Tag 54: Mehr piano machen

41 Kilometer: Lin-Pogradec-Grenzübergang Nordmazedonien-Trpejca

Vbhhvfffffzz. Das hat mein Bauch gerade getippt. Wir chillen auf den Liegen in diesem spottbilligen Ressort am Ohridsee. Energielevel ist ziemlich low. War es der Regen gestern oder der Gerölltag? Auf jeden Fall sind wir ganz schön platt und ausgepowert. Ich habe schon Augenringe. Obwohl ich gar nicht so schlecht schlafe.

In den nächsten Tagen wollen wir die Kilometer runterschrauben und früher irgendwo ankommen. Um 17 statt 19 Uhr.

Ich hoffe, dass ich es rechtzeitig bis zur Schwarzmeer-Fähre in Burgas (Bulgarien) schaffe. Der große Dampfer fährt voraussichtlich am 16. September ab. Bis dahin sind es noch round about 1.400 Kilometer. Eigentlich machbar. Zur Not gibt es immer Busse. Aber mein Dickköpfchen wehrt sich dagegen. Schauen wir mal.

Die guten Vorsätze, unter anderem weniger Stoff auf der Strecke zu geben, setzen wir gleich in die Tat um. Auf der to-bike-Liste heute: nur 40 Kilometer. Kurzer Boxenstopp nach drei Kilometern: Meinem Vorderrad geht die Puste aus. Ich habe meinen ersten Platten. Ein Dorn oder ein Splitter steckt im unplattbaren (!) Mantel. Schon abgefahren, Schotterpisten haben die Reifen überlebt, aber ein winziger Stachel auf einer neuen Teerstraße bremst mein Rad aus. Naja. Kein Grund zur Panik. Wir suchen ein Schattenplätzchen und flicken den Patienten.

In Pogradec, einer Stadt kurz vor der nordmazedonischen Grenze, investieren wir alle restlichen, albanischen Lek in feine Produkte: Spaghetti, Gemüse, Kekse, Brot, Schafskäse und noch zwei Äpfel. Danach sind wir blank. Kein Bargeld mehr. So reisen wir in Nordmazedonien ein. In einem Dorf am Ohridsee können wir bei einer Schule zelten. Die Bewohner sagen: Dort ist‘s sicher!

Tag 53: Bundestraßen-Blues in AlBENZien

74 Kilometer, 1.300 Höhenmeter: Bradashesh-Elbassan-Lin (Ohridsee)

Kein Nationalpark, keine idyllischen Dorfstraßen, kein Wald, nur schnöde Bundesstraße heute auf unserem Fahrplan. Alles, was Reifen hat, donnert an uns vorbei. Darunter viele Mercedes Benz. Alte E-Klassen in Silber, Grau oder auch Grün verschrammelt. Albanien scheint ein riesiger Gnadenhof für ausrangierte Benz aus aller Welt zu sein. Wenn ihre Zeit zum Beispiel in Deutschland abgelaufen ist, fahren sie in Albanien in ihrem dritten, vierten, fünften Leben einfach weiter. Auch Mercedes-Sprinter sind heiß begehrt. So viele Transporter pesen an uns vorbei, teilweise mit kuriosen Aufschriften „Backwaren Winkler“ oder „Käseladen Huber“. Nicht selten nebelt uns eine schwarze Auspuffwolke komplett ein. Umweltplaketten – würde sie es hier geben – wären wohl oft dunkelrot oder am besten gleich pechschwarz.

Den Smog einzuatmen ist natürlich nicht so prickelnd. Und dann regnet es auch noch. Die Regenjacke ist doppelt nass. Regen von außen, Schweiß von innen. Mit Wind wird’s auch noch kalt. Meine Fußzehen sind weiß und aufgeweicht.

Zehn Kilometer vor unserem Ziel beschließe ich ganz undemokratisch, dass wir uns ein Hotelzimmer nehmen. Auf booking.com finde ich etwas in einem Fünf-Sterne-Ressort, direkt am Ohridsee. 18 Euro für ein Doppelzimmer mit Frühstück. Was sind das für Preise?!? Hier muss Geldwäsche im Spiel sein. Naja, was soll’s. Wir können duschen und uns wieder aufwärmen.

Tag 52: Extrem

51 Kilometer: Tirana-Bradashesh

Offroad-Spuren

Was für ein Tag! Dreck, Schotter, singende Albanier. Dabei fing alles so harmlos an. Mit dem Hotelfrühstück im Bauch haben wir uns erstmal aus der albanischen Hauptstadt herausgeschält. Der Horizont wurde langsam wieder grün und bergig. Dörfer, freilaufende Hühner, Esel.

Aus einer Kneipe kommt Musik. Wir steigen von den Bikes und lauschen angelehnt am Türrahmen. Ein kleinerer Herr klopft inbrünstig auf sein Tamburin ein. Seine Haut ist ganz gegerbt. Er singt, tanzt und genießt unsere neugierigen Blicke. Neben ihm, ein Akkordeonist. Fröhlichkeit in ihren Augen, vor allem bei dem kleinen Mann. Er animiert alle zum Tanzen. Auch uns. An jeder Hand, eine Lady. Schritt nach hinten, bisschen hopsen, Schritt nach vorne. sind etwas unbeholfen. Auch wegen unserer Teva-Sandalen. Die Dinger vernichten einfach jede Eleganz.

Nach dem Tanz ist vor dem Tanz. Auf dem Rad. Der Asphalt verabschiedet sich und die Schotterpiste beginnt. So große Felsbrocken und Schlamm. Wir leiden. Unsere Navi-App Komoot bekommt einen Beschwerdebrief!! Kleine Aufhellung: eine Schildkröte im Gegenverkehr. So süß. Und ganz schön schwer, so eine gepanzerte Kröte.

Dann plötzlich krasses Gewummere. Ein Pickup biegt um die Ecke und kämpft sich zu uns hoch. Wir fragen den Fahrer, ob er uns mitnimmt. Ja, er tut es! Wir landen mit den Rädern auf der Ladefläche. Gut festhalten! Wir werden voll durchgeschüttelt. Schlammlöcher und Geröll, mit der Karre alles kein Problem mehr! Die Pumpe geht trotzdem. Links und rechts geht es klippenartig runter!

Nach so viel Aufregung wollen wir nur noch angekommen. Da ist ein Campingplatz neben der Straße schon Luxus! Nudeln mit Pesto rein und gute Nacht!

Tag 51: Vom Bunker ins Freiluftkino

Der Fokus kann ja nicht immer nur auf Kilometer und Magenfüllungen liegen. Heute gönnen wir uns Kültür. Wir radeln acht Kilometer bis zum Bunkermuseum in Tirana. Die letzten Meter führen durch einen schmalen Tunnel, feucht und sandig.

Der BunkerArt 2 am Rande der Hauptstadt gehört zu rund 170.000 Bunkern im gesamten Land. Enver Hoxha, jahrzehntelanger kommunistischer Diktator, war Mitte der 70er Jahre voll im Bunker-Wahn (als die Beziehungen zur Sowjetunion abbrachen) und ließ Tonnen an Beton im Untergrund versenken. Inspiriert von den Nordkoreanern, die ihr Regierungsviertel untertunnelten.

Auf unserer Tour durch Albanien habe ich schon einige Bunkerdeckel gesehen. Sie ähneln überdimensionalen Servierglocken aus Beton. Nie hätte ich gedacht, dass sich so viele, also, Zigtausende in der Erde tummeln.

Wirklich zum Einsatz kamen die Bunker nie. In manchen dreht sich heute eine Diskokugel. Andere gammeln vor sich hin. Apropos: Die Luft im Bunker: eher so stehend. Dazu ein Geruch, zwischen angeschimmelt und Alt-Herren-Duft. Wir gehen dann mal wieder. Zurück ins Leben.

Wir treffen uns mit zwei französischen Bikern auf ein Bier. Danach Chips und Limo holen und ab zum OpenAir-Kino. Es läuft: Der Fluch der Karibik. Auf Englisch. Hab ich schon ewig nicht mehr gesehen. Also zurücklehnen und knabbern. Morgen hat uns die Wildnis zurück!

Tag 50: Eintauchen ins albanische Herz

Albanien flasht uns. Besonders Tirana. Es ist chaotisch und quirlig. Unser Hotel liegt in einem Viertel mit wenig Touristen. Alles ist so schön normal. Müllhaufen, Obststände, Hupkonzert.

Halbfertig, halbangefangen. Häuser ohne Putz. Straßen ohne Bürgersteige. Restaurants ohne englische Speisekarten. Über unseren Köpfen spannen sich Stromkabel. Es lebe die Überputz-Verlegung!

Wir wollen mehr über dieses kleine Land erfahren und recherchieren im Internet. Kleines Best of: Albanien war mal Friends mit Jugoslawien, mit der Sowjetunion und mit China. War lange Zeit kommunistisch geprägt. Aber das ist schon etwas her. Jetzt will Albanien in die EU. Was heißt jetzt? Schon seit 2009. Die Korruption im Land verhindert aber, dass Albanien in die große, europäische Unions-WG aufgenommen wird. Es gehört immer noch zu den ärmsten Ländern Europas. Die meisten Albaner leben im Ausland (!). Tirana wirkt aber überhaupt nicht leergefegt. Die Stadt ist so lebendig. Überall Cafés und kleine Läden. Es gibt sogar Fahrradwege! Na gut, niemand trägt hier einen Helm. Ist ja auch fashion-mäßig eher so unterirdisch. Egal, uns gibts nur mit Helm und gepolsterter Radhose. Den Minirock holen wir im nächsten Sommer wieder raus.

Tag 49: Tirana. Hotel. Juhu.

85 Kilometer: Kukël-Lezhë-Tirana

Hier melden sich die zwei Radel-Nixen aus dem Hotelzimmer in Tirana. Pediküre und Haarkur liegen schon hinter uns. Vielleicht kommt gleich noch eine Maniküre-Einheit. Die Minibar? Bisher untouched, aber vielleicht nicht mehr lange.

Frühstück morgen zwischen 7:30 und 10 Uhr. Was für eine Perspektive! Und das alles für 13,50 Euro pro Nacht und pro Person. Das Hotel ist noch relativ neu und null runtergerockt. Der Rezeptionist hat sich sogar so eine schmuddelige Radtasche geschnappt und bis zum Zimmer 013 getragen.

Waschsalon, Imbiss und gute Nacht. Frühzeitiger Redaktionsschluss heut wegen Entspannungtherapie im Hotelzimmer 🙂 Übrigens: klimatisiert.

Tag 48: Albanien, mon amour

70 Kilometer: Donji Murici (Montenegro)-Grenzübergang Albanien-Shkodra-Kukël

Die nächste Balkan-Schönheit klopft schon an die Tür: Albanien. Unglaublich, wie wir über die Landkarte fegen.

Montenegro, wir sind nur vier Tage lang in deinen Wellen und Dellen herumgekurvt. Deine Landschaft ist wie üppig gefüllter Obstkorb. Es gibt Meer und Berge. Wilde Natur und herzliche Leute, zum Beispiel in Ostros. Eine kleine Gemeinde, kurz vor der Grenze zu Albanien. Hauptstraße, Mini-Supermärkte, Cafés, verteilte Schafködel. Und: fette Ami-Schlitten mit New Yorker-Kennzeichen. What the hell machen die denn in dieser kompletten Pampa? Wir sprechen eine Familie an. Sie klären uns auf: Anfang der 90er Jahre tobte der Krieg in Jugoslawien. 90 Prozent der Dorfbewohner sind geflohen und ausgewandert. Vor allem in die USA. Dort haben sie sich in den vergangenen 30 Jahren ein neues Leben aufgebaut. Im Sommer kehren sie manchmal in ihre Heimat zurück. Nur zum Urlaubmachen. Die Ami-Karren mit den absurdesten Kennzeichen (Massachusetts) düsen dann durch montegrinisches Niemannsland.

Okay, jetzt mal zu Albanien. Erste Eindrücke: Es gibt sehr viele Waschanlagen für Autos, in Cafés sitzen fast nur Männer und im Alphabet gibt es ein E mit Gänsehaut: Ë!

Wo übernachten wir wohl heute? Wir klappern ein paar Dörfer ab. Als wir uns gerade bissel verfahren haben, entdecke ich ein hübsches Häuschen mit verschlossenem Tor. Sieht gepflegt und irgendwie safe aus. Ich klingele, tut sich nix. Dann hält ein Auto davor. Eine sympathische Dame steigt aus und holt ihren Schwager. Er lädt uns kurz darauf in den Garten der Familie ein. Wir werden mit Herzlichkeit überschüttet. Dürfen unser Zelt aufbauen, duschen, uns wird kaltes Wasser gebracht und ein Abendessen serviert. Von den Eltern des Mannes. Sie leben in diesem großen Haus und bekommen immer wieder Besuch von ihren Kindern und Enkeln. Ihr Sohn, der Mann, der uns aufgenommen hat, lebt mit seiner Frau und vier Töchtern in London. Sie sagen nur: enjoy and relax! Meeeega!!!

Albanisches Abendessen

Tag 47: Rendezvous mit Kristina und Arnaud, danach mit Pax und Romain

58 Kilometer, 1.037 Höhenmeter: Camp Oaza-Virpasar-Donji Murici

Bett, Decke und Kopfkissen: Das ist schon etwas Feines. Und dann auch noch in einem Tipi. Kristina und Arnaud, ein Radel-Pärchen aus der Schweiz, haben uns gestern zu sich ins Zelt eingeladen. Wie wunderbar. Zumal es heut morgen total geplätschert hat. Blitze, Donner, Regen-Fontäne. Wir sind im Trockenen und unser Stuff auch.

Radel-Romance

Für Ann-Sophie und mich geht es ostwärts. Das Hotelzimmer in Tirana ist schon gebucht. Donnerstag, der große Tag in der albanischen Hauptstadt. Der Weg dahin führt uns durch das montegrinische Hinterland. Diese Weite, dieses Grün! Reife Feigen plumpsen auf die Straße. Die Autofahrer hupen uns zu. Daumen hoch, alle paar Kilometer.

Chefsessel aus dem Nichts

Am Abend haben wir ein Rendezvous mit Pax und Romain. Die beiden Frenchies sind vor zwei Monaten aus Grenoble losgedüst. Gestern haben wir uns zufällig getroffen und eine Kochsession für heute ausgemacht. Am Skutarisee. Zwischen Montenegro und Albanien. An unserem Treffpunkt gibt es überhaupt keine Supermärkte. Gefuttert wird also, was unsere Radeltaschen zerquetscht hergeben: Soja-Würfel, Tofu, Nudeln, Pesto Früchte und Kekse. Keine haute cuisine, aber trotzdem délicieux.

Tag 46: Wir gehen steil

60 Kilometer, 1.450 Höhenmeter: Kotor-Cetinje-Camp Oaza

Küste oder Berge? Wir können uns nicht entscheiden und rollen erstmal in die Bucht von Kotor – der südlichste Fjord Europas. Fjord? Google sagt: ein schmaler Meeresarm im Landesinneren, der an drei Seiten von Festland umgeben ist. Aha! Also nicht nur so ein Skandinavien-Zeug.

Und wer schippert da plötzlich ab uns vorbei? Ein Kreuzfahrtschiff von der Papenburger Meyer Werft: The Brilliance of the Seas. Stapellauf 2001, Länge 292 Meter, Breite 40 Meter. Heimatgefühle!!

Made in Papenburg, meiner Heimat!

Zurück in Kotor: In der mittelalterlichen Stadt hatten 400 Jahre lang Venezianer das Sagen. Die gekachelten Dächer, die verzierten Säulen, die kopfsteingepflasterten Gassen. Ja, wir könnten auch in Italien sein. Viel zu entdecken, aber wir wollen weiter.

Wir nehmen die Bergroute. Von null auf knapp 1.500 Höhenmeter! Toughe Nummer! Vor allem die ersten 300 Meter. Mega steil. Das Vorderrad bekommt beinahe Flügel. Danach schlängelt sich die Straße nach oben. Mehr als 20 Serpentinen. Unterwegs treffen wir zwei französische Radler, die uns auf einen Drink einladen.

Snickers, Müsliriegel, Nektarine, Gurke, Studentenfutter. Alles, was wir haben, landet in der Futterluke. 30 Kilometer nur bergauf. Es klackt in den Ohren. Die Wolken berühren uns schon fast. Die Sicht? Unbeschreiblich!

Die Haare fettig, die Sonnencreme verschmiert, das Kettenöl am Bein: Wir. Dusche. Dringend. Auf dem Weg zum nächsten Supermarkt genießen wir die Abfahrt durch Felsenländ alias Nationalpark Lovcen. Achtung, Kuh auf Fahrbahn.

Wir holen unser Abendessen in Cetinje. In dem Ort, in dem kürzlich ein Amoklauf stattgefunden hat. Mulmiges Gefühl? Bisschen.

Auf einem Campingplatz in den Bergen treffen wir zwei andere Radler wieder. Sie haben ein Tipi-Zelt mit fünf Schlafplätzen. Wir dürfen auch reinschlüpfen. Ein Traum, nach so einem Tag!

Tag 45: Monte-magisch-negro

45 Kilometer: Mikulici (Kroatien)-Grenzübergang Montenegro-Stoliv

Montegrinischer Grenzübergang: schlichtes Design

Im Moment wechseln wir die Länder fast häufiger als unsere Unterwäsche. Nach einem Mittagessen in Bosnien-Herzegowina und einer Nacht in Kroatien tragen uns unsere Räder heute nach Montenegro. Die Küstenlinie ist so schön geschwungen – wie eine tauchende Meerjungfrau. Die Berge sind viel schroffer als in Kroatien. Grau, steinig, sehr steil. Sie ragen aus dem Meer und schenken unseren Augen ein Postkarten-Motiv nach dem anderen. Unten glattgebügeltes Wasser, oben faltige Felswände. In der Abendsonne, großes Kino!

Kurz vor Kotor.

Für nen Euro gönnen wir uns eine kurze Fährfahrt in der Bucht von Kotor. Spart Schweiß und Kilometer. Denn heute wollen wir es gemütlich angehen lassen. Ist ja auch Sonntag. Ein Steg hinter mehreren geparkten Autos lacht uns beim Vorbeihuschen an. Wir fragen einen älteren Herren, der vor seinem Haus chillt, ob wir dort zelten dürfen. Er versteht nix, reicht uns aber ein Stück von seiner Wassermelone. Die Enkelin spricht ein bisschen Englisch und genehmigt unseren Stellplatz. Erste Reihe, direkt am Wasser. Dazu einen heißen Maiskolben vom Stand nebenan. Montenegro, du kannst was!

Mampf! Bezahlt in Euro übrigens. Offizielle Währung in Montenegro.