
Bettdecke wegschieben, an der Gardine zupfen und in den Himmel glotzen. Yes! Die graue Pampe von gestern hat sich verzogen, es lebe weiß auf blau! Wir sind in Stepanzminda, kurz vor der russischen Grenze. Hier thront die Gergeti-Dreifaltigkeitskirche über der kleinen, hässlichen Stadt. Die anmutige Stein-Ansammlung ziert unzählige Postkarten und Reiseführer. Ist so etwas wie der Eiffelturm oder das Brandenburgische Tor Georgiens. Total touristisch. Deswegen habe ich lange mit mir gerungen, ob ich dafür überhaupt drei Stunden im Bus hocken will (von Tiflis). Inneres Gänseblümchen-Blätter abrupfen: Ich will. Ich will nicht. Ich will! Also los! Oli fährt auch mit. Aber beim Wandern ist er raus. Amen!
Um kurz nach 8 Uhr mache ich auf die Socken. 400 Höhenmeter. Sonne im Rücken und freie Sicht auf den Kasbek. Georgiens zweithöchsten Berg. Mehr als 5.000 Meter hoch. Prometheus soll hier ganz schön Trouble gehabt haben. Göttervater Zeus kettete ihn nämlich auf dem Gipfel an – als Strafe, weil sein Söhnchen das göttliche Feuer zu den Menschen gebracht hatte. Zu allem Übel knabberte ein Adler immer wieder die prometheuische Leber an, die sich zwar erneuerte, aber trotzdem: bloody hell!

Jetzt aber mal zur Diva im Vordergrund des Kazbeks: der Wallfahrtskirche Gergeti. Aus dem 14. Jahrhundert. Ehrwürdige Lady! Mit Dresscode! Kurze Hosen sind verboten. Frauen müssen Rock und Kopftuch tragen. Ein Korb mit „Equipment“ wartet vor der Kirchentür. So manche Touristin verwandelt sich dabei unabsichtlich in eine Karikatur ihrer selbst. Der aufpassende Mönch (?) neben dem Eingang behält jedenfalls die Contenance und liest stoisch auf seinem Kindle.




Als ich wieder ins Sonnenlicht trete, teile ich mir den zuvor ruhigen Kirchenvorplatz mit einer chinesischen Reisegruppe. Posen, Photos, Selfiesticks. Ich will weg.
Auf einem Hügel neben der Kirche pflanze ich mich ins Gras. Ein Kuhfladen neben mir sagt Hallo! Genauso wie ein herrenloser Husky mit caramellfarbenen Augen. Wer hat dich denn geschickt? Ich kraule ihn einmal durch. Danach weicht er mir nicht mehr von der Seite. Wartet sogar auf mich bei einem abgerutschten Hang.
Nach fünf Kilometern und vielen Serpentinen verschwindet er wieder. Irgendwo im Wald. Schade, treuer Freund auf Zeit! Was ich Oli später erzähle: Das Beste an der Gergeti-Kirche war der Hund!
