Tag 24: Reunion in Ljubljana

35 Kilometer: Litija-Ljubljana

Der größte Fluss Sloweniens: die Save

Dosenbier für die Junggesellen-Freunde, Müsli mit Banane und Studentenfutter für Jacky und mich. Zwei Welten an einer Biertischgarnitur. Was uns eint: die kleinen Augen und die busy Enzyme in unseren Lebern. Bis 2 Uhr nachts haben wir gestern mit den slowenischen Dorfjungs gefeiert. Sechs Spritzer (Weinschorlen) werden es gewesen sein. Oder mehr? Einen Kater haben wir zum Glück nicht. Und viele Kilometer werden es heute auch nicht. Ganz gechillt cruisen wir am Fluss Save entlang und werden so in die slowenische Hauptstadt gespült.

Zur gleichen Zeit kommt auch Ann-Sophie in Ljubljana an. Eine neue Mitradlerin. Wir treffen uns in einem billigen Airbnb mit Ikea-Restbeständen. Der Ort ist aus der Kategorie seelenlos, dafür ist die Geschichte unseres Wiedersehens umso magischer: Vor langer Zeit hat eine Freundin von Ann-Sophie meinen Aushang mit Mitradel-Gesuchen in Freiburg entdeckt. Die kleinen Zettelchen mit meiner Emailadresse waren jedoch alle abgerissen. Also hat Ann-Sophie meinen Aushang auf eBay-Kleinanzeigen gestellt und so nach mir gesucht. Eine Freundin von mir hat die Anzeige gesehen und mir Bescheid gegeben. So haben wir uns gefunden.

Ann-Sophie ist eine Woche nach mir losgefahren – allein, über die Alpen. Von Ljubljana aus starten wir nun gemeinsam durch. Bis nach Tiflis. Was für eine Reunion!

Tag 23: Laufen lassen

Köpfchen kühlen!

80 Kilometer, 720 Höhenmeter: Ponikva-Celje-Litija

Tougher Tag für meine Schweißzellen. Fünf Liter getrunken, fünf Liter wieder heraus-osmost. Am Nachmittag immer noch 37 Grad. Die Luft ist heiß geföhnt, der Teer auf den Straßen schon buttrig. Aber 80 Kilometer müssen heut sein. Zwischendrin gibt es keine Campingplätze. Nur diese eine Landstraße. Links Felswand, rechts der Fluss Save. Oben die Sonne, unten die purzelnden Schweißtropfen. Meine Radhose hat schon ein psychedelisches Salzflecken-Muster.

Gegen 18 Uhr Ankunft in Litija auf einem Bauernhof mit Rasen für Zelte. Der Landwirt sieht aus, als ob er jeden Augenblick platzen würde. Mit viel Liebe bereitet er gerade ein Abendessen vor. Dazu föhnt er die Kohle im Grill. Sein Teint: knusprig braun.

Unsere Gastgeber erklären uns, dass es später laut werden könnte. Eine Männerhorde feiert Junggesellenabschied. Kurz nach acht rollt ein Trecker mit Musik und Ballons an. Paaaaarty! Wir mischen uns unter die schon taumelnden Jungs. Mit Alkohol können sie ganz gut Englisch sprechen.

Was wir leider verschlafen werden: Um Mitternacht muss der Bräutigam ein schweres Holzkreuz durch das Dorf tragen – wie Jesus. So will es die Tradition! Na denn…unseren Segen hat er!

Tag 22: Slatina pri Ponikvi 1

54 Kilometer: Maribor-Slovenska-Bristica-Ponikva

Wo gedeihen Trauben und Tomaten, baumeln bunte Hängematten und schnorcheln Kinder in einem Naturteich? In Ponikva. 100% slowenische Pampa. Wunderschönes Irgendwo. Zwischen Maribor und Ljublijana. Die App „Park4Night“ hat uns hierher geführt. Die Gastgeber leben in einem alten Bauernhaus mit dunklen Balken, die leider nicht sprechen können, aber bestimmt viel zu erzählen hätten.

Ihren riesigen Garten teilt die Familie mit Reisenden aus aller Welt. Da wäre ein kleiner, aber feiner Naturteich zum Baden. Holzbänke und Tische zum Plauschen und Picknicken, eingerahmt von Weinreben oder das urige Gewächshaus mit weißen Holzfenstern, bei denen der Lack abblättert. All das und dazu eine Dusche und ein Badezimmer im Haus für zehn Euro die Nacht pro Nase.

Unser Gastgeber schenkt uns zur Begrüßung erstmal einen selbstgemachten Schnaps ein. Sauerkirsche. Schmeckt fein. Für zwei Euro können wir auch Bier kaufen. Es gibt auch Rotwein vom Nachbarn. Wir sind ganz beduselt. Vor Glück? Vor Schnaps?

Sogar das Zelt müssen wir heute nicht entknüllen. Die Isomatte hat auch Sendepause. Unser herzlicher Gastgeber, der beim Zuprosten „People are good“ sagt, stellt uns eine kleine Schlafkammer zur Verfügung. Die vermietet er normalerweise über Airbnb. Die nächsten Gäste kommen aber erst Sonntag. Wir haben also zusätzlich ein Waschbecken, eine Matratze und eine Mehrfachsteckdose (!!). Jackpot!

Stundenlang lümmeln wir in den Hängematten und kommen auch mal zum Lesen. Da ist es wieder, das wohlige Urlaubsgefühl.

Achja, übrigens: Bisher lässt es sich prima Radeln in Slowenien. Die Wege zwischen den Dörfern sind gut geteert, wenig los auf der Straße. Landschaftlich alles bisschen wilder als in Österreich. Da liegt auch mal eine Bierdose auf der Wiese. Und wenn die Fahrradkette mal einen Spritzer Öl oder Spray braucht, sind hilfsbereite Automechaniker zur Stelle. Im Nu gehen sie vor deinem Rad auf die Knie und regeln das mal schnell. Große Konversationen wird es nicht geben. Die Englisch-Kenntnisse reichen nicht an die Schrauberfertigkeiten heran.

Tag 21: Waschen, legen, klönen – in Maribor

Endlich wieder frisch gewaschene Klamotten!

Komfort ist schon was Schönes. Zum Beispiel so ein Frühstücksbuffet im Hostel. Mit Palatschinken, Rührei und geschälten Früchten. Einfach nur hinpflanzen und kauen.

Beim Thema Dreckwäsche ist dann wieder mehr Eigenleistung gefragt. Meine Bike-Kluft stinkt und hat diverse Essensflecken. Unterwäsche wird auch knapp. Im Hostel gibt es leider keine Waschmaschine. Der einzige Waschsalon in Maribor ist rund vier Kilometer entfernt. Ich leere eine Radtasche und kutschiere das Gefahrengut durch die City. Die Maschinen im Salon „Speed Queen“ haben nur darauf gewartet. Um Waschmarken zu bekommen, muss ich meinen Zwanzi durch eine Wechselmaschine jagen. Lauter Coins kullern herunter. Wie auf dem Jahrmarkt. Aber nix Gewinne, Gewinne, ich Dummerchen, nur Verluste. Das Gerät spuckt kein Wechselgeld aus, steht da ja auch. Nach zehn Minuten fällt ein Engelchen vom Himmel. Eine Dame betritt den Salon. Ich sage, dass ich total stupid bin und zeige auf die silbrigen Jetons. Es stellt sich heraus, dass sie die Mutter des Waschsalon-Betreibers ist. Sie nimmt die Coins entgegen und tauscht sie in Münzen um. Was für eine Glückssträhne!

Nach 35 Minuten Waschgang und zehn Minuten Trockner-Loopings fahre ich zurück ins Hostel und freue über die duftende Wäsche auf dem Gepäckträger. Wieder alles auf null.

Freundin Jacky und ich widmen uns jetzt der Stadt vor unseren Füßen: Maribor, Europas Kulturhauptstadt 2012. Die Altstadt ist niedlich. Kleine Läden, Cafés, alte Häuser in verwinkelten Gassen. Sogar die weltweit älteste Weinrebe ist hier zuhause. Der „Blaue Kölner“ (Name Programm?) ist mehr als 400 Jahre alt und steht im Guinnessbuch der Rekorde.

Wir streifen durch die Fußgängerzone und leben die Shopping-Girls in uns aus. In einem esoterischen Laden probieren wir Kleider und Latzhosen an. Bevor wir uns einen Gemüseteller in einem Restaurant reinziehen, bekommen unsere Räder noch ein bisschen Liebe. Im DM (gibt es in Slowenien!) hat Jacky eine Zahnbürste geholt. Damit schrubben wir die Ketten sauber. So viel Schmodder hat sich dort angesammelt. Bisschen Kettenöl und den restlichen Dreck mit einer liegengebliebenen Socke aus dem Waschsalon wegrubbeln. Jetzt ist alles wieder fresh, bereit für die nächsten 1000 Kilometer.

PS.: Habe wieder Durchblick, Matschauge ist weg 🙂

Tag 20: Slo, slow, Slowenien!

55 Kilometer: Bairisch Kölldorf-Mureck-Slowenischer Grenzübergang-Sentilj-Maribor

Morning has broken im Campingplatz-Pool: Augen schließen, paddeln, die ersten Sonnenstrahlen spüren. Großes Urlaubsgefühl. Danach Frühstück auf den Liegestühlen und Abschied von den Dauercampern. Heute lassen wir Österreich hinter uns. Die Kilometer ziehen an uns vorbei und die Köpfe hinken hinterher. Können es gar nicht fassen, dass uns die Räder schon so weit getragen haben.

Vor der slowenischen Grenze hauen wir nochmal so richtig rein. Jacky nimmt Schafskäse mit steirischem Kürbiskernöl und Salat und ich ein Schnitzel in Kürbiskernpanade und Reis. Sieht auf dem Teller wie ein plattgedrückter Müsliriegel aus. Will ich irgendwann mal nachkochen. Nach der ganzen Schlemmerei lässt das böse Mittagstief nicht lange auf sich warten. Wie gut, dass der Grenzübertritt länger dauert als geplant.

Die Grenze zwischen Weitersfeld in der Südsteiermark und dem slowenischen Ufer ist flüssig und heißt Mur. Wer den Strom überqueren will, nimmt eine kleine Fähre. Leichter gesagt, als getan. Unser Fährmann hat sich eine Viertelstunde lang abgemüht. Die Fähre hatte wohl zu wenig Wasser unterm Bauch und kam nicht weg. Der Fährtyp hat immer wieder versucht, den Kahn mit einer langen Stange vom Ufer wegzudrücken. Auch Jacky und ich haben Einsatz gezeigt und uns von der Fähre aus gegen die Poller am Ufer gestemmt. Irgendwann flutschte es. Und unsere Räder landeten auf slowenischem Boden.

Slowenien begrüßt uns mit einer 16-prozentigen Steigung. Halleluja. Schweißtropfen kullern sekündlich runter. Der Asphalt kocht. Der restliche Weg führt an der Autobahn entlang, danach durchs Industriegebiet. Wir werden immer langsamer und träger. Die Hitze macht ganz matschig. Unsere Oase in der Wüste: zwei Nächte in einem Hostel in Maribor, Sloweniens zweitgrößter Stadt. Ein frisches Handtuch, Steckdosen, ein Bett! Wir sind im Himmel!

Tag 19: Nunter, nauf, nüber

57 Kilometer, 920 Höhenmeter: Hartberg-Obgrün-Feldbach-Bairisch Kölldorf

Symbolbild: Tag 19

Österreich gibt auf den letzten Kilometern nochmal alles. Die Landschaft, ein wahrer Garten Eden. Überall Obstbäume und überbordende Äcker. Pfirsiche, Zwetschgen, Trauben. Aus dem Rinnstein picke ich Pflaumen auf. Später wird uns eine Einheimische erzählen, dass die Oststeiermark die Toskana Österreichs genannt wird. Wie wahr. Auf den Feldern fußballgroße, grüne Kürbisse. Und Maisstauden, größer als Basketballspieler. Auch die Vorgärten, grüne Symphonien, zero Dissonanzen.

Man könnte meinen: Die Ösis, die können einfach alles. Guten Wein, feine Hendl und dann auch noch menschlich alle locker per „Du“. Nur beim Straßenbau zeigen sich Defizite. Flache Straßen, Fehlanzeige. Meine Freundin und ich mühen uns ab. Nach jeder Abfahrt kommt die Quittung. Wieder ein Anstieg. Im ersten Gang sind wir ein leichtes Opfer für Bremsen und co. Es ist eigentlich auch viel zu heiß zum Radeln.

Die letzten zehn Kilometer sind die schwersten. Wir fluchen, wir schwitzen, wir wollen nicht mehr.

„Schatzi, schenk mir ein Photo“ – Nö!

Der Empfang am Campingplatz dafür umso schöner. Ein etwas reiferer, älterer Herr in einem labbrigen Poloshirt macht den Alleinunterhalter. Mikrofon in der Hand, verwirrter Blick in die Crowd. Als wir unsere Räder abstellen, dröhnt er gerade „Smoke on the water“. Der Stimmungskanone mit Lesebrille: Charlie aus Bairisch Kölldorf. Gefeiert wird ein Holzhäuschen mit vielen verschiedenen Automaten vor dem Campingplatz. Der Besitzer des Camping-Restaurants hat das Automatenlädelchen mit Würstl, Limos und Süßigkeiten just heute eröffnet.

Nach der Dusche gesellen wir uns zu der Partymeute und bekommen gleich zwei Jägermeister in die Hand gedrückt. Charlie dreht an den Reglern. Wir dancen mit den Dörflern und jodeln zu den Liedern. Alle Muskeln mal ausschütteln, abspacken, gröhlen, wie gut das tut.

Tag 18: Kriecherl für umme

80 Kilometer, 1070 Höhenmeter: Dillmonhof-Pitten-Aspang am Markt-Mönichkirchen-Hartberg

Mit einem linken Matschauge aufgewacht. Das Lied ist rot und juckt und mein Augenweiß ist eher beige. Der Apotheker in der Dorf-Pharmazie schaut mir ganz tief in die Augen und verkauft mir irgendwelche Tropfen. Hoffentlich keine Bindehautentzündung. Vielleicht habe ich mir zu viel Sonnencreme auf die Stirn geklatscht. In der Kombi mit Schwerkraft, Schweiß und Fahrtwind vielleicht matschaugenfördernd? Mal gucken.

Genug Mimimi, zurück zur Tour und den kleinen, magischen Momenten, so wie heute Vormittag. Ort des Geschehens: ein Mirabellenbaum in einem niederösterreichischen Kaff. An den Zweigen baumeln so viele rotbackige Kügelchen. Ich muss anhalten und mir einige herunterrupfen. Plötzlich eine Stimme hinterm Baum: „Habt ihr die GrXXXX gegessen?“ Eine ältere Dame nähert sich. Oha, das gibt Anschiss. Um die Lage zu deeskalieren, flunkere ich und sage, dass ich nur zwei genommen hätte (kauend). Die Dame, total relaxed, stapft in ihren Garten und kommt mit einer Leiter zurück. Wir sollen so viele „Kriecherl“ mitnehmen, wie wir können. Überraschende Wendung. Sie hält die Leiter und ich mache mich an die Ernte. Ob wir ins nächste Dorf fahren, fragt sie. Nee, nach Georgien, meine ich. Sie bekommt fast einen Herzinfarkt.

Nach der „Kriecherl-Beute“ mutiere ich zum Strecken-Kriecherl. Eineinhalb Stunden schnaufe ich mich – im ersten Gang – 700 Höhenmeter hoch. Oben angekommen, bin ich ein einziger lila-schwarzer Schweißfleck. Der auch noch Hunger hat und bewirtet werden will. Die Kellnerin im Gasthaus-3-Länderblick in Mönichkirchen lässt sich nichts anmerken. Sehr professionell. Ich bestelle eine vegane Gemüsebowl. Obwohl es Burger mit Pommes gibt. Muss der Elektrolytemangel sein.

Der Ausblick in Mönichkirchen

Nach der Mittagspause erreiche ich die Steiermark. Meine Freundin Jacky auch, aber auf Schienen. Vor dem krassen Anstieg ist sie in einen Zug gestiegen. 700 Höhenmeter am zweiten Tag. Bisschen heavy. Wir treffen uns auf einem Campingplatz in Hartberg wieder. Wir kredenzen Risotto auf dem Gaskocher und schnibbeln die „Kriecherl“ in einen Quarkpott. Danke, Maria! So hieß die Gute nämlich.

Tag 17: Gemütliche Sonntagsfahrt mit Überraschung am Ende

64 Kilometer: Wien-Laxenburg-Bad Vöslau-Wiener Neustadt-Dillmonhof

Jacky mit Tunnelblick schon am ersten Tag

Neuer Radweg, neue Kurbel-Begleitung: Freundin Jacky aus Freiburg ist am Samstagabend frisch in Wien eingetroffen und keine 24 Stunden später hauen wir schon in die Pedalen. Der EuroVelo 9 ist unser Kompass – bis ins slowenische Maribor. Der Radweg, der die Ostsee mit der Adria verbindet, meint es erstmal gut mit uns. Meistens flach, viele Bäume als Schattenspender und zwischendurch immer wieder Postkartenausblicke auf die Wiener Weinlandschaft. Erste Fresspause mal wieder in einem Heurigen mit Weinausschank. Für uns aber nur Soda mit Zitrone. Beinahe hätte ich das Blunzenbrot bestellt – einfach nur wegen des Klanges. Da es sich dabei um ein Blutwurst-Brot handelt, bin ich froh, etwas ohne Überraschungen serviert zu bekommen: einfach nur ein armes, eingebackenes (Wiener) Würstchen im Brot. Nicht mehr, nicht weniger. Hunger erstmal gestillt. Unsere Haut kriegt auch noch einen Nachschlag Sonnencreme. Die Sonne brutzelt herunter. Wir fühlen uns wie Backhendl. Daher muss ein See her. Für eine schnöde Baggergrube müssen wir 3,50 Euro hinlegen. Wasser im türkisen Farbspektrum. Immerhin.

Der Neudörfl See: must not see

Wir kratzen an der 65 Kilometer-Marke, bis wir ein großes Tor mit Zahlenschloss erreichen. Wie eine Schatzsuche. Aufregend. Unsere Gastgeber – wieder über die Warmshowers-Plattform gefunden – haben uns den Code per SMS geschickt. Dreh, dreh, Schloss offen. Wo sind wir denn hier gelandet?

Allein die lange Einfahrt hat schon etwas Verheißungsvolles. Vor unseren Augen erscheint ein jahrhundertealtes Landhaus mit grünen Fensterläden und strohgelbem Putz: „Nelly‘s Heim“. Nelly, das war die Urgroßmutter unseres Gastgebers Michael. Er und seine Frau sind vor drei Jahren in diese verwunschene Villa, ehemals eine Ackerbauschule, eingezogen und haben sehr viel gemacht: neues Dach, neue Fenster, neue Böden…

In ihrem 30.000 Quadratmeter-Garten ist noch Platz für unser Zelt. Hund Pauli flitzt immer wieder an uns vorbei und schleckt unsere Beine ab. „Das Essen ist fertig, kommt ihr“, sagt Michael. Sätze bzw. Fragen, die genau ins Radlerherz treffen. Es gibt Salat mit Tofu und Brot. Mal wieder etwas Gesundes!

Nach einer warmen Dusche und einem Rundgang auf dem Anwesen liegen wir weich gebettet und ultra dankbar in unseren Kojen. Was wohl der nächste Tag bringen wird?

Tag 16: Für 2,70 ins Tröpferlbad

Eine Mitduscherin in Kabine 8

Nach dem Müsli tauche ich in die Wiener Badekultur ein. Kulturbeutel und Plastiktüte mit Handtuch baumeln am Lenker. Es geht zur Friedrich Kaiser-Gasse 11 im 16. Bezirk: Zwischen Wohnblöcken versteckt, tummelt sich eines der letzten Brausebäder in Wien. Brausebad?? Klingt prickelnd. Will ich ausprobieren. Eine nette Dame mit polnischem Akzent, ganz in Weiß gekleidet, empfängt mich an der Kassa. Für knapp drei Euro kann ich hier eine Stunde lang duschen. Die Dame führt mich in den Damenbereich und weist mir Kabine 10 zu. Weiße Fliesen, Edelstahl-Wände und ein Gitter über meinem Kopf. Wellness-Feeling kommt da nicht auf. Aber schön, das Wasser mal ungehemmt laufen lassen zu können.

Oh, in Kabine 8 beginnt es auch zu plätschern. Wer sich hier wohl abbraust? Ich treffe die Mitduscherin draußen. Sie erzählt lachend, dass sie in einem Altbau ohne Dusche lebe, deswegen komme sie her. Wohnungen ohne Dusche? Heutzutage? Kein Einzelfall offenbar: In der Wiener Zeitung steht, dass es 2020 in Wien – laut Statistik – rund 17.500 Unterkünfte ohne WC und „Wasserentnahmestelle“ gegeben hat. So viele? Ein neuer Blick auf Wien.

Brausebäder haben eine lange Tradition in der Stadt. 1887 eröffnete das erste Brausebad in Wien. Rund 75.000 Badegäste stellten sich im ersten Betriebsjahr unter die Brausen – laut Wiener Zeitung. Dabei wurden die Wasserleitungen ganz schön strapaziert, was dazu führte, dass manchmal nur Tröpferl aus den Köpfen herauskullerten, deswegen auch „Tröpferlbad“. Heute passiert das nimmer. Meine Dusche läuft und läuft. Angenehm warm auf der Haut. Und auch behaglich, das Klacken der Kabinen und Prasseln der anderen Duschen zu hören. Viele Bauarbeiter kommen wohl hier hin, aber auch Stammgäste mit Stammkabinen. Und Reisende. Die Dame an der Kassa erzählt, dass gestern zwei Tramper da gewesen seien, auf dem Weg von Rumänien nach München.

Nach einer Viertelstunde Dauerbebrausung reicht es mir mal. Ich packe meine Sachen zusammen und verabschiede mich. Vor dem Bad treffe ich einen älteren Herren, der sein violettes Klapprad abschließt. Er lebt auch in einer Wohnung ohne Dusche. Das Brausebad gönnt er sich einmal pro Woche und gibt der Dame in Weiß, die er „die Kathi“ nennt, ein kleines Trinkgeld, damit sie auf sein Radel aufpasst, während er die Augen schließt und sich berieseln lässt.

Einziges Manko: keine Fahrradständer.

Tag 15: Genug gewienert

Der fünfte Tag in Wien. Die Stadt ist liebenswert. Es gibt viele Parks, Kaffeehäuser und vor allem Marillenknödel in allen erdenklichen Variationen. Mit Butterbrösel, Eis, Schlagobers oder mit Nüssen. Kulinarisch gesehen, vollkommen dusselig, weiterzufahren. Aber die Hummeln im Hintern vermehren sich gerade exponentiell. Mir fehlen die Weiten, das Einmummeln in den Schlafsack, das Entzünden der Gasflamme, das Reißverschluss-Geräusch auf Campingplätzen.

Beine und Po sind wieder hergestellt. Ich habe nur ein bisschen Rücken vom Spülen. Morgen gönne ich mir daher eine Wiener-Wellness-Besonderheit. Neugierig? Details folgen.

Auch mein Radel schart schon mit den Pedalen. Es hat ein neues Rücklicht bekommen und bisschen Öl für die Gelenke. Die nächsten 1000 Kilometer können kommen.

Wieder aufbrechen, heißt auch „Bussi und Baba“ sagen. Mit meiner österreichischen Seelenverwandten Gudi geht es nochmal an die Donau, wobei eher über die Donau, zu einer Seitenader des Flusses. Die Wiener sagen dazu „Transdanubien“ und meinen die Bezirke 21 und 22 am anderen Donauufer. Die Abendsonne lugt hervor. Wir haben keine Badesachen dabei, egal, Unterwäsche tut es ja auch. Zwei weißbäuchige Mädels mit einem ganz entspannten Lächeln im Gesicht. Schöner wird es heute nicht!

Chillende Gudrun