Tag 14: Spülen, gruseln, total verfahren

Fast alle Wiener Außenbezirke ungewollt abgeklappert.

Beim Spüldienst habe ich heute meinen österreichischen Wortschatz erweitert. „Strankerl“ oder auch „Fisolen“ sind Bohnen und die habe ich gemeinsam mit der Mutti meiner Freundin kurz und klein gehackt. Morgen gibt es veganes Strankerl-Gulasch. In der vegetarischen Version, ein typisches Gericht aus Kärnten. „Ribisl“ sind übrigens Johannesbeeren und „Paradeiser“ Tomaten. Ein Wort ist besonders hübsch: Wenn etwas richtig toll ist bzw. mega gut schmeckt, sagen die Wiener „leiwand“, leitet sich vom Begriff Leinwand ab. Kommt wohl aus der Zeit des Leinenhandels in Kombination mit Bierausschank im 15. Jahrhundert.

Nach vier Stunden Tellerwaschen raus aus der Küche und ab auf die Straße – mit Sack und Pack. Was mache ich denn jetzt? Sisi-Tour im Schloss Schönbrunn oder Friedhof der Namenlosen, ein „Tipp“ von Gudrun. „Der Tod, das muss ein Wiener sein“ heißt es doch im Lied von Georg Kreisler und Topsy Küppers. Ich lasse also die Wiener Prunkbauten hinter mir und folge dem Donaukanal in Richtung Süden. Nach dem Tierkrematorium bin ich fast da. Auf dem Friedhof der Namenlosen im Bezirksteil Albern (im Ernst) sind Menschen begraben, die die Donau zwischen 1840 und 1940 angeschwemmt hat. Dutzende Kreuze, Unkraut, verwitterte Teddybären. Bedrückend die Tafeln mit der Aufschrift „Unbekannt“ oder „Namenlos“ zu lesen. Noch bedrückender sich vorzustellen, wie es dazu gekommen ist. Ich drehe mich um und entdecke ein in Stein gemeißeltes Gedicht: „Still ist‘s in den weiten Auen. Selbst die Donau ihre blauen Wogen hemmt. Denn sie schlafen hier gemeinsam, die die Fluten still und einsam angeschwemmt. Alle, die sich gesellen, trieb Verzweiflung in der Wellen kalten Schoß […].“ Schwere Kost für eine Frohnatur. Bereue den Besuch aber nicht. Auch dieser Ort gehört zu Wien.

Nach dem Friedhof zieht es mich wieder ins Leben. Ich strampele ins Wiener Herz und merke, dass mich Google Maps in die falsche Hinmelsrichtung geschickt hat. Mein Ziel: die Wohnung meiner Freundin Agneta. Sie ist gerade in Deutschland und ich darf in ihre Bude. Das Problem: Ihre Adresse gibt es zweimal. Einmal in Wien und ein anderes Mal in einem Vorort von Wien. Sie hat mir die Koordinaten geschickt, die mich beim Draufklicken in die etwas entferntere Brunnengasse lotsen. Okay, Zähne zusammenbeißen und los, 20 Kilometer, dann habe ich es geschafft. Vor Ort stelle ich fest, dass die Beschreibungen nicht hinhauen. Ja, bin i deppert?! Offenbar! Nochmal zehn Kilometer durch die Wiener Banlieue. Vorläufiger Tiefpunkt. Muss mein Rad wegen einer Baustelle steile Stufen hochtragen und verliere fast die Power. Da hilft nur ganz schnelles Ankommen und ein Radler im benachbarten „Heurigen“, das ist übrigens eine Besenwirtschaft/Strauße. Uff, Prost!

Tag 13: Abenteuer Spülkraft in Wien

Das Sattva in der Apostelgasse, eine vegane Ausnahme im Schnitzel-Wien, mehr dazu in den nächsten Absätzen…

Gleis 8, 11:20 Uhr, kleines Klößchen im Hals: Mitfahrer Lars steigt am Wiener Hauptbahnhof in den Nach-Hause-Zug ein. Er winkt noch aus dem Fenster und dann ist der Bahnsteig leer. Vielen Dank für deine erfrischende und lustige Gesellschaft. Großer Eintrag in meinem Herzen. PS.: Danke, dass ich mir mit deinem Multi-Tool die Fußnägel schneiden durfte. Das ist Freundschaft.

Finde den Lars in einem Wiener Hinterhof!

Zum Glück habe ich am Gleis gar keine Zeit für Augen-Pippi. Muss los. Zum Sattva in den dritten Wiener Bezirk. Der Darling von meiner Freundin Gudrun hat dort ein veganes Restaurant eröffnet. Er war vorher Software-Entwickler. Das „Wie es zu dieser Wandlung kam“ muss ich noch aus ihm herauskitzeln. Jetzt aber erstmal zum daily Business: Die Thekenkraft und die Spülhilfe sind kurzfristig ausgefallen, also habe ich meine Hilfe angeboten. Schichtbeginn ist um 12 Uhr. Bekomme eine graue Schürze und eine kurze Einführung in die Spülmaschinen-Technik. Mit dem Kratzerl, sagt Gudrun, soll ich die Töpfe sauber schrubben. Verstanden! Salatschleudern, Siebe, Suppenkellen – alles wird reine gemacht. Was die Spül-Skills anbelangt, kann ich auf Vorerfahrungen zurückgreifen: Nach dem Abi habe ich in einer elsässischen Jugendherberge Berge an Tellern und Geschirr weggespült. Das war Teil eines FSJs.

Hochkonzentriert – sonst wird das nix.

Mit der Spülbrause Essensfetzen wegzuballern (sofern genug Druck auf der Leitung ist), hat mir damals schon gefallen. Die Essensreste geben mir auch eine Vorahnung, was es heute als Tagesmenü geben könnte. Immer wieder verheddern sich Weißkohl-Streifen und schwarze Linsen im Waschbecken-Sieb. Und ja auf der Speisekarte: Minestrone-Gemüsesuppe zu Dinkel-Piadini-Wraps und Schokopudding mit Kokos-Schlagobers. Sehr gut. Und total der Counterpart zu Schnitzel, Eitriger und Leberkäs in den letzten Tagen.

Bis 16 Uhr mache ich gemeinsam mit Gudrun Klarschiff in der Küche. Bis einschließlich Freitag habe ich Spüldienst. Die Bezahlung ist in Kost und Logis. Finde ich klasse. Eintauchen in den Alltag von Freunden, ohne Scheine zu zücken. Mehr davon!

Tag 12: Auf die richtige Mélange kommt es an

Das Café Hawelka – eine urige Adresse in Wien

Schlafen, Schritttempo, Schaufenster angucken: die Räder machen Pause im Hinterhof und wir streunern durch die Wiener Bezirke. Zum Frühstück gibt es einen Puddingkrapfen und einen Powidlkrapfen (quasi Berliner mit Pflaumenfüllung) und für den Durst eine Wiener Mélange im Café Hawelka. Hier räumt der Chef noch persönlich die Tische ab und begrüßt Neuankömmlinge mit einem „Servus, meine Lieben“ – eine Herzlichkeit, die auf seine Kellner nicht ganz so abgefärbt ist. Professionell reserviert bringt uns ein Ober mit Fliege, weißem Hemd, schwarzer Hose und Weste unsere Wiener Mélange. 4,90 Euro für ein kleines Tässchen. Stolzer Preis. Aber auch ein stolzes Haus. Zu recht. In dritter Generation betreiben die Hawelkas schon diese Institution. Josefine und Leopold Hawelka eröffneten das Kaffeehaus, einen Tag nach ihrer Hochzeit. Vor rund 80 Jahren etwa. Und es scheint, als habe sich seitdem nicht so viel verändert. Draußen futuristische Betonbauten, drinnen verblichene Stofftapeten, alte Standuhren und Apfelstrudel in der Luft.

Auf dem Weg zum Prater, vorbei an Häusern, die von außen wie aufeinander gestapelte weiße Blockschokoladen aussehen, zeigt mir Lars ein Upcycling-Hotel von der Caritas „magda‘s“, ein ehemaliges Altenheim aus den 70ern. Durchgesägte Stühle dienen zum Beispiel als Nachtschränkchen. Fancy!

Ein Hauch von Melancholie umweht mich in den späteren Abendstunden. Morgen reist mein „großer Bruder“ Lars ab. Als Krönung gönnen wir uns jeweils ein Wiener Schnitzel vom Kalb mit Erdäpfeln und Vogerlsalat. Wie sich später herausstellt, war das für Lars nur eine Vorspeise. An einem Wurststand müssen wir nochmal einen Stopp einbauen. Bestellt wird eine „Eitrige“ (Käsekrainer) und ein 16er Blech (Dosenbier). Das Kontrastprogramm folgt am nächsten Tag: Ich werde als Küchenhilfe in einem veganen Lokal arbeiten. To be continued!

Abschiedsschnitzel im Gasthaus zu den 3 Hacken

Tag 11: Wien, Wien, Wien!

113 Kilometer: Emmersdorf an der Donau-Krems-Tulln-Wien

Am Anfang habe ich die Proteinriegel weggeatmet, jetzt die Kilometer. Mit nachgepumpten sechs Bar in den Reifen und Rückenwind saugen sich die Pistenmeter weg. Klar, der Po schmerzt. Eine spezielle Creme für die Druckstellen am Allerwertesten, weil ich es mir wert bin, kam schon öfters zum Einsatz. Hintern hin oder her, es heißt nach vorne schauen.

Alle Zeichen stehen auf Kurbeln. Zuerst durch die Wachau. Ein malerisches Donautal mit felsigen Hängen, saftigen Reben und netten Bullen. Von zweien sind wir angehalten worden, weil wir auf einer schnelleren Straße unterwegs waren. Die Herren weisen uns den Weg zum Radpfad und zur nächsten Bäckerei. Top Service!

Wir geben uns ein Tempo-Battle mit zwei Gravelbikern und machen noch eine Pause am Donauufer. Wien, noch 35 Km. Vamos! Mein Energielevel sinkt und sinkt. Auch die Konzentration. Ampeln, Kreuzungen, Zebra-Streifen. Ich bin im Tunnel. Noch einmal in den Riegel beißen und die letzten zehn Kilometer anpacken. Die Donau hält uns die Treue – bis wir in den 20. Wiener Bezirk abbiegen. Meine Freundin Gudrun grüßt uns aus ihrem Fenster heraus. Wir stehen ganz verdattert auf dem Bürgersteig. Wirklich in Wien? 11 Tage, fast 1.000 Kilometer in den Beinen. Zwischenziel erreicht.

Belohnungsradler in Wien!

Gudrun lebt in einem Altbau mit Toiletten auf dem Gang. Wir verrücken ein paar Möbel in ihrer Wohnung und richten unser Nachtlager her. Wieder eine Bettdecke auf der Haut. Was vorher normal war, ist jetzt ungewohnt. Wie schnell das geht…

Ausgehungert streifen wir durch Wien und machen es uns im Gasthaus „Zum Friedensrichter“ gemütlich. Weiße Tischdecken, Kerzenlicht, glühende Wangen. Und natürlich wieder Marillenknödel 😉

Gudrun musste zu einer Tanz-Performance.

Tag 10: Erst Vollgas, dann Knödel-Koma

104 Kilometer: Traun (Linz)-Mauthausen-Grein-Emmersdorf an der Donau

Entspannter Donau-Radweg in Niederösterreich

Die Donau ist back! In Donaueschingen haben wir ihre Geburtswiege schon bewundert: ein pompöser Brunnen mit zwei Statuen. Die Mutter „Baar“ zeigt ihrem Töchterchen „Donau“ den Weg zum Schwarzen Meer. Wir sind der Richtung gefolgt und lassen uns ab Linz von der Donau wieder leiten. Der Radweg ist sehr gut ausgebaut, Pedalisten wird der schwarze Asphalt-Teppich ausgerollt. Es ist flach und wir können so richtig heizen. Durchschnitts-Tempo: etwa 25 km/h. Leider müssen ein paar cognacfarbene Nacktschnecken dranglauben. Wir sind zu schnell und können nicht mehr ausweichen. Warum wollen die Sabber-Tierchen überhaupt auf die andere Seite des Weges? Verstehe ich nicht.

Sogar der Wind schiebt von hinten an.

In der Nähe von Mauthausen müssen wir die Donauseite wechseln. Ein Fährmann mit Marine-Pulli und warmherzigen Augen empfängt uns auf seinem Kutter. 300 Radler habe er gestern an das andere Donau-Ufer gebracht, heute sei wenig los, zu viele Wolken am Himmel berichtet er. Wir kommen ins Plaudern. Ich erzähle von meinen Reiseplänen. „Nach Georgien? Was wollens denn da?“ Wenn es nach ihm ginge, ist Österreich die Endstation. Fährfrauen werden ohnehin gesucht. Wohl nur Männer hinterm Steuerrad. Für die Überfahrt überlässt er daher mir das gebeizte Holzrad. Den gegenüberliegenden Steinsteg zu treffen, unmöglich für mich, also übernimmt er wieder. Die Fähre, für ihn ein Spielzeug, sagt er.

Wir spulen die Kilometer herunter und der Wind drückt uns nach vorne. Zwischenstopp bei Manuelas Imbiss. Mehrere ältere Herren knabbern an so runden Bollen. Will ich auch! Und wieder ein Fest für die Geschmacksnerven. Bekomme zwei warme Marillenknödel mit zuckrigen Haselnussstreuseln und Sahne serviert. Mitfahrer Lars hat eine Nussallergie und bekommt nackte Knödel.

Will gerade nochmal reinbeißen!

Alles fühlt sich auf einmal sehr schwer an und ich verfalle in ein Knödel-Koma. Die Durchschnittlichsgeschwindigkeit wird radikal gedrosselt.

Gegen frühen Abend kommen wir nach mehr als „onehundred K“, wie Lars sagt, auf einem Campingplatz an der Donau an. Jetons für sechs Minuten duschen gibt es umsonst. Neben dem Platz gibt es eine Bude mit Steckerlfisch. Die Mitarbeiter sehen aus wie Rammstein-Bandmitglieder. Ruß im Gesicht, schwarze Klamotten, Kettensägen-Blick. Vom spooky Look lassen wir uns aber nicht abschrecken und bestellen munter drauf los. Steckerlfisch sind in unserem Fall Makrelen. Gewürzt auf einem Stock aufgespießt und dann am Feuer gegart. Es gibt Weinschorle im Pappbecher mit Donaublick. An Guaden!

Tag 9: Klärwerk-Hopping bis nach Linz

97 Kilometer: Unterach am Attersee-Vöcklabruck-Wels-Traun (Linz)

Wir lassen die Nördlichen Alpen hinter uns.

Vor dem Frühstück in den Attersee gesprungen, drei Proteinriegel reingezogen und eine heiße Gaskocher-Schoki geschlürft. Ready, 100 Kilometer wegzuschrubben. Wir nehmen den Radweg R6 in Oberösterreich. Die schmale Teerbahn schlängelt sich zunächst am türkisblauen Attersee entlang. Oberösterreich mit Gardasee-Flair – einfach nur eine Augenweide. Nicht so die nächsten 70 Kilometer.

Wir klappern diverse Klärwerke ab. Links und rechts immer wieder mausgraue Betonklötze, Umspannwerke und eine Tiersammelstelle (?). Um ein Haar hätte Mitfahrer Lars ein Rebhuhn überfahren. Aber es ging nochmal gut. Kleiner Lichtblick: das Café Traunzeit entlang der Traun.

Nette Musik, fancy Getränke und kein Klärwerk in der Nähe: das Café Traunzeit bei Wels.

Die innere Regentonne wieder aufgefüllt, geht es an die letzten 30 Kilometer. Bei der Plattform für und von Radlern „Warmshowers“ bin ich wieder fündig geworden. Martha und Stefan teilen ihr Haus (in einem Vorort) mit uns. Wir verabreden uns am Abend in Linz. Vorher dürfen wir unsere Räder und unsere sieben Sachen auf der Hausterrasse parken. Mit dem Schweiß der Tour wollen wir aber nicht zum Treffpunkt, ein Sommerfest von „Willy Fred“ (ist wohl ein Mietshaussyndikat). Daher springen wir nochmal in den nächstgelegenen See. Es ist kalt, ich habe Hunger und überhaupt gar keine Lust auf Baden, aber Augen zu und rein. Brrrrr! Danach bisschen Beauty, schnell in die Daunenjacke und ins Linzer Nightlife.

Wer braucht schon Duschen bzw. Badezimmer?

Tag 8: Von Mozart bis super schroff

42,5 Kilometer: Salzburg-Mondsee-Unterach am Attersee

Kaffee mit Schlagobers (Sahne) oder ohne? Weder noch, einfach nur einen Café Latte, sage ich zum Kellner und bestelle noch zwei weiche Eier mit einer Buttersalzstangerl. Wir hocken im Café Bazar, ein Kaffeehaus mit Kronleuchtern, Holzvertäfelung und einer langer Tradition. 1882 wurden schon die ersten Kaffees ausgeschenkt, zum Beispiel ein sogenannter „Einspänner“. Das ist ein doppelter Espresso, verlängert mit Wasser und Sahnehäubchen. Ganz wichtig: serviert in einer Tasse mit Henkel. Ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten. Früher gönnten sich viele Kutscher einen „Einspänner“. In der einen Hand die Zügel, in der anderen die Kaffeetasse. Clever!

Vom Kaffeehaus auf die Gass‘ zu Mozarts Geburtshaus, erkennbar an den vielen Touris mit gezückten Smartphones und gereckten Hälsen. Getreidegasse 9, hier ist Mozart am 27. Jänner 1756 zur Welt gekommen. In welchem die Wohnung seiner Eltern war, weiß ich nicht. Im Erdgeschoss ist jedenfalls ein „Spar“ eingezogen. Ob Mozart das gefallen hätte?

Ein Münzwurf hat dann entschieden, ob wir Salzburger Nockerl futtern oder weiterfahren. Das Ein-Euro-Stück flattert durch die Luft und landet auf der Zahl. Ok, wir machen Kilometer. Also zurück zum Radraum des Hostels und die Pedal-Pferde satteln. Zwei Mitfahrer verabschieden sich.

Die Rad-Crew bis nach Salzburg, jetzt à deux weiter.

Mit meinem Mitbewohner Lars geht die Reise weiter. Wir wollen raus aus der Stadt. Haben schon Bergweh. Trotz des geplanten Reha-Tages in Salzburg nehmen wir uns 40 Kilometer vor. Einmal durch das österreichische Salzkammergut. Vorbei an der Drachenwand, fast 1200 Meter hoch. Gigantisch und schroff. Gucke schon gar nicht mehr auf die Straße. Ein riesiger Drache soll der Legende nach Menschen aus dem Tal um die Ecke gebracht haben…bis ein besonders mutiger und tapferer Ritter den Drachen besiegte und die Talbewohner vom Feuerspeier erlöste… wir radeln dann mal schnell zum Camping am Attersee. Man kann ja nie wissen…

The Wall alias „Drachenwand“

Falls uns der Drache angreifen sollte: Wir haben uns gestärkt und zwar mit Tütensuppe! Ha!

Unser Kochstudio am Attersee

Tag 7: Pfiat di Deutschland

91 Kilometer: Siegsdorf-Bad Reichenhall-Berchtesgarden-Königssee-Salzburg

Auf dem Weg nach Salzburg, kurz vor der deutsch-österreichischen Grenze.

Der erste Regentag auf unserer Tour: Kurz nachdem wir in einer Dorf-Metzgerei Leberkäs-Semmeln mit süßem Senf verdrückt hatten, plätscherte es runter. Direkt auf meine kurze Radhose und meine Füße in den Sandalen. Regenjacke ja, Regenhose Fehlanzeige. Wegen Gewicht habe ich meine Regenhose in Freiburg gelassen. Hmm, vielleicht nicht so schlau. In Königssee bei Berchtesgarden angekommen waren meine Fußzehen ganz verschrumpelt und an den Beinen hatte sich ein Best of Spritzwasser gesammelt. Ziemlich durchgefroren und nass musste ein Outfitwechsel her. Direkt am Ufer des touristischen Königssees. Das war ziemlich amüsant. Ich mit Handtuch um die Hüfte wegen Schlüppi-Change, ein paar Meter weiter die asiatische Reisegruppe auf Fotojagd.

We made it: Königsee, Ziel des Bodensee-Königssee-Radweges!

Und wie steigt das Wohlbefinden am schnellsten? Natürlich mit Kaiserschmarrn, inklusive Eis und Waldfrüchten!

Zünftige Portion!

Hunger weg, Regen noch da. Mist. Also rein in die feuchte Regenjacke und weiterstrampeln. Salzburg ist so nah, nur noch 30 Kilometer. Mein Kopf kommt schon gar nicht mehr hinterher. Dörfer, Städte, Nebel in den Bergen.

Der Tag heute, zusammengefasst in einem Bild.

In Österreich wird’s radeln leichter, es geht gemächlich bergab. Weil es immer noch regnet, gönnen wir uns heute Mal ein Zimmer in einem Hostel. Familienzimmer mit Hochbetten. Passt scho! Wenn es morgen auch noch regnet, gib ich mir die (Mozart-)Kugel.

Tag 6: Renken und Brachsen

92 Kilometer: Schliersee-Bernau am Chiemsee-Siegsdorf

Momentaufnahme am Chiemsee: 75 Meter ist das Bayerische Meer tief, erzählt uns Berufsfischer Florian Lackerschmid. Hohe Stirn, honigfarbene Haare, breites Kreuz.

Er gehört einer von insgesamt 16 Fischerfamilien am Chiemsee an. Geräucherte Renken (verwandt mit der Forelle) und halbe Brachsen (Karpfenfisch) hat er heute im Angebot. Wir drängeln uns in seinen Verkaufsraum, sollen aber ganz schnell die Türe schließen, damit keine Fliegen hereinkommen. Die gold-braunen Renken liegen Flosse an Flosse nebeneinander gekuschelt, daneben die Brachsen, frisch aus der Räucherofen. Für vier Renken und eine halbe Brachse blättern wir einen Zwani hin. Mit dem Fanggut geht es auf eine Holzbank am Chiemseeufer. Voller Vorfreude!

Jeder mit Gabel in der Hand auf Grätensuche. „Hmm“, „voll lecker“, „mein Gott“ murmelt die Holzbank. 🙂

Tag 5: Als ich Rohrnudeln mit Vanillesauce entdeckte

70 Kilometer: Murnau am Staffelsee-Bad Tölz-Tegernsee-Schliersee

Der Besuch bei Warmshowers-Host Kristian hat sich wie einmal den Resetknopf drücken angefühlt. Frisch gewaschene Radelklamotten, voll aufgeladene Powerbank und mal wieder ein paar Cremes in die Visage geschmiert. Wie neugeboren ging es heut Morgen direkt zur Post in Murnau. Fast drei Kilo Zeugs konnte ich aussortieren und nach Freiburg zurückschicken, darunter meinen Laptop, Corona-Selbsttests, Kabelbinder und Bücher. Das Abspecken für 6,99 Euro Portokosten bei den Anstiegen: unbezahlbar. Radeln macht jetzt noch mehr Laune.

Der Weg führte uns wieder durch dieses unwirkliche Bayern, ein riesiges Feriendorf gefühlt. Reißende Bäche, schroffe Felsen, pumperlgsunde Kühe mit Glöckchen. Löst beim Vorbeifahren immer wieder „Wow‘s“ aus. Aber das echte Highlight heute: Rohrnudeln mit Zwetschgen im Vanillesaucen-Schoß bei Café Schuler in Bad Tölz. Ein heißer Tipp von Mitradler und Mitbewohner Lars. Warmes Hefegebäck mit Butterkruste. Ich will zurück. Tour beendet, ich campiere einfach vor diesem Tempel der oberbayerischen Konditoreikunst. Bestimmt hat sich auch der Bulle von Tölz, alias Ottfried Fischer, die eine oder andere Rohrnudel reingezogen. Sein Office (in der Serie) war jedenfalls nur wenige Meter vom Café Schuler entfernt.

Nach dem Endorphin-Schub, serviert von einem Kellner mit gegeltem Mittelscheitel und Leberfleck auf der linken Wange, ging es zurück auf die Piste. Schliersee is calling! Wieder haben wir Glück und bekommen noch einen Platz auf der Campingplatz-Wiese. Wir sind jetzt übrigens zu viert. Die Perle von einem meiner Mitfahrer ist nachgekommen. Hallo Antje!

Sonne, Luft im Schlauch, wenig bis gar keinen Muskelkater und viel futtern. Hashtag beschdeleben. Einen kleinen Fail muss ich doch berichten: Ich habe mein Zelt am Lenker mit einem Spanngummi festgemacht. Während der wilden Fahrt durch Bayern haben sich die Enden in mein Zelt hineingebohrt, habe nun kleine Löcher in der Zeltinnenwand, Haleluja, nicht in der Außenhaut. Im Boden ist auch ein Loch, das habe ich mit einem Flicken von der Isomatte repariert. Hoffentlich hälts!