Tag 95: Großes Kino im Kaukasus

Drei Blasen am rechten Fuß (warum nur rechts???), Muskelkater in den Schenkeln, ausgeleierte Schultern – nur kleine und absolut lohnenswerte Wehwehchen für so eine spektakuläre Tour durch den Kaukasus.

Fünf Tage lang haben uns unsere Füße näher zu den Wolken gebracht. Der häufigste Gedanke: Was für eine Landschaft! Direkt aus dem Outdoor-Katalog ausgeschnitten und wärmstens ausgeleuchtet. Dieses Gras! Ich bin immer noch verliebt. Das klingt total bescheuert, aber diese sonnengetrockneten Halme hatten etwas Liebliches und gleichzeitig etwas Melancholisches. Eine Decke für die Berge, eine Choreographie im Wind, eine Erinnerung an den heißen Sommer. Wir stapfen auf schmalen Pfaden bergauf, bergab. Am Anfang säumen noch Dörfer unseren Weg. Dunkle Schiefer-Burgen und Wehrtürme. Aus der Zeit gefallen. Verfallen. Teilweise menschenleer. Viele Kaukasusianer sind schon ins Tal umgezogen. Zurückbleibt eine ambivalente Stimmung: irgendwie trostlos, aber auch magisch.

Kein Handyempfang, kein Supermarkt, keine Straßen – der normale Alltag verschwindet hinter den Hügeln. Im letzten Dorf vor dem Atsunta-Pass lernen wir Giorgi kennen. Er nimmt uns auf, richtet Bettzeug und ruft seinen Nachbarn herbei, der für uns kocht: Bratkartoffeln, Käse, Brot, Tomaten, Wassermelone. Im Wissen, dass fast alles fünf Stunden auf einer katastrophalen Schotterpiste hier hochgebracht werden musste, schmeckt‘s natürlich noch intensiver.

Wir verbringen den Abend mit vier anderen Wanderern. Aus Deutschland, Polen und Frankreich. Am nächsten Morgen verstreuen wir uns wieder.

Vor Oli und mir liegen zwei Nächte unter freiem Himmel. Wir essen morgens Müsli mit Wasser, kochen abends Nudeln mit Tomatenmark, schlürfen Quellwasser und wickeln uns dann in die Daunenschlafsäcke ein. Tagsüber holen wir uns Sonnenbrand, nachts Frostbeulen (im metaphorischen Sinne).

Am vierten von fünf Wandertagen erwartet uns der Atsunta-Pass. Rund 3.500 Meter über dem Meeresspiegel. Was für eine Wand. Auch noch mit Schneefeldern. Ich bin ganz klein mit Hut. Und total außer Atem oben. Sprachlos. Eingeschüchtert. Lebendig. Eine neue Dimension für ein deichverwöhntes Nordlicht!

Nach knapp 75 Kilometern erreichen wir dann am fünften Tag wieder ein Dorf namens Shatili. Zwischendrin mussten wir uns bei mehreren Posten der Border Police registrieren. Kleine Wellblechhütten im Nix. Wären wir nicht spätestens nach sieben Tagen in Shatili angekommen, hätten die Officer nach uns gesucht! Den Service brauchen wir zum Glück nicht.

In Shatili treffen wir wieder auf zwei Wanderer, die wir bei Giorgi kennengelernt haben. Sie haben einen Pickup-Fahrer klargemacht, der uns spontan nach Tiflis braust! In die Welt mit Neonröhren, 5G und Snickers in den Supermarktregalen. Auch schön!

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