehen, gekauft.

Die nächsten Kilometer sind kein Zuckerschlecken. Die Sonne im Westen, mitten in der Fresse. Gegenwind. Noch 20 Kilometer. Jetzt wird es Zeit für Deichkind. Krawall und Remmidemmi. Mein Algorithmus landet irgendwann bei Edith Piaf „Je ne regrette rien“. Das passt wie die Faust aufs Auge. Der Weg ist nur noch eine Schotterpiste. Aber auch dieser wird sich lohnen…

Wir erreichen ein altes Château (Weingut), das wir bei der App Park4Night gefunden haben. Eine ältere Dame mit zwei Hunden empfängt uns – gar nicht begeistert. Wir hätten anrufen sollen. Ohje. Nichtsdestotrotz führt sie uns zu den Olivenfeldern. Da können wir unser Zelt aufschlagen. Voll gut.

Wenig später kommt sie zurück. Sie sagt, wir dürfen den Pool der Ferienwohnung mitnutzen. Wow, was für ein Glück. Gebadet und noch mit Handtuch-Turban auf dem Kopf sehen wir die Dame wenig später wieder. Wir sollen unser Essen mitnehmen und auf die Veranda kommen. Das Kuriose: Überall spazieren Pfaue herum. Wo sind wir hier? Märchenland? Oui! Die Dame namens Muriel hütet das Château ihrer Freundin Florence und sie managt dann auch die Gästeströme. Kurzum, die Frau ist der Hammer.

Drei Gläser und eine Rosé-Flasche stehen für uns schon bereit. Während ich diese Zeilen tippe, sind schon zwei Bouteilles vernichtet. Wir reden über Zufälle, schöne Begegnungen und Politik. Die Pfaue kreischen pünktlich zum Sonnenuntergang und wer hätte heute morgen ahnen können, wohin uns die Strampelei führen wird. Zu einem Abend, der auf unserer Festplatte eingraviert bleibt.

Tag 24: Low budget, high satisfaction

61 Kilometer: Pioch Badet-Aigues Mortes-Montpellier

Der Wecker rappelt um 7 Uhr. Das frühe Losfahren wird hier ernst genommen. Wir haben Termine. In Montpellier. Vielleicht mit Moules frites, vielleicht mit einer Bouillabaisse (Fischsuppe). 60 Kilometer trennen uns vom Genuss – und vom Hotelzimmer.

Wir verabschieden uns von der Camargue und entern Okzitanien. Auf unserem Weg ein mittelalterliches Schmuckstück: Aigues Mortes. Eines der Stadttore ruft uns zu: Kommt rein, Mädels. Da können wir nicht widerstehen. Wir schieben unsere Bikes durch die schnuckeligen Gassen. Ich arbeite an meinem Hüftgold und atme ein noch warmes Croissant weg. Hmm…

Die Route beschert uns wieder fünf Reisen in einer. Flamingos zur Rechten, Salinen mit rosa Wasser zur Linken. Mal am Kanal, mal durch Schilf-Spaliere. Zwischendurch schnöde Straßen, gut für die Erdung.

Bevor wir in Montpellier aufschlagen, kühlen wir uns noch einmal im Meer ab. Radhose aus, Bikinihöschen an. Handtuch? Brauchen wir nicht. Einfach eintauchen und weiterradeln. Schon Luxus.

Noch 450 Meter bis zum Hotel. Halleluja. Statt auf Booking.com haben wir direkt auf der Hotelseite gebucht. Heißer Tipp! Ann-Sophie hat ein sogenanntes „Chambre économique“ gefunden. 58 Euro für zwei Personen und 90 Cent City-Steuerkosten. Toilette und Dusche sollen wohl auf dem Gang sein. Unsere Erwartungen sind entsprechend niedrig beziehungsweise wir machen uns auf alles gefasst. Der Hotel-Betreiber gibt uns nochmal eine Chance, aus der Nummer herauszukommen. Seid ihr euch sicher, dass ihr das wollt? Äh, ja. Na gut, er händigt uns den Zimmerschlüssel 331 aus. Wir laden den Aufzug voll und nähern uns dem besagten Zimmer. Entwarnung! Alles in Ordnung. Es ist relativ sauber, es gibt eine Klimaanlage und sogar ein Bidet. Wir suchen die Toilette. Ok, nicht so weit vom Zimmer entfernt. Bei der Dusche wird es kniffliger. Wir durchforsten das dritte, das zweite und das erste Stockwerk. Hinter mehreren Ecken taucht ein kleiner Raum mit Dusche auf. Jetzt wieder zurückfinden. Geschafft. Unser Fazit: guter Fang! Hat alles, was wir brauchen und mitten in der City. Und direkt neben einen Waschsalon. Jackpot. Ich spanne eine Wäscheleine im Zimmer, Ann-Sophie holt die Klamotten.

Danach zuckeln wir durch Montpellier. Hatten null Vorstellung von der Stadt. Aber sie gefällt uns. Sogar sehr.

Tag 23: Café au Wohlfühlen

20 Kilometer: Campingplatz-Saintes Maries de la Mer hin und zurück

8:20 Uhr, Umzug mit der Hütte in den Schatten. Unter einen Feigenbaum. Noch ein paar Minuten Seele baumeln lassen, dann Zeltflucht. Die Sonne hat sich einen Weg durch die Blätter gebahnt. Die Körperkonturen zerfließen.

Durch die Camargue latschen? Nein, Danke. Lieber zu einem schmucken Café radeln und das Betriebssystem runterkühlen. Im Küstenort Saintes Maries de la Mer kehren wir bei La Suite ein.

Zwei glänzende, gelbe Flecken auf herrschaftlichen Korbstühlen. Stundenlang nippen wir an der Ladde mit Eiswürfeln. Aus den Boxen: erst Swing-Mucke, dann französische Schlager. Auch eine Interpretation von Griechischer Wein. Funky!

Der Kellner ist hier gleichzeitig auch der Koch. Das Verrückte: Der rundliche Typ mit den silbergrauen, zurückgekämmten Haaren hat schon in einem Restaurant in Obermünstertal bei Freiburg gearbeitet. Romantik-Hotel Spielweg. Gute Adresse. Genauso wie sein eigener Laden.

Ausgeruht und fröhlich fallen wir bei der Bäckerei nebenan ein und genehmigen uns ein paar Teilchen. Danach werfen wir uns in die Wellen.

Zurück beim Campingplatz schicke ich mein Rad unter die Outdoor-Dusche. Au revoir, Staub und Sand. Dann mache ich mich ans „Kochen“. Es gibt rote Beete mit Bohnen. Wir wollen richtig Proteine inhalieren. Ich schnibbel, Ann-Sophie tippt. Sie muss noch einen Essay zu Ende schreiben. Und schleppt dafür extra den Laptop mit. Tough!

Während wir dinieren, zieht richtig Wind auf. Plötzlich flattert mein Zelt weg. Schnell Heringe rausfummeln und alles sichern.

Vor den dicken Tropfen retten wir uns ins Badhäuschen. Zeit, das Ameisen-Völkchen aus meiner Kulturtasche herauszuschmeißen, mal wieder Zahnseide zu nutzen und Fingernägel zu schneiden. Der Regen hämmert immer heftiger auf das Wellblechdach. Ann-Sophie startet eine Flitzer-Aktion. Ich muss so lachen und ersticke fast am Zahnputzschaum. Herrlich! Danach 100 Prozent Gemütlichkeit im Zelt. Alles trocken geblieben.

PS.: Nach dem Beach treffen wir nochmal den Kellner/Koch. Er bietet uns Jobs an, wir könnten direkt bei ihm anfangen. Oder nächsten Sommer. Wir wüssten ja jetzt, wo wir ihn fänden 🙂

Tag 22: Flamin go go go!

91 Kilometer: Sainte-Croix-Port Saint Louis du Rhône-Saintes Maries de la Mer-Pioch Badet

Nicht die ersten, aber die zweiten, dritten Fußspuren morgens in den Sand zu drücken – ist wie eine Pralinenschachtel zu öffnen.

Die Wellen sind ganz schüchtern. Nur zwei Köpfe im Wasser. Der Campingplatz schläft noch.

Ann-Sophie und ich wollen heute früh los. Geplant war 8:30 Uhr. Mit Rumrödeln, Einfetten und Abwaschen verspäten wir uns um eine Stunde. Die Sonne böllert zum Glück noch nicht. Wir steuern zuerst eine Apotheke an. Ich brauche Zugsalbe, sagt Ärztin Ann-Sophie. Das Problem: Seit gestern habe ich ein Pickelchen an einer ungünstigen Stelle, wenn man gerade viel Rad fährt. Kopfkino!! Nichts Schlimmes, aber wegen der Belastung besteht Handlungsbedarf. Wir besorgen die Cremes und rollen weiter. Neben der Straße Olivenbäume und Weinreben-Welpen, später riesige Öltanks, Raffinerien und Speditionen. Industriegebiet in allen Poren. Richtig hässlich. Da erscheint der Netto-Markt wie eine Oase. Eine gekühlte. Wir streifen durch die Regale.

Mein Mittagessen sieht aus wie Katzenfutter, vielleicht ist es das auch. Bei Ann-Sophie werden sogar Tomaten- und Gurkenscheiben mit Kräutern gewürzt. Da muss ich nachlegen 🙂

Es ist sooo unendlich heiß. Weiterfahren ist total bescheuert, aber hier können wir nicht bleiben. Der nächste, sympathische Campingplatz ist 40 Kilometer entfernt (aufm Tacho sind schon 45!). Keine Gnade für die Wade – und den Po! Das Gute: Jetzt tauchen wir in die Camargue ein. Schilf, größer als Basketballer, um uns herum. Viele Flüsschen, Reisfelder, sogar Salzseen. Und rosa Flamingos, mit Kopp im Wasser. Wow! Naturpark statt route nationale. Endlich. Nur zu wenig Wolken.

Richtig gar in der Birne erreichen wir den Intermarché kurz vorm Ziel. Die Basics – Essen jagen – funktionieren noch. Völlig verdreckt und klebrig kommen wir bei Camping à la ferme an. Ein Opa im Golfcar holt uns an der Schranke ab. Sein Blick ist ernst. Alles voll, meint er. Oh Gott! Nee, war nur ein Joke. Mit seinem Gefährt eskortiert er uns zum Platz. Eine große Wiese, nix Parzelle. Das gefällt uns sehr. Die Preise sind auch fair: neun Euro pro Nase pro Nacht. Und Mückenstiche gibt’s gratis dazu.

Tag 21: Willkommensplatten

38 Kilometer: Marseille-Sainte Croix

Damit hätte ich nicht gerechnet: Ich radel ein paar Kilometer durch Marseille. Krawumm. Mein Zelt küsst die Straße. Und der Gummispanner? Keine Ahnung, einfach pfutsch. Ok, keine Panik. Erstmal eine Luftpumpe organisieren.

Viele Bike-Läden sind schon in Sommerpause. Aber bei ZZ Velo Vintage stehen die Türen offen. Ein netter Typ schießt mir jeweils ein zusätzliches Bar in die Reifen. Gummispanner hat er leider nicht, aber er schenkt mir einen alten Fahrradschlauch. Neuer Lifehack! Das Drumwickeln klappt voll gut. Das Zelt hält. Würde gerne mehr in die Kaffeekasse werfen, habe aber nur noch 70 Cent. Etwas peinlich berührt schiebe ich die Münzen über die Ladentheke und mache mich vom Acker.

In einer der wilderen Straßen von Marseille habe ich ein Restaurant entdeckt, das gegrillten Fisch serviert. Etwas ganz Feines, was die Camping-Küche nicht so richtig bieten kann. Bei drei älteren Herren ist noch ein Platz frei. Der Oberkellner stürmt zu unserem Tisch. Das ginge doch nicht, er weise die Plätze an. Tralala. Die drei Opas zischen irgendetwas auf Arabisch zurück, verdrehen die Augen und sagen mir, dass ich nun zu ihnen gehöre. Einladung zum Essen inklusive. So nett, meine faltigen Bodyguards. Einer der Männer erzählt mir, dass er oft in Dortmund sei und in der „großen Industrie“ arbeiten würde. Das wiederholt er noch dreimal. Wenn ich etwas bräuchte, soll ich mich melden. Egal was. So spontan fällt mir gar nichts ein. Weiß auch gar nicht, an was für ein Material er denkt. Stahlträger, Betonmischer, Dachkonstruktionen? Gerade keinen Bedarf.

Dorade deluxe!

Mit dem Fisch auf dem Grund meines Magens rolle ich zu Aldi (!). Tatsächlich, in Marseille gibt es einen Aldi, sogar Aldi Nord. Verkehrte Welt. Tomaten, Gurken, eine Avocado und Kartoffeln rattern auf dem Fließband zum Kassierer. Lecker Abendessen für Ann-Sophie und mich. Apropos 15:04 Uhr. Magische Uhrzeit. Eigentlich. Aber kleiner Trost, auch die französischen Züge haben Verspätungen. Wegen der Hitze hat offenbar irgendeine Leitung den Geist aufgegeben. So die Durchsage. Wenn auch 40 Minuten später, aber Ann-Sophie ist daaa, genau an dem Gleis, an dem ich mich von Micha verabschieden musste. Das ist Traumabewältigung 🙂

Wir ölen uns ein, streifen die Polsterhosen drüber und starten in die gemeinsame Tour. Die Route schickt uns durch das Hafengebiet von Marseille. Total fahrradfeindlich. Nur nicht sterben hier. Staubige 40-Tonner brausen an uns vorbei. Überall Autobahnauffahrten. Die Straße, ein einziges Scherbenmeer. Nach rund 15 Kilometern haben wir es geschafft. Fast! Die nächsten Challenges: müffelnde Ziegen auf der Fahrbahn und ein platter Hinterreifen. Ann-Sophie hat es direkt erwischt. Kein schöner Schachzug von den Bike-Göttern da oben. Aber wisst ihr was, das ärgert uns kein bisschen!

Mit jeden Kilometer verblasst die Großstadt. Zum Glück. Es duftet nach Pinien und frischem Fisch. Kleine Buchten, warmes Licht. Um 20 Uhr trudeln wir erst bei einem der Campingplätze an der Küste ein. Alle drei anderen sind schon belegt. Sind wohl voll im Touri-Hotspot gelandet. Nicht schlimm. Hauptsache, duschen können!