47 Kilometer: Argelès-sur-mer – Ceret – Camping Naturiste du Mas de la Bauma (bei Taulis)
Seit Tagen sprechen wir darüber, heute fahren wir wirklich hin: zum Camping Naturiste, mitten in den Pyrenäen. Nackt und ungeschminkt.

Allein der Weg ist voller Verheißungen. Die Pyrenäen breiten ihre wilden, grünen Arme aus und verschlingen uns. Wir sind im Bann – und wir sind albern. Dürfen wir überhaupt mit den Radklamotten zum FKK-Camping oder müssen wir uns vorher ausziehen? Sind Sandalen erlaubt? Werden die Leute an der Rezeption nackig vorm PC hocken? Viele Fragen, zero Erfahrung in dem Bereich. Noch 1.000 Meter und mein Bauch füllt sich mit kribbeliger Aufregung – kenne ich, wenn ich zu meinem Freund fahre und die letzten S-Bahn-Stationen durchgesagt werden: Horrem, Merzenich, Düren. Bummbummbummbumm.
Die Einfahrt ist steinig und abschüssig. Ohje, was machen wir hier? Ah, da tauchen die ersten Wohnwagen und Nackedeis auf. Zwei ältere Herren im Adamskostüm schauen entspannt in unsere Richtung. Na dann gehen wir mal zum Empfang. Die Situation ist etwas kurios. Wir erhaschen einen Blick in die Küche des Hauses. Dort huscht ein leicht aus der Form geratener Po vorbei. Rückwärtsgang, Kichern, wieder reingehen. Äh, bonjour?! Eine ältere Dame – natürlich komplett nackt – heißt uns willkommen. Wir sollen kurz warten. Schwiegersohn Marc kommt gleich und zeigt uns die Parzelle. Nackedeis aus allen Himmelsrichtungen wandeln umher. Scham, Vergnügen, Überforderung. Hilfe, saß auf meinem Plastikstuhl vorher ein Nackter? Ihh, da pest schon Marc mit dem Golfcar an. Nackt. Er erinnert mich an Schauspieler Colin Firth. Jetzt nur nicht aufs Gemächt glotzen. Konzentrier dich! In die Augen gucken, in die AUGEN! Es klappt – fast. Marc bemerkt meine voyeuristischen Entgleisungen gar nicht, er ist voll in Aktion. Bei Ann-Sophie hat sich der Schnellspanner (haha!) ums Hinterrad gewickelt. Ein anderer Nackter eilt herbei. Bisschen Gefummel, aber es löst sich.
Beim Platz angekommen, ziehen wir erstmal blank. Eine echte Wonne! Raus dem Sport-BH-Korsett, raus aus der Radhosen-Wurst. Befreiung! Sowieso viel zu warm für Klamotten. Ein älteres Pärchen guckt mal rüber. Kostet alles Überwindung, aber lohnt sich. Dieses Gefühl, wenn der Wind die Härchen am Rücken zum Tanzen bringt, unbeschreiblich. Wenn nix einschnürt oder drückt, wenn alles einmal durchatmen darf!

Irritiert und amüsiert spazieren wir zum Naturbadeteich, der zum Campingplatz gehört. Wegen Sonnenbrandgefahr schmeiße ich eine Bluse über. Voll overdressed. Der Teich, eine grüne Lagune. Dieser Flecken, nicht von dieser Welt.

Das Gelände umfasst 50 Hektar Nacktheit. Abgeschieden und naturschön. Viele Holländer, keine bekannten Gesichter. Ein gutes Reinschnuppern ins FKK-Business. Und das Beste: Am Abend gibt es Lasagne. Von den Betreibern zubereitet. Natürlich nackt. Kurz ertappe ich mich bei dem Gedanken: Was ziehe ich an? Achja, nix mit nix.
Und da sitzen Ann-Sophie und ich. Umringt von so viel Haut. Es ist unglaublich. Kleine, große Busen. Speckig, schwabbelig, schmächtig. Problemzone? Was ist das eigentlich? Jeder Körper, ein Unikat. Wir genießen es und lassen wirklich mal alles baumeln! Nicht nur die Seele.
