Tag 5: Sonntagsfahrt hoch zwei

Mit dem Zug von Prag nach Budweis, dann 22 Kilometer nach Černice mit dem Rad

Zahnseide benutzen, Beine rasieren, eiskalte Milch aus dem Kühlschrank runterglucksen. Ah, die Vorzüge von Beton und Stromleitungen um uns herum. Schon eine feine Sache, aber reicht dann auch mal wieder. Wir checken aus, zwacken vorher noch Spüli und Gewürze ab und machen uns auf zu einer Bäckerei.

Da hocken wir stundenlang. Reden über Tauben (Kann man die braten?) und über die Geschichte Tschechiens (Was war nochmal der Prager Fenstersturz)? Belegte Brötchen und heiße Getränke begleiten unsere Gedanken. Ein Sonntagmorgen in Slow Motion.

Ohne Sprints, ohne Hauruck geht es zum Prager Hauptbahnhof. An Gleis 7J wartet ein blau-weißer Regiojet auf uns. Das Ziel? Budweis im Süden Tschechiens. Budweis? Ja, genau, das ist eigentlich eine Biermarke, aber auch ein guter Ausgangspunkt, um weiterzuziehen, Richtung Süden.

Böhmen im Abendglanz. Erinnert uns an den Schwarzwald, nur mit mehr Weizenfeldern. Die Kilometer zerfließen, sind ja auch nur 22.

Zur Abendbrotzeit erreichen wir den Campingplatz Paradijs an der Moldau. Haben wir reserviert? Nö! Klappt trotzdem. Ein schnuckeliger Platz – mit Flatrate-Duschen ohne Marken. Wir bauen unser Schlafgemach auf und tapsen in die Moldau. Meine Laute dabei erinnern Micha an ein trächtiges Warzenschwein. Na dann… Andere Urlauber treiben neben uns in Schlauchbooten vorbei. Ahoi, rufen sie. Wir winken zurück. Guter Ort!

Im Campingplatz-Kiosk investieren wir unsere fast letzten Kronen in zwei alkoholfreie Biere. Ja, sowas gibt es sogar in Tschechien. Dazu Linsen-Bolo mit Reis, Zucchini, Möhre und Mais. Energie tanken für die Ösis morgen!

Tag 4: Prahaaahaaa!

Null Kilometer mit dem Rad

Schon himmlisch, so ein Bett mit Kopfkissen und Nachttischlämpchen. Und die Toilette nur drei Schritte statt nen halben Kilometer entfernt.

Wir schlummern und schlummern, schauen nicht auf die Uhr. Was wohl schwerer ist? Eine Palette Mehl oder unsere Beine? Hmm… nur der Hunger schiebt die Schlafmadke hoch. Ich tippe im Liegen: „Tschechisch frühstücken gut traditionell“. Google maps hat ein paar Treffer. „Spizirna1902“ überzeugt den Bauch.

Das Frühstück ist sehr fein: schlonziges Rührei mit Spinat, Brot, Salat, dazu Joghurt und einen Topf heiße Schoki und Latte Macchiato.

Zwischen Genuss und Geradeausgucken schrauben wir an der Route. Wohin als Nächstes? Der Plan: ein Zug in den Süden Tschechiens zu nehmen und dann weiter mit Rad. So kommen wir bisschen schneller vorwärts und haben am Ende vielleicht noch Zeit für Wellness. Mal gucken.

Aber erstmal Prag entdecken. Zu Fuß, nur mit Lenkertasche. Vorbei an imposanten Gebäuden mit Verzierungen in jeder Ritze. Die Hauptfarben: Ocker, Eierlikör, Sand. Hier steckt Geld. Alles sauber, kein Müll, keine Urinnote – wie in anderen Großstädten. Dafür sehr, sehr viele Touristen. Und Junggesellen-Truppen aka wilde Männer-Horden.

Das schreckt uns etwas ab. Wir verschanzen uns in einer Brauerei und schlürfen einen Humpen Bier: „Pilsener Urquell“. Das heißt hier wirklich so. Im Magen ist auch wieder Platz – für ein tschechisches Gericht: Schweinewürfel, Weißkraut und Knödel. Nebenbei spielen wir Karten und sind minimal beduselt.

Zurück im Airbnb füllen wir wieder unsere Radtaschen. Spülen unser Geschirr, hängen die Wäsche ab und widmen uns der letzten Mission: eine Bar mit Live-Übertragung der Frauen-EM finden. Go Německo!

Tag 3: So Matsch!

95 Kilometer: Holany-Pampa-Netvorice-Prag

Regen beim Einschlafen, Regen beim Aufwachen. Zelt nass, Luftmatratze von unten nass, Schuhe nass. Wir nehmen die überdachte Bar in Beschlag und breiten unser gesamtes Schlafzimmer aus. Die Luft ist feucht. Es trocknet nicht wirklich, wird aber auch nicht nasser. Nicht ideal, aber kein Weltuntergang.

Zwei Schalen Müsli und dann die Nacht bezahlen. 250 Kronen und ein paar weitere Krönchen für die Duschmarken, umgerechnet rund 12 Euro für uns zwei. Richtiges Schnäppchen.

Wir satteln unsere tropfenden Esel und trotzen Schotter und Schauern. So viel Pampa um uns herum. Kaum Menschen, dafür immer wieder kleine Knusperhäuschen mit roten Holzrahmen und schwarz-weißen Fassadenbalken. Und Ruinen. Tschechien, ein Industrieland?! Im Nordwesten eher nicht.

Nach rund 50 Kilometern ist der Bauch leer und der Po steht kurz vor dem Kollaps. Zumindest bei mir. Micha machen bissle die Knie zu schaffen. Höchste Zeit, anzuhalten. Im letzten größeren Ort vor Prag decken wir uns bei einem Döner ein. Wieder nur 11 Euro für zwei fette Yufkas mit Getränken.

Die Energie kommt zurück. Was tun? Noch 30 Kilometer bis Prag. Fahren wir mit dem Zug oder mit dem Rad weiter? Wir entscheiden uns fürs Strampeln. Mit Zwischenstops. Zum Beispiel beim Softeis-Stand. Davon gibt es fast an jeder Ecke welche. So gut. Wieder nur 1,80 für diese Schönheiten. Micha zahlt mit einem Tausender (etwa 41 Euro). Nix Kleingeld. Die Verkäuferin blättert das Wechselgeld hin. Wir schlecken und ziehen weiter.

Die Wege sind ziemlich schlammig. Es spritzt. Ein Modderhaufen rutscht von meinem Knie zum Knöchel. Zum Glück bin ich keine Prinzessin. Auch die Räder bekommen eine Schlammpackung ab. Es knirscht, die Bremsen protestieren. Kurz vor Prag gibt‘s einen Waschgang. Gutes Gefühl. Alles flutscht wieder.

Wir rollen mit Abendsonne im Rücken in Prag ein. Erster Eindruck: super lebendig. Aber bevor wir darauf anstoßen – na klar, mit einem perlenden Pivo – geht es ins Airbnb. Räder mit in den Aufzug und die Bude auseinandernehmen: Zelt trocknen, Schlamm wegspülen, Geräte aufladen. Ein kleines Paradies, sogar mit Waschmaschine.

Tag 2: Von der Bergoase zur Bieroase

68 Kilometer: Mittelndorf-Lichtenhain-Ceska Lipa-Holany

Augen in der Tasse mit Müsli, Augen auf die Berge vor uns. Die Sonne kommt raus und trocknet unser ganzes Zeug. Camperglück! Wir packen zusammen und rollen los.

Nach sieben Kilometern meldet sich schon der Magen. Appetit! Ruft er. Das Frühstück ist verpufft. Wie gut, dass ein Gasthaus zufällig Fischbrötchen anbietet – mit Forelle und Meerrettich-Preiselbeeren-Creme. Zack, verschwunden.

Wir radeln dahin, auf der Radroute durch die Sächsische Schweiz. Immer wieder wulstige Felsen, verwunschen, geheimnisvoll. Eine Landschaft, ideal für Wegelagerer, die feine Herrschaften in noch feineren Kutschen überfallen.

Eine kleine Holzbrücke und schon sind wir: Tschechien! Schotterwege, sehr wenig Vögel, Blätterrauschen. Endlich wieder Stromleitungen und Asphalt. Die Zivilisation naht! Und mit ihr die vielen Hügel. Hoch, runter. Puh, das zieht echt Batterie. Wir machen in einem Bushäuschen Rast. Micha zaubert eine Erdnuss-Dose aus seiner Radtasche. Völlige Begeisterung meinerseits.

Wir mümmeln die Erdnüsse weg und putzen nochmal 20 Kilometer weg. Bis zu einer Stadt namens Ceska Lipa. Beim Bankomat tankt Micha Kronen auf. Nix Euro in Tschechien. Mit dem neuen Spielgeld geht’s in den nächsten Supermarkt. Wir haben 1.500 Kronen, umgerechnet rund 60 Euro. Das Einkaufen wird zur Matheaufgabe. Am Ende greifen wir einfach zu. In unseren Händen: indisches Nan-Brot, Paprika, Lauch und Quark. Und Ü-Eier. Super praktisch, um Kräuter und Gewürze zu lagern.

Die letzten Meter bis zum Campingplatz. Reservieren konnten wir nicht, wir fahren einfach hin. Die Rezeption ist schon dicht, aber in der Campingplatz-Bar ist Leben. Ein untersetzter Typ, der kein Wort Englisch spricht. Naja, und wir haben gerade erst Hallo und Danke gelernt. Mit Apps und einem hinzugerufenen Gast funzt es. Wir dürfen bleiben – und unser Zelt im „wood“ aufschlagen, das interpretieren wir mit „am See“. Morgen kommt der Chef erst, bis dahin ist noch viel Zeit. Für Bier zum Beispiel. Ein halber Liter kostet beim Campingplatz nur etwa 1,50 Euro. Doch die Bar ist nach der Dusch-Session verriegelt. Und so knabbern wir an unserem Gemüse…

Tag 1: Elbflorenz und Donnergrollen

56 Kilometer: Dresden-Pirna-Bad Schandau- Mittelndorf

Mittwochnachmittag in Dresden, Gleis 1, Wagen 255: Ein junger Mann mit offenem Hemd und voll gepacktem Rad stürmt auf mich zu. Zweieinhalb Wochen sind geschafft, endlich kann ich meinen Micha wieder knuddeln. Aber lange Schmusereien sind nicht drin. 60 Kilometer wollen dahinschmelzen.

Wir juckeln durch Dresden. Plattenbauten wie Bauklötze. Die Kuppel der Frauenkirche, Ampelmännchen mit Hut. Alles zieht vorbei. Wir sitzen wieder auf dem Sattel. Ein schneller Kuss an einer roten Ampel.

Der Wind schnipst uns nach vorn. Links die Elbe, rechts immer wieder nette Büdchen – mit „Omas DDR-Nudeln“, Eierkuchen oder Fettbemme, wohl Brot mit Fett. Verlockend, aber noch regiert die eigene Tupperdose: Gestern habe ich noch Zimtschneckenhaufen gemacht.

Mit Kardamon-Fahne strampeln wir weiter. Es wird grüner und hügeliger. Felsen wie gestapelte Pancakes. Die sächsische Schweiz klopft an. Wir verlassen die Elbe und tauchen in den Wald ein. Es donnert und blitzt. Regen und Wind schauen vorbei (keine Sorge, Mama, Unterhemd ist am Start).

Noch zehn Kilometer oder doch nicht? Kleiner Fehler in der Routenplanung. Entweder fahren wir wieder viele Kilometer zurück oder wir schieben unsere Räder einen steilen Waldweg hoch. Wir sind bekloppt, wir drücken unsere Räder hoch. Voll anstrengend, aber viel schneller. Unser Campingplatz: Bergoase. Wie wahr. Ein schnuckeliger Platz entlang der Panorama-Route in der sächsischen Schweiz.

Ausblick vom Campingplatz

Zwei Duschmarken später sitzen wir bei Nudeln und Tomatensoße mit Feta und Möhrchis über unseren Tellern. Selig und satt.

Tag 45: Durchziehen

189 Kilometer: Philippsburg – Karlsruhe – Ettlingen – Offenburg – Lahr – Freiburg

Stille auf dem Campingplatz, die Meute schlummert noch. Dann kann ich mir ja ein Nacktbad genehmigen. Der See ist wärmer als die Luft. Wie ein Resetknopf. Schlaftrunken rein, fröhlich und beschwingt wieder raus.

Der Wind ist zum Glück abgeflaut. Endlich wieder Schwung und Speed. Gegen 11 Uhr in Karlsruhe, um 11:45 Uhr in Ettlingen, um 13 Uhr im Edeka in Muggensturm. Decke mich mit Proteinriegeln ein. Die von Seitenbacher haben es mir angetan. Schoko mit rote Beete und Protein-Hack. Da zucken die Beinmuskeln vor Freude. Es ist zwar heiß, aber kein Vergleich zum Mittelmeer.

Bei Kilometer 80 hat es sich ausgeriegelt. Her mit den Kohlenhydraten! In Bühl quartiere ich mich in eine Bäckerei ein. Bestelle ein Käsebrötchen mit Remoulade. Viel bitte! Und Zwetschgen-Streuselkuchen. Mit Sahne? Viel bitte!

Im Magen ratterts und im Kopf auch. Was soll ich nur machen? Mein Bauch ist gerade zu beschäftigt, um mit mir zu sprechen.

Na gut, nachdenken jetzt. Es gibt drei Optionen: zum nächsten Campingplatz in 10 Kilometern, zum übernächsten in 50 Kilometern oder gleich nach Hause durchballern, wären dann noch etwa 100. Bin ratlos, frage meinen Freund. Der sagt, ich soll es mir beim nächstgelegenen Platz schön machen. Klingt sinnvoll. Ich kehre bei einem weiteren Edeka ein und besorge Vollkornnudeln, TK-Spinat und Gorgonzola sowie Brokkoli. Den Spinat spanne ich auf den Gepäckträger, dann kann der schon mal auftauen.

Auf dem Weg zum Campingplatz am Achernsee male ich mir meinen Abend aus: wieder See, kochen, ratzen. Oder erst mampfen, dann planschen? Hmm… Ich melde mich beim Campingplatz an und rolle zur Zeltwiese. Techno-Mucke, Stände mit billigen Hüten und so, so, so viele Menschen. Hier auftanken? Nee, hier nur wegwollen. Ich radel wieder zur Rezeption und cancel alles. Anruf beim nächsten Campingplatz. Ja, es gibt noch freie Plätze. Der Hintern schmerzt schon etwas, aber die 40, 50 Kilometer kriege ich jetzt auch noch runtergespult. Neue Motivation erwacht. Was ungemein hilft: Im Radio wird das Fußballspiel Freiburg gegen Stuttgart übertragen. Fiebere total mit. In jeder Trinkpause auf dem Feld mache ich auch eine. Danach kommt auf SWR1 eine Sendung mit Wunschsongs. Ich rufe an und spreche aufs Band. Wünsche mir „A bicyclette“ von Yves Montand. Mein Lied wird nicht gespielt, aber das Ganze hält mich munter.

Gegen 19 Uhr trudel ich beim Campingplatz Schutternsee ein. Oh no, schon wieder Massenabfertigung und Duffduff aus den Boxen. Wohnwagen an Wohnwagen. Dazu saftige Preise. Egal ob 14-Meter-Caravan oder Igluzelt – der Stellplatz kostet 19,50 Euro. Plus 5 Euro Pfand für den Dusch-Responder. Dauer der Dusch-Einheiten werden separat abgerechnet. Was ist das denn für ein Zirkus?! Puh! Ich will wieder weg. Wollen und vor allem können das meine Beine auch? Kurzes retardierendes Moment: Der Campingplatz-Betreiber ist freundlich. Er bietet mir sogar eine kostenlose Dusche an. Nee, Danke. Das bringt jetzt auch nix mehr. Wasserflaschen auffüllen wäre viel besser. Ich darf seine Toilette nutzen. Top!

Und jetzt, wie geht es weiter? Rad oder Zug? Ich will aus eigener Kraft zuhause ankommen. Noch 60 Kilometer. Das Licht am Horizont wird schwächer. Die Gedanken werden leiser.

Ich mache wieder Podcasts an. Etwas Geschichtliches. Den Ursprung der Jugendherbergen. Egal, Hauptsache bisschen Ablenkung und Stimmen. 20 Kilometer vor Freiburg brauche ich dringend Kesselfutter. Ein Döner in Emmendingen hat noch auf. Es ist schon 22 Uhr. Mit gefühlt drei Bissen ist der Döner verschwunden. Ich setze zum Schlussspurt an. Die Radwege neben der Bundesstraße sind unbeleuchtet. Habe bisschen Schiss. Dazu Blitze am Himmel und aufziehender Wind. Kleine Äste stürzen auf mich runter. Alles pusht mich nach vorne.

Auf den letzten 10 Kilometern geht mir allerdings die Power aus. Bei jedem Hügel schiebe ich nun. Habe Rückenschmerzen und mein Po sendet Alarmzeichen: bitte nicht mehr sitzen. Der Durst ist auch groß. In der Freiburger Kultkneipe will ich mir ein Radler bestellen, aber jetzt kommt auch noch Regen dazu. Keine Lust, das Zelt und die Isomatte einzupacken. Nix Kneipe, sondern Haustür! Kurz vor Mitternacht ist das kleine Wunder dann geschehen – nach 189 Kilometern mit Gepäck und Hitze. Dreckig, erledigt, durstig bugsiere ich mein Rad ins Wohnzimmer und mich auf die Couch. Was für ein Ritt! Der TK-Spinat wäre jetzt übrigens bereit für den Verzehr 🙂

Tag 44: Vom Gegenwinde verweht

99 Kilometer: Groß-Zimmern-Bensheim-Schwetzingen-Hockenheim-Philippsburg (Campingplatz Freyersee)

Ein Frühstück mit Kürbiskernbrötchen, Butter und gestreifter Streich-Schoki. Freundin Bille verwöhnt mich. Muss aber nach zwei Brötchen und einem Schokocroissant-Fladen aufgeben. Reicht für die ersten 20, 30 Kilometer.

Die Tour führt durch Wälder, an Landstraßen vorbei und durch sehr viele Städtchen. Besonders lebendig: das südhessische Bensheim. Um 10 Uhr wird da schon Eis geschleckt und Fischbrötchen verschlungen. Backfisch, Makrelen, frische Krabben. Mein Herz schlägt höher. Meinen Magen lässt’s kalt. Hunger? Fehlanzeige!

Buntes Bensheim.

Ab Kilometer 40 geht der Fahrspaß flöten. Der Gegenwind wird immer stärker. Die Strecke ist flach, aber meine Beine kurbeln einen Berg hoch.

Ok, ich brauche Ziele, kleine Motivations-Kicks. Sonst wird das nix. Currywurst mit Pommes zum Beispiel. Bei „Alles Wurst & Co“ im Mannheimer Industriegebiet werde ich fündig. Der Betreiber hat den Imbisswagen erst seit drei Wochen. Den Stellplatz – einen Parkplatz neben einer Autowerkstatt – hat er auf EBay Kleinanzeigen gefunden. Sympathisch!

Die Currywurst ist jetzt nicht der Hit, liefert aber Energie. Als Topping löffel ich noch ein paar Skyr-Reste und zurück auf den Sattel.

Ich kämpfe! Die Beine sind schlaff und der Kopf hat den Tourmodus aus dem Sortiment genommen. Hinzukommt die permanente Versuchung: die Bahngleise sind nur einen Gestrüpp-Wall entfernt. Aber nein, Zähne zusammenbeißen. 70, 80, 99 Kilometer. Irgendwie schmelzen die Kilometer und das Schild „Rezeption“ taucht auf. Matsche, aber happy – angekommen beim Campingplatz in Philippsburg. Liegt zwischen Mannheim und Karlsruhe. Wäre ich wohl niemals extra hingefahren, kann ich aber jetzt wärmstens empfehlen. Es gibt einen schönen See, einen Automaten mit Spaghetti-Eis und vor allem einen herzlichen Gastgeber, der mir sogar einen Stuhl ans Zelt bringt. Eigentlich war der Platz sogar ausgebucht, ich darf ausnahmsweise auf dem Rasenstück eines Dauercampers pennen. Glückssträhne!

Und so plätschert der Abend dahin. Erst See, dann kochen. Nach der Currywurst alle Zeichen auf gesund. Gibt Gemüse mit Reis. Beim Umrühren schaue ich Kids beim Einbuddeln in den Sand zu. Das Trampolin ist heiß begehrt und im Wasser geht gerade ein Handstand unter. Ich mag Campingplätze!

Tag 43: Whiskey im Flixbus

Paris – Frankfurt (Flixbus) – 36 Kilometer nach Groß-Zimmern (Hessen)

Wieder eine harte Etappe für meinen Po: fast zehn Stunden im Flixbus – von Paris nach Frankfurt. Zum Schnapperpreis von 47 Euro, inklusive Rad. So der Plan. Doch ob das klappt? Ich habe da meine Zweifel.

Nach elf gemütlichen Kilometern durch Paris, vorbei an der Opéra, am Louvre und an der Notre Dame, verfalle ich in den Panikmodus. In einer Viertelstunde ist Abfahrt, aber ich komme nicht durch. Absperrgitter und Umleitungen. Nachwehen der Olympischen Spiele. Muss improvisieren. Trage mein Rad eine lange Treppe hoch. Alles dicht. Kamikaze-mäßig durch einen Park. Frage Passanten. Ein junger Typ kennt eine Abkürzung. Vorbei am Spielplatz, links halten. Plötzlich rolle ich in eine große Unterführung. Etwa 20 Busse schnaufen da. In meiner Hektik überfordert mich sogar die Anzeigetafel. Stürme auf zwei Busfahrer zu: Francfort??? Vingt-sept! Da ist das Gate. Ich pese durch den dunklen Schacht und werde schon sehnsüchtig erwartet. Zwei andere Biker aus Deutschland sind auch mit ihren Rädern unterwegs. Steigen aber früher aus als ich, daher soll mein Rad zuerst befestigt werden. Der Busfahrer zieht schwarze Gummihandschuhe über und hebt die Räder auf den Träger. Ich bin so erleichtert. Darauf erstmal ein bisschen Bananenbrot und Schoggi.

Die nächsten Stunden hätten jetzt mit Langweilen und Leiden dahinplätschern können. Tun sie aber nicht. Beim ersten Halt in Reims lerne ich die anderen Radler besser kennen. Darunter ein Mainzer, der nach Barcelona geradelt ist und ein Koblenzer, der über London nach Paris gestrampelt ist. Wir haben direkt Gesprächsstoff: die Qualität der Lidl-Backwaren, die Suche nach Trinkwasser und Lebensmitteln aufm Land, die ewige Frage: mit Stuhl oder ohne Stuhl verreisen. Wir sprudeln los.

Nach der Pause ist der Platz neben mir frei geworden, Jonas aus Koblenz gesellt sich zu mir. Er ist Fotograf und erzählt, dass er seine kiloschweren Objektive mitgeschleppt hat. Ich berichte über meine Tascheninhalte und die Tour im Allgemeinen. Ein anderer Passagier schnappt unser Gespräch auf. Er kommt aus Angola und handelt mit Altreifen. Von Frankfurt will er heut noch nach Bremen, am Sonntag nach Portugal und dann direkt nach Angola. Tougher Zeitplan! Ich soll ihm die Zugverbindung von Frankfurt nach Bremen raussuchen. Ok. Ohne Vorwarnung dreht er uns zwei Pappbecher mit Whiskey an. Es ist halb12, puh. Er hätte auch Saft dabei und zeigt auf die Cola-Flasche. Dann lieber Whiskey.

Minimal angeduselt verabschiede ich mich von Jonas. Er radelt von Metz nach Luxemburg und steigt dort später in einen Zug nach Koblenz. Meine Fahrt pendelt sich wieder zwischen normal bis öde ein. Kleiner Peak kurz hinter der Grenze in Saarbrücken: Polizeikontrolle! Ausweise zücken und den Beamten tief in die Augen schauen. Keine Probleme, weiter geht’s.

Wir halten nochmal in Kaiserslautern und in Mainz. Allmählich werde ich albern und nehme den Bus-Mief an. Der Proviant geplündert. Der Hintern mit dem Sitz verschmolzen. Stehen wäre mal wieder toll. Noch besser Radfahren. Ich beschließe, dass die Regionalbahn nach Dieburg ohne mich abfahren soll.

Why?

Auf dem Weg zu meiner Freundin Bille ins hessische Groß-Zimmern will ich meine Körperteile aus dem Koma holen. Knapp 40 Kilometer, machbar und so belebend. Nach der Sardinenbüchse durch den Wald oder die Kleingartensiedlung. Fühle mich wie platt gelegenes Gras, das sich wieder aufrichtet. Gute Radwege, Bratwurst-Geruch hinter der Hecke und die Vorfreude auf mal wieder Currywurst mit Pommes. Hallo Deutschland, schön wieder da zu sein.

Tag 42: Backflash in Paris

Bordeaux – Paris mit dem TGV

Es ist fast noch Nacht, als ich mit meinem Rad das Hotelzimmer verlasse. Hoffentlich sieht mich niemand. Die Rezeption ist in einem anderen Gebäude, alles gut gegangen. Ich quetsche mich in den Aufzug. Zweimal rechts und dann geradeaus. Der Bahnhof in Bordeaux ist nur ein Katzensprung entfernt. Viel ist auf den Straßen noch nicht los. Nur ein paar leuchtend gelbe Müllmänner, die die City für den Tag fit machen.

Am Gleis ist alles entspannt. Muss zu Wagen 1. Ganz nach vorne. Tür auf, Rad rein. Schön unspektakulär. Ein anderer Radler steigt zu. Aber er lässt sofort die Kapuze runter und pennt auf dem Tisch ein. Ok, kein Smalltalk, auch nicht schlimm.

Um 10 Uhr sagt die Schaffnerin: Nous rentrons en gare de Paris-Montparnasse. 600 Kilometer in drei Stunden weggeballert: Dieses Tempo bin ich nicht mehr gewöhnt. Verrückt, am Ziel anzukommen, ohne das Relief der Landschaft in den Beinen zu spüren. Könnte jetzt auch London sein. Aber ist zum Glück Paris. Zurück in der alten Heimat (2013-2016). Das macht es nicht so schwer.

Auf dem Weg zu meinem Kumpel Stéphane – kennengelernt bei einem Deutsch-Französischen Stammtisch im Erasmus-Semester – lasse ich mir sehr viel Zeit. Fahre erstmal zum Eiffelturm und beiße in einen Apfel. Die Stadt ist ziemlich leer gefegt, die Erschöpfung nach dem Olympia-Sturm. Selbst im größten Kreisel, den ich kenne – beim Arc de Triomphe – stört sich niemand an meinem Sonntags-Schneckentempo. Gucken, erinnern, bisschen treten.

Und da stehe ich schon mit meinen Klötzen vor Stéphanes Haustür. Ich soll den Aufzug nehmen, das Rad gleich mit rein. So gefährlich hier? Na gut.

Er empfängt mich in der Wohnung seiner Eltern. Da sei mehr Platz. Seine Freundin aus Kolumbien ist auch gerade zu Besuch. Lorena spricht kein Französisch und nur un poquito Englisch. Wir bauen kunterbunte Sätze – auf Frengspanisch. Das Wort Pizza verstehen alle. Wir tigern zum Lidl nebenan, der rote Faden dieser Reise. Stéphanes Perle greift zur TK-Pizza. Bin etwas irritiert. Machen wir den Teig nicht selbst? Äh, Kochen ist nicht vorgesehen. Ich schlage Fertig-Teig vor. Alle nicken.

Lorena und ich schmeißen den Laden in der Küche. Sie ist total begeistert von dem Fertig-Teig. Macht Photos, verschickt viele Pizzen nach Südamerika. Das sei für sie etwas ganz Neues. Spannend!

Nach der Pizza brauche ich ne Siesta. Im Kinderzimmer von Stéphanes Sohnemann darf ich schlummern. Neben dem Playmobil-Piratenschiff und den Plüsch-Huskys. Wohlfühlen!

Beim Dösen überkommt mich ein Backflash. Kaufe Zutaten für Bananenbrot und Crêpes. Stéphane hockt sich auf die Arbeitsfläche und plaudert los. Mal wieder so richtig quatschen statt Smileys hin- und herfeuern. Auch ein Geschenk auf dieser Reise.

Jetzt nur noch die Wäsche (hab nochmal alles in den Schleudergang gejagt) zusammenlegen und genießen.

Tag 41: La fin

71 Kilometer: Saint-Jean-Pied-de-Port – Tolosa – Bayonne – Anglet – Bayonne

Mein Morgenlook – irgendetwas zwischen Vogelscheuche und Horrorzombie. Habe die Daunenjacke und die Hose in der Nacht gar nicht ausgezogen. Gute Entscheidung. War nämlich wieder recht frisch – meiner Nasenspitze nach zu urteilen.

Auch wenn sich heute unsere Wege trennen, ist das Herz noch locker und leicht. Juliane hat zum Glück keine Schmerzen und die Sonne fährt ihre Strahlen aus – bis zu unserer Frühstücksbank. Freiburg, Alltag, eigenes Bett – noch weit, weit weg. Einfach Müsli runterknuspern und losfahren. Juliane nimmt verletzungsbedingt einen Zug nach Bayonne, Ann-Sophie und ich hängen mal wieder aufm Asphalt ab. Schlussetappe heute! Schon? Bin doch gerade eben erst aus der Hansjakobstraße rausgefahren und nach links abgebogen.

Die Route ist knackig. Steil rauf, steil runter. Enge Kurven, in denen Schwung holen unmöglich ist. Jeder Anstieg wie ein Nadelstich in die Beinmuckis. Wir jammern bisschen und kratzen alle Essensreste zusammen.

Von Sattel zu Sattel lassen wir die letzten Wochen Revue passieren. Worin wir uns einig sind: Das waren ganz schön viele Kilometer und Höhenmeter. Genussradeln und Chill-Time hatten wir uns vorgenommen. Auch, dass wir bisschen mehr Style in unser Outfit bringen. Mit der Radwurst als Dauer-Downer gar nicht so einfach. Und was das Pensum anbelangt: Wir sind fahrradverrückt und tourenverliebt. Bremsen uns nicht, sondern geben einander Aufwind. Und schwups, rauschen die Kilometer vorbei.

In Gang 4 von 5 brettern wir zum Beach. Wenn man die Pyrenäen überquert, ist der Atlantik so etwas wie der sinnliche Beweis dafür: Ja, wir müssen am Ziel sein. Die Berge haben sich verflüssigt. Wir haben es geschafft.

Schnell in die Wellen, schnell zurück in die Pedale. Mein Zug in Bayonne fährt um 17:35 Uhr ab. Jetzt ist der Frohsinn dahin. Bayonne sprudelt vor Leben. Kleine Läden, volle Cafés, Straßenkünstler. Wir haben viele Städte gesehen. Hier sind definitiv gute Vibes. Und ich haue ab. Juliane und Ann-Sophie gönnen sich eine Superior-Suite und ich versauere in der Regio-Bahn. Doof, einfach doof. Der Klecks Farbe in dem Ganzen: Juliane schafft es noch pünktlich aufs Gleis zum Tschü sagen. Ihr Zug ist ausgefallen. Der Ersatzbus sollte eigentlich kurz nach meiner Abfahrt eintreffen. Aber die zupackende Busfahrerin, die wohl auch einen Baumstamm von der Fahrbahn gezogen hat, drückt aufs Gaspedal und liefert Juliane früher ab. Freude! Umarmungen! Tropfen auf der Backe. Das tut weh. Was hilft: Kuchen und die Stimme meines Freundes. Höre mir im Zug alte Sprachnachrichten an. Bin aber trotzdem noch traurig. Ah, da vibriert mein Handy. Nachricht von meinem Kumpel in Paris. Er teilt mir mit, dass die Metrotickets teurer geworden sind. Süß. Morgen sehen wir uns wieder. Eine Nacht in Bordeaux, dann morgen weiter nach Paris. Gar nicht mal so schlechte Aussichten.