Tag 10: Im Café der Kaputten

85 Kilometer: La Bâtie-Montsaléon-Sisteron-Oraison

Die Luft, ein heißer Föhn. Selbst dem Teer ist zu heiß. Er wirft schon Blasen. Klingt beim Drüberjuckeln wie diese Verpackungsfolie mit platzenden Luftkammern. Eine Wetteranzeige (in der Sonne) zeigt 44 Grad an.

Wir freuen uns über jede Wolke, die sich vor die Sonne schiebt. Es sollte eigentlich nur noch runtergehen. Eigentlich. Doch immer wieder hecheln wir von der einen zur nächsten Kuppe. Ein Anwohner sieht unsere roten Köpfe und hält den Gartenschlauch drauf. Was für ein Segen. Merci beaucoup, Monsieur!

Nach gefühlt 100 Kilometern, tatsächlich sind es nur 50, kommen wir in Sisteron an, ein kleines Städtchen am Fluss Durance. Und da ist er wieder, dieser Moment, dieser Antrieb, warum es gut ist, die heimische Couch verlassen zu haben. „Dat kannste nicht schöner malen“, denke ich so vor mich hin. Dieser Felsvorsprung, dieses leuchtend blaue Wasser. Als wär ein Zaubertrank hineingeplumpst. Einfach nur wow!

Im Schatten essen wir brav unsere Fischdosen und schleichen dann zu einem Café mit Slush-Eis. Das Zeug tut so gut. Irre kalt, süß und sehr viel. Für mich tropical blue, für Micha Erdbeer-Cola-Tropen gemischt. Eine halbe Stunde am Strohhalm schlürfen und die Crowd beobachten. Einer gönnt sich Pastis, eine ältere Dame hat ihre Krücken am Start. Ein weiterer Herr trägt unter der Jogginghose wohl einen Katheter. So fertig wie wir aussehen passen wir gut hier hin. Kaputt aber sehr herzlich, die Leute. Der Barkeeper zapft uns zum Abschied noch eiskaltes Wasser in unsere unzähligen Flaschen.

Noch 40 Kilometer und noch 35 Grad. Die Laune sinkt. Um mich abzulenken, schmeiße ich einen Podcast an. Es geht um Hexenverbrennung und Folter. War thematisch ein Zufall. Muss aber schon etwas schmunzeln.

Fünf Minuten vor Toreschluss sind wir beim Campingplatz, den wir erreichen wollten. Die beste Nachricht des Tages: Der Pool hat bis 21 Uhr geöffnet. Gluckgluck!

Tag 9: Elektrolyte, schnell!

94 Kilometer: Varces-Allières-et-Risset-Col de la Haute Croix-La Bâtie-Montsaléon

Morgens halb 10 in der Region Auvergne-Rhône-Alpes: Wir sind klitschnass. Schweißengel statt Schneeengel. Tausendvierhundertneunzig Höhenmeter wollen wir heute wegbürsten. Die Tour de France-Leute? Alles Pussies (was natürlich nicht stimmt). Denn wir fahren mit unserem Bett, Kleiderschrank, Badezimmer und unserer Küche durch die Gegend. Nix Rennrad, sondern Stahlgerüst. Zum Glück sind uns die Himmelsgötter wohlgesonnen. Unter ihren Füßen eine dichte Daunendecke. Erst gegen späteren Mittag kämpft sich die Sonne durch.

Manche Autofahrer rufen uns „Courage“ zu. Das pusht. Auch die unzähligen Müsliriegel. Die Orangina. Der Käse, der Coleslaw-Salat und die Thunfisch-Dose. Der Kessel muss brennen. Micha gönnt sich noch einen ausgebiegenen Honig-Shot, ich snacke M&Ms in einer der Serpentinen. Gegen Nachmittag erreichen wir endlich the top of the mountains alias le Col de la Haute Croix. 1.200 Meter über dem Meer. Gestartet waren wir bei 260 Metern. Dazwischen: hügelig!

Michas Po will nicht mehr und einen Satz neuer Beine könnte ich auch vertragen. Trotz Verschleiß-Erscheinungen geben wir uns noch 37 Kilometer, mit 30km/h Durchschnittstempo. Es geht so fein bergab und die Landschaft umarmt uns. Bizarre, runde, zugewachsene Felsen. Wir sind HansguckindieLufts. Halten an, holen das speckige Handy hervor und staunen wie Kinder.

Mit den letzten Schwüngen lassen wir uns zu Melissa rollen. Bei ihren Eltern im Garten bietet sie lässiges Camping an. Wir sollen geben, was wir wollen. Mag ich total als Konzept. Beim Ankommen fällt erst Michas Rad um, dann der Reiter selbst. Und damit ist für heute alles gesagt… 🙂

Tag 8: Liberté, égalité, sonnencremé

73 Kilometer: Lac de Sainte-Hélène-Grenoble-Varces-Allières-et-Risset

Sicherheitsleute oder Polizisten haben uns letzte Nacht in Ruhe gelassen. Allein waren wir trotzdem nicht. Im Morgengrauen brummen auf einmal zwei Männerstimmen neben unserem Zelt. Dazu ein geräuschvoller Luftschwung. Mein Pippigang löst das Rätsel auf: Es sind zwei Angler – Vater und Sohn – die herumfuchteln. „No kill“, sagen sie sofort. Meinen sie uns oder die Fische? Egal, Hauptsache die tun uns nichts.

Gerade noch im See, jetzt auf dem Trockenen, dieser kleine Barsch.

Noch eine Runde aufs Ohr hinlegen, dann raus aus dem Backofen. Es ist neun Uhr und schon fast 30 Grad. Das wird heut kein Zuckerschlecken. Wir schmieren uns dick ein. Hinter den Ohren, in den Nasenlöchern, zwischen den Fußzehen. Nirgendwo Schatten. Dazu viel Landstraße mit dröhnenden LKW und buckeligen Radpassagen.

Grenoble, hi!

Paniert wie Schnitzel erreichen wir Grenoble. An meinen Beinen klebt ein Best of Straße: Fliegen, Splitter, Schmodder. Da muss ein Hochdruckreiniger her oder mindestens ein Campingplatz. Für nen Zwani für zwei angekokelte Nasen können wir direkt neben dem Vercors-Nationalpark pennen. Ein Berg sieht aus wie ein grünes Toblerone-Stück. Verstreute Rundballen flüstern: Hallo, hier ist der Sommer.

Weil morgen eine heftige Bergetappe ansteht, stärken wir uns heute Abend mit einem Fundament aus Kartoffeln und einem Himmel aus Spiegeleiern. Vorher muss aber der special Glow runtergeschrubbt werden!

Tag 7: Schönste – aber sowas von!

87 Kilometer: Sévrier-Albertville-Lac de Saint Hélène

Gibt es schönere Radwege als den heutigen? Nö! Vom türkisblauen Annecy-See entlang der mitreißenden Isère in den Hochsavoyen. Ein breites Tal mit flauschigen und schroffen Berghängen. Zwischendurch lugt ein Gletscher hervor.

Tête à tête mit den Westalpen. Paraglider zeichnen bunte Bögen ins Blau. Kaum Autos, nur Sonnenblumen und Maisstauden stehen Spalier. Halleluja! Solche Routen elektrisieren. Unseren Rädern wachsen Motoren, wir geben richtig Stoff. Die Strecke ist flach und die Beine sind hungrig.

Hallo Albert! Ville!

Erster Stopp in Albertville. Eine Stadt mit 20.000 Leuten. Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1992. Olympisch auch die Ausmaße des örtlichen Lidls. Wir dürfen die Toilette der Lidlianer mitbenutzen. Dort lassen wir diskret eine Klopapier-Rolle mitgehen. Wie Bonnie und Clyde inmitten von Wühltischen. Wir verlassen das Etablissement, ohne aufzufliegen. Strike! Klopapier ist übrigens sehr wichtig. Auf vielen öffentlichen Toiletten gibt’s noch nicht mal ne Klobrille und im Gebüsch pinkelt es sich mit Rolle auch einfach schöner. So viel dazu. Es folgen unkontrollierte Lachanfälle meinerseits und unkontrollierte Schlager-Gesänge von Michas Seite. Wir sind beflügelt – von Liebe und Luft. Doch genau die geht uns aus. Micha hat nen Plattfuß. Vorne und hinten. Sechs Kilometer vorm Ziel. Micha flickt das erste Löchlein, braucht aber viel Bar, um das andere Löchlein zu hören. Die nächste Tanke hat leider keinen Luftdruck. Ich spreche wahllos einen Typen an, dessen Vater einen Kompressor hat. Jackpot!

Mit viel Luft steuern wir einen wahnsinnig schönen See an. Nüscht los. Hoffentlich kommen hier keine Schweizer Security Guards vorbei. Wir werden es sehen…

Tag 6: Das bisschen Haushalt

Null Radkilometer

Micha und ich feiern Kilometer-Bergfest. Knapp 400 von 800 sind weggeschwitzt! Olé! Guter Moment, eine Pause einzulegen. Für häusliche Pflichten und Beauty-Tätigkeiten auf dem Campingplatz.

Für sechs Euro, inklusive Waschmittel, drehen unsere (Rad)Klamotten 59 Minuten total durch. In der Zwischenzeit shoppen wir beim nahegelegenen Lidl Heißmacherwürstchen, Gemüse, Kekse und Chips. Frühstücken erst um 14 Uhr und brechen dann in die Stadt auf. Mit dem Bus. Aber der Busfahrer winkt ab. Seine Karre ist zu voll. Also halte ich den Daumen raus. Ein netter Tunesier nimmt uns mit. Er erzählt, dass seine Frau gerade Deutsch lernt und in Düsseldorf als Krankenschwester arbeiten möchte. Sein Nachbar sei ein ehemaliger Profi vom SC Freiburg: Zoubaier Baya. Klingt zwar nach einem anderen Verein, aber er war tatsächlich Profispieler von 1997 bis 2001 in Freiburg. Wie cool. Nach einer Viertelstunde schmeißt er uns am anderen Ende der Stadt raus, da wollten wir zwar nicht hin, aber egal.

Wir entdecken die Altstadt von Annecy. Viele Kanäle, alte Türme, bisschen runtergerockte Fassaden. Aber très malerisch. Zwei Stunden bummeln reichen uns dann. Dieses Mal ist genug Platz im Bus, der uns zurückschunkelt. Die Wäsche ist inzwischen trocken. Alles fein falten und zurück in die Radtaschen. Gutes Gefühl. Vor der Gaskocherei noch etwas Pediküre und ein Sprung in den See. Auftanken at its best!

Tag 5: Hitze, Donner, Kilometerrekord

101 Kilometer: Buchillon-Genf-Lac d’Annecy

Was uns gestern Abend noch passiert ist, soll hier nicht unerwähnt bleiben… Spannung! Wir lümmelten gerade in der Koje. Hundemüde und satt. Plötzlich eine Taschenlampe, dann eine Männerstimme: „Es ist verboten, hier zu übernachten. Sie müssen alles zusammenpacken und gehen.“ Oh no! Ich strecke mein Köpfchen aus dem Zelt. Mir gegenüber ein Typ, der wie Bruce Willis ausschaut (als dieser noch etwa 50 war). Auf seiner Brust prangt das Wort „Security“. Ihm täte es auch Leid, aber wir müssten verschwinden. Auf der Wiese am See darf kein Schwein zelten. Keine Chance! Ihn mit Kinderschokolade bestechen? Nee, der Typ meint es wirklich ernst.

Wie hart! Was nun? Wir packen alles ein, bauen das Zelt ab, schieben die Räder wieder auf die Straße. Es ist schon Mitternacht. Nach 500 Metern kommt eine Hütte, gehört vielleicht einem Schützenverein. Dahinter lassen wir uns nieder. Ein kleiner Igel raschelt im Gebüsch. Sonst alles ruhig. Niemand schickt uns weg. Wir schlummern. Micha in Habachtstellung, ich stöpsel Oropax rein. Nacht und gut.

Der nächste Morgen gehört den frühen Vögeln. Um 9:30 Uhr hocken wir schon auf den Bikes. Große Ziele heute. Erst Genf, dann Annecy in der Schweiz. 100 Kilometer, 1.000 Höhenmeter fast. Vorbei an erhabenen Landgütern, Weinreben und insgesamt sehr viel Reichtum. Eine fünfminütige Recherche ergab: Etwa jeder sechste Mensch in der Schweiz ist Millionär. Wir nicht. Für zehn Franken holen wir uns ein Hühnchen-Sandwich bei einem Libanesen in Genf. Dann kommt die schwerste Etappe. Viel bergauf und viel Sonne.

Durstlöscher: der Griff zur Milch

Wir lassen die Schweiz hinter uns und damit auch die ausgesprochen guten Radwege und die Trinkwasserbrunnen in jedem Dorf. Kurz nach der französischen Grenze leeren sich unsere Wasservorräte. Ich spreche einen Oppa in seinem Garten an. Haben Sie bisschen Wasser für uns? Bien sûr! Wir sollen ihm in die Küche folgen. Alles in Eierlikör-Farben. Er dreht den Wasserhahn auf und nicht mehr zu. Ruft noch seine Frau herbei. Sie kann es gar nicht fassen, dass wir nach Marseille radeln. Hält sich immer wieder die Hand vor dem Mund. So herzlich. Völlig getränkt ziehen wir weiter. Im nächsten Kaff muss ich schon auf Toilette. Ein Gebüsch reicht auch. Wir nähern uns Annecy und stolpern über eine einzigartige Hängebrücke – die Pont de la caille. Es geht sooo tief runter. Der Magen hüpft einmal hoch.

In Annecy angekommen, brauche ich erstmal ein richtiges französisches Baguette. Schmeckt ganz ok. Die letzten fünf Kilometer bis zum Campingplatz fängt es wieder an zu schütten. Wir kämpfen uns durch. Sind pitschnass und das Tor vom Campingplatz dicht. Aber unser Glück: Zwei Camper spazieren gerade raus, wir gehen rein. Alles schon geschlossen. Ich wähle die Notfallnummer und die Betreiberin ist sichtlich genervt. Zu ist zu, sagt sie. Ich diskutiere, ich flehe sie an. Sie kommt. Halleluja! Wir bekommen einen Rasenplatz zugewiesen. Dann Wolkenbruch! Blitze. Lautes Donnergrollen, Starkregen. Micha und ich hüllen uns in eine Plane und wärmen uns!

Tag 4: Zugfahren ist auch mal schön

60 Kilometer: Cortaillod-Yverdons-les-Bains-mit Zug nach Lausanne-Buchillon

Aufwachen und direkt in den Neuenburgersee hopsen. Das Wasser ist so klar, stahlblau, runde Kiesel unter den Füßen. Das ist Urlaub! Wir gönnen uns nochmal eine heiße Dusche auf dem Campingplatz. Voll schwäbisch. Müssen dafür keine Extra-Marken besorgen. Die Dusch-Flatrate ist inklusive. Wohlduftend geht’s endlich ans Frühstück: Müsli, Quinoa-Reste, Salami-Sandwich und Kinderschokolade. Es geht so viel rein.

Um 14 Uhr sind wir dann erst ready for Drahtesel. Ein kleines Dilemma. Wir wollen Kilometer wegputzen, uns morgens aber nicht aus den Schlafsäcken stressen. Daher beschließen wir, dass wir zwischendurch auch mal einen Zug nehmen dürfen. Zum Beispiel heute. Vom südlichsten Zipfel des Neuenburgersees bis nach Lausanne. 34 Minuten für 56 Franken. Die Schweiz ist einfach sackteuer. Hinzukommt das Gefühl, als ob wir aufgegeben hätten und die SBB nun die Höhenmeter wegrockt – statt unsereins. Alles Käse! Zugfahren ist voll ok!

Am Genfer See in Lausanne (wer hat das denn erfunden?) radeln wir noch 20 Kilometer am Ufer entlang. Auf der Suche nach einem Spot zum Campen. So viele Privatvillen und ein verheißungsvoller Weg zum See. Camping verboten steht da. Ich spreche mit Locals. Sie sagen: Das geht klar hier. Ja, dann. Wir springen nochmal ins Wasser und kochen Nudeln. Schütten Barilla-Tomatensoße mit einem Kräuterfrischkäse-Pott druff. Das ist lebensverändernd lecker!!

Tag 3: Bonjour Alpen!

67 Kilometer, 860 Höhenmeter: Saulcy-Pampa-Cortaillod (Lac Neuchâtel)

Himmel blau, Schlüppis gewaschen, Schlafakku voll. Es geht weiiiter. Eine schmale Teerbahn schlängelt sich von Kuppe zu Kuppe auf den sogenannten Freibergen im Schweizer Jura. Ein lang gezogenes Hochplateau. Kurvenreich und anspruchsvoll. Wir schnaufen rauf und zischen runter. Fast 900 Höhenmeter. Die Einkäufe bei einer Dorfbäckerei sind schnell nur noch Blätterteig-Fetzen auf dem Asphalt. Zwei Bissen, zwei verpuffte Croissants.

Gegen späten Nachmittag erreichen wir die Route de la vue des Alpes, die Straße, die Alpensicht verspricht. Und wir werden nicht enttäuscht. Beim Monperreux, dem höchsten Punkt unserer Etappe bei 1.300 Metern, liegt uns das Val de Ruz zu Füßen. Berge, Gletscher und der Lac Neuchâtel. Das beflügelt! Wir fliegen mit mehr als 50 Sachen ins Tal. Gönnen uns Burger mit Gemüse (Fritten) und wollen uns noch ein paar Vorräte zulegen. Aber alle Supermärkte sind schon dicht. Auf Tankstellen ist zum Glück Verlass. Und so decken wir uns mit Nudeln, Haferflocken und Kinderschokolade ein. Oh, 50 Prozent Rabatt auf zwei belegte Baguettes! Super, wird mitgenommen.

Mit unserem Proviant rollen wir zu einem Campingplatz, direkt am See. Zelt aufbauen, heiß duschen, bisschen Creme ins Gesicht. Das ist Glück. Wir beißen in zwei Schokoriegel und die schneedeckten Alpen glühen im Abendlicht. Danke liebe Beine!

Tag 2: Wettest Look ever

75 Kilometer: Istein am Rhein-Basel-Delémont-Saulcy

Wo nur anfangen? Beim Dauer-Wet-Look, den Blitzen am Himmel oder der unglaublichen Rettungsaktion durch einen Schweizer?

Den lieben langen Tag nur Tropfen. Überall. Wir hüpfen von der einen zur anderen Markise und beobachten das Leben in den westlichen Schweiz-Käffern – mit dem taumelnden Optimismus: Guck mal, da hinten klart es doch wieder auf. Regenpausen sind rar und die Füße in den Sandalen lösen sich allmählich auf. Aber alles halb so wild. Solange es bergauf geht, bleibt der Speck warm.

So richtig heiß wird’s auf den letzten fünf Kilometern. 14 Prozent Steigung! Kein Entkommen. Freund Micha nuckelt an seinem Honigfläschchen, ich ziehe mir Überreste eines Proteinriegels rein. Okay, los jetzt!

Bei Kilometer drei der Monstersteigung (70km hatten unsere Beine bis dato schon weggeflext!) wieder mehr Dusche von oben. Plötzlich hält ein weißes Auto. Der Fahrer steigt aus und winkt uns zu. Ich dachte: Das ist der Raphaël, unser Airbnb-Gastgeber. Nee nee! Das war…? Name unbekannt. Ein Biker, den wir zuvor beim Warten an einem Bahnübergang kurz kennengelernt hatten. Unglaublich. Er will uns hochfahren. Es schüttet total, Nebel in den Wipfeln, ein Sturzbach auf der abschüssigen Straße. Wir sagen zu. Im strömenden Regen lädt das Engelchen unsere Räder auf den Halter hinterm Kofferraum und kutschiert uns bis vor die Airbnb-Haustür. Wir wollen uns unbedingt erkenntlich zeigen. Immerhin haben wir seine Sitze vollgetrieft. Aber zehn Euro und einen Snickers lehnt unser Retter vehement ab. Er steckt uns obendrein noch seine Nummer zu. Wenn mal etwas sein sollte. Wie nett kann ein Mensch sein?

Beim Airbnb angekommen, geht’s Oneway zur heißen Dusche. Wir dürfen eine Waschmaschine starten und die Küche mitbenutzen. Was würden wir jetzt für eine fettige Pizza tun? Weil totale Pampa, kochen wir unseren Quinoa mit Gemüse und laden ganz langsam die Batterien wieder auf. Michas letzte Worte als Fast-Vegetarier: Wenn hier jetzt ein Schnitzel herumliegen würde, ich würde essen. Guten!

Tag 1: Letzte Chance auf ein Spaghetti-Eis

70,3 Kilometer: Freiburg-Neuenburg-Irgendwo bei Istein am Rhein

Der Tag aller Tage: Da ist er! Auf den Sattel, Abfahrt, Karachooo! Ganz so dynamisch war unser Start dann doch nicht. Wir mussten erstmal Tatortreiniger spielen: Krümel vom gestrigen Abschiedchen wegsaugen, die geplatzten Bierflaschen aus der Tiefkühltruhe herausfischen und die Kühlschrankreste wegmampfen. Wirre Mische im Bauch. Spiegeleier treffen auf fünf Eszett-Platten, vegane Leberwurst, Käsescheiben, Radieschen und labbrige Pizzaschnecken. Und der Margarine-Haufen muss auch noch weg. Keine leichte Aufgabe, aber wir schaffen es. Dann Rollos runter, Sicherungen raus, Haustür zu. Shit, 15 Uhr schon. Egal! Wir radeln los. Bei einer Tanke zischen wir uns jeweils fünf Bar in die Reifen. Sollte für den Anfang reichen.

Die Beine strampeln, aber der Kopf hängt noch im Büro. Schilder und Kilometer ziehen an uns vorbei. Mit jedem Kurbelschwung verblast der Stress der letzten Wochen und das Abenteuer-Gefühl fließt ins Blut. Und die Freude über: das dumpfe Platzen, wenn man über Kirschkerne rollt, das Hochschauen zur Kirchturmuhr, wenn man die Uhrzeit wissen will und eine Portion Riesen-Spaghetti-Eis nach den ersten 40 Kilometer. War meinem Freund sehr wichtig.

Letzte Chance auf Vanilleeis mit Erdbeersoße und weißer Schokolade. So etwas kredenzen die Franzosen nicht. Daher nochmal mitnehmen! Solange wir noch in Deutschland sind. Morgen ruft Frankreich. Und heute ruft der Rhein!