Tag 64: Pausenknopf auf Samothraki

72 Kilometer: Alkion-Alexandroupoli-Fähre nach Samothraki-Therma

Warum immer auf dem Festland rumgurken, wenn doch Griechenland so viele Insel-Schönheiten hat? Seit Thessaloniki haben wir schon wieder mehr als 300 Kilometer in unsere Waden geballert. Zeit für eine Auszeit! Und zwar auf Samothraki! Empfehlung von meiner Freundin Ann-Kathrin.

Der Legende nach soll sich Poseidon auf den rund 1.600 Meter hohen Berg der Insel gefläzt haben und sich die Schlacht von Troja reingezogen haben. Auch eine der schönsten Marmorskulpturen ever stammt von der Insel Samothraki: die kopflose Nike mit Flügeln. Zu bewundern im Louvre. Ok, das reicht jetzt mal mit dem Ausflug in die (Kunst-)Geschichte. Zurück zum Dosenbier-Niveau.

Ann-Sophie und ich schlürfen auf der knapp zweistündigen Fährfahrt von Alexandroupoli nach Kamariotissa ein lauwarmes, griechisches „Perlenbacher“ vom Lidl. Gewisse Design-Ähnlichkeit mit Krombacher. Bestimmt nur Zufall 🙂 Dazu ne Chipstüte, Sonne und Meer.

Von Henri, unserem Mitfahrer aus Oldenburg, haben wir uns vorerst verabschiedet. Er will noch ein paar Schlenker in der Türkei drehen. Kommenden Freitag sehen wir uns wahrscheinlich wieder – in Istanbul. Da wollen wir unbedingt zusammen dancen gehen. Was für Aussichten!

Tag 63: Ich sag nur Nestos!

75 Kilometer: Galani-Alkion

Eiskalt, tiefgrün und absolut mitreißend: Sein Name ist Nestos. Und ich bin ein bisschen verknallt.

Der Fluss schlawinert sich durch Bulgarien und Nordgriechenland. Hat hübsche Schluchten in die Felswände gefräst. Im gleichnamigen Nationalpark kann man übrigens richtig gut wandern und Kanu fahren. Geheimtipp, Leute!

Ja, ich bin Fan. Auch, weil meine Griechenland-Klischees (Strände, weiße Häuser mit blauen Fensterläden, Olivenbaum-Plantagen) so schön auf den Kopf gestellt werden.

Entdeckt haben wir Nestos mithilfe der App „Park4Night“. Nach der Tour gestern und heute nach dem Aufwachen habe ich mich direkt in diesen flüssigen Kühlschrank gelegt. So belebend! Auch als Spülschwamm ist der Fluss geeignet. Einfach Sand in die Alu-Schale schütten, bisschen verreiben und schwups ist er weg: der angebrannte Reis.

Gesellschaft gibt es auch. Viele frauchen- und herrchenlose Hunde leben am Ufer. Ein Vierbeiner hat in der Nacht sogar mein Zelt bewacht oder doch nur geschnarcht?

Tag 62: Planänderung

80 Kilometer: Elftheres-Kavala-Galani

Georgien rückt immer näher. Nur noch die Türkei oder das Schwarze Meer trennen uns. Es ist verrückt und unfassbar toll, mit dem Radel schon so weit gekommen zu sein. Wie soll es jetzt weitergehen?

Eigentlich wollte ich eine Fähre über das Schwarze Meer nehmen, ab Burgas in Bulgarien. Dreieinhalb Tage auf einem rostigen Dampfer mit Vollverpflegung und vielleicht vollbärtigen Truckern. Die Fähre chauffiert nämlich eher Lastwagen als Touris. Eine Kajüte und viel Meer, für 220 Euro, inklusive Rad.

Davon habe ich lange geträumt. Aber es kommt anders: Meine Mitradlerin Ann-Sophie möchte lieber mit dem Zug durch die Türkei düsen. Und zwar mit dem Dogu-Express. 26 Stunden, von Ankara nach Kars (in der Nähe der georgischen Grenze). 1300 Kilometer in einem Sessel auf Schienen. Für 8,80 Euro. Ja, wirklich. Preislich ein echter Schnapper. Und als anonyme Eisenbahnromantikerin gefällt mir diese Art des Reisens natürlich auch.

Viele Radfahrer und Camper haben uns außerdem erzählt, dass die Menschen in der Türkei so unglaublich gastfreundlich sind. Wir sollen unbedingt durchfahren. Also dann, auf! Von Istanbul erwarten uns etwa 400 Kilometer bis zur türkischen Hauptstadt. Der Dogu-Express rattert jeden Tag. Mitte September gehen wir on board! Vorfreude!!

Tag 61: Meer. Meer. Meer!

67 Kilometer: Madytos-Eleftheres

Wir wollen Mee(h)r. Nicht immer nur Nudeln mit Soße. Deswegen gibt es heute gefüllte Wraps. Ein neues Level in der Campingküche. Bei unserem Supermarkt des Vertrauens (Lidl, weil WC, WLAN und Wühltische) knallen wir das Fließband voll. Das wird ein Fest heute Abend.

Zurück zum Meer: Wir radeln an der Küstenlinie des Strymonischen Golfes entlang. Es ist so schön flach, wir kommen richtig voran. Im Schatten einer Palme futtern wir eine Kleinigkeit und machen mal kurz die Augen zu. Powernappen mit Meeresrauschen, nicht von Spotify, sondern in echt.

Wir geben uns noch 25 Kilometer, füllen in einer Bar die Wasserflaschen auf und steuern einen einsamen Strand an. Wir sind nicht ganz allein. Eine griechische Familie macht hier Urlaub mit ihrem Wohnwagen. Das Grundstück gehört wohl der Familie. Hier zelten? Aber gerne! Die Menschen sind immer wieder so herzlich und unkompliziert. On top dürfen wir die Dusche mitbenutzen und bekommen selbstgemachten Tsipouro (Tresterband) geschenkt. Das Zeug brennt die Speiseröhre weg. Lieber vorher die Wraps vertilgen. Wir schnibbeln Tomate, Gurke und Salat klein. Braten Grillkäse in unseren Campingkochern an. Dazu Bohnen und Mais aus der Dose. Und ein Klecks Tzatziki. Logisch! Kalí órexi (Guten Appetit)!

Tag 60: Durch das Brandenburg Griechenlands

64 Kilometer: Thessaloniki-Madytos

Hallo Schweißdrüsen, seid ihr bereit? Es geht wieder lohoos. Schon nach fünf Minuten im Sattel rinnt mir die Suppe an Beinen und Schläfen runter. Frage an Ann-Sophie als angehende Ärztin: Wie funktioniert das eigentlich mit dem Schwitzen? Ihre Antwort so in etwa: Die Schweißdrüsen haben ihr Quartier unter der Epidermis, in der sogenannten Dermis. Da liegen auch die Talgdrüsen und die Haarfollikel. Bei Hitze und Anstrengung drückt der Körper Wasser und Salz durch diese Schweiß-Ausgänge. Interessant daran: Schweiß stinkt eigentlich gar nicht. Der müffelige Geruch kommt nur durch Bakterien auf unserer Haut zustande. Sie zersetzen den Schweiß und dann heißt es: Nase zu. Voll der Bildungsurlaub!

Voll zusammengeschweißt – nach so kurzer Zeit!

Genug Schweißologie, hier geht es ja ums Radfahren. Wir kehren Thessaloniki auf unseren Bikes den Rücken zu und kurbeln in den Osten. Erst durch einen hügeligen Nationalpark, dann entlang der Bundesstraße in Richtung Kavala. Mittagspause in einem Dorf mit fünf Cafés. Jeweils bestuhlt für 50. Gab es da Mengenrabatt? Vieles wirkt verlassen. Die goldenen Zeiten? Vorbei? Wo sind die Touris? Alle am Meer? Auf jeden Fall nicht im Norden Griechenlands.

Gut für uns: wenig Touristen = mehr Spots zum Wildcampen. Zum Beispiel am Volvi-See, Griechenlands zweitgrößter See, zwischen Thessaloniki und Ägäis.

Tag 59: Cappuccino freddo et moi

Mit einem Ruhepuls durch Thessaloniki. Es ist Sonntag. In den Gassen entlang der historischen Stadtmauer liegt Entspannung in der Luft. Viele Geschäfte wegen des Feiertags geschlossen. Mehr Katzen als Menschen in den Sträßchen. Ich genieße das ziellose Schlendern. Mein Bauchgefühl übernimmt die Navigation. Keine App. Ich genehmige mir ein feines Frühstück und mehrere Cappuccini freddi (?).

Immer wieder schwappt Musik durch die geschlossenen Fensterläden-Schlitze. Ich lehne mich an die Fensterbank und stelle mir die Person hinter den Mauern vor. Vielleicht gerade bei der Siesta?!

Der Spaziergang durch Thessaloniki ist eine Zick-Zack-Reise durch die Jahrhunderte. Archäologische Schmuckstücke des römischen Kaisers Galerius neben schickem Plattenbau. Mittelalterliche Befestigungsanlagen neben LED-Straßenlaternen. Ich mag ja solche Clashs.

In einer Kneipe mit Terrasse fülle ich meine Wasserspeicher wieder auf. Am Nebentisch zockt eine Mutti mit ihrem Sohnemann Backgammon. Als ein Spielstein runterpurzelt, ergreife ich die Chance, spreche sie an und lasse mir die Regeln erklären. Der kleine Mann namens Jason verliert gerade. Die Stimmung könnte besser sein. Ich verziehe mich mal wieder und schmökere ein bisschen. Mir fällt auf, dass sich viele Leute vor dem Haus gegenüber fotografieren lassen. Beiger Putz, braune Fensterläden. Was soll daran besonders sein? Ich finde heraus, dass Kemal Atatürk, der türkische Staatsgründer, 1881 hier geboren wurde. Damals noch Osmanisches Reich. Oha.

Ganz schön viele Erlebnisse für einen Ruhetag! Am Abend hauen wir nochmal edel rein – im Ergon Agora – und steuern dann das Bubuland an.

Tag 58: Grüß dich, Thessaloniki

67 Kilometer: Aravissos-Thessaloniki

Rund 70 Kilometer und fast keine Höhenmeter – Premiere auf dieser Tour. Unsere Navigations-App schickt uns auf matschige Schleichwege. Stroh, Erde, Wasser verkleben unterm Schutzblech. Wir bleiben beinahe stecken. Die Bundesstraße erlöst uns. Die Strecke ist allerdings alles andere als malerisch. Eine fette Route, zweispurig, langweilig geradeaus, zerfetzte Autoreifen. Joa. Genau diese Kulisse hat sich Ann-Sophies Hinterreifen für einen schwachen Moment ausgesucht. Platten-Alarm! Die Autos donnern so laut an uns vorbei, wir hören gar nicht das Zischen des Löchleins. Ein Standortwechsel muss her! Bei der nächsten Tanke wird das Loch gestopft. Wir sind wieder ready for takeoff.

Nach 20 Kilometern baut sich Thessaloniki vor uns auf! Wir gönnen uns ein bisschen Rast in der City an der Agäis. Airbnb statt Wildcamping! Eine kleine Wohnung, zwei Nächte, drei verschwitzte Biker! Das Beste: Die Butze hat sogar eine Waschmaschine. 60 Grad in der Trommel, 30 Grad auf dem Balkon!

Tag 57: Überfahren

87 Kilometer: Petres-Edessa-Aravissos

Heutiger Fitnesszustand = totes Tier auf der Straße. Einfach nur überfahren. Liegt an letzter Nacht. Es hat so gepustet. Beim Zeltaufbauen hat es angefangen. Wie aus dem Nichts war er plötzlich da, der Wind und ging nicht mehr weg. Die Zeltplane klebte immer wieder an meiner Backe. Ohropax und Schlafmaske schauten hilflos zu. Selbst pinkeln war mit den wilden Böen eine echte Herausforderung. Naja, harte Nacht. Abhaken.

Der Morgen bescherte uns eine steile Bergpartie, natürlich mit Gegenwind. Nach der Kuppe wurde aus der steifen Brise ein Lüftchen. Geht doch. Am Wegesrand, überall Obstbäume. Nordgriechenland, ein großer, süßlich duftender Pfirsichgarten. Wir picken die tennisballgroßen Früchte auf und beißen rein. Hmm, frische Ware!

Wir kurbeln weiter bis nach Edessa. Zuerst zu Lidl, dann zu den Wasserfällen. Die Prioritäten sind klar verteilt. Ich bin ganz schön kaputt und würde mich am liebsten in den nächsten Park legen. 33 Grad zeigt die Temperaturanzeige der Apotheke an. Unter meinem Helm, Kernschmelze. Also weiter, zu einem Restaurant mit Campingwiese. Heute gönnen wir uns ein leckeres Mahl. Mit Ouzo zum Einschlafen!

Tag 56: Road to Hellas

68 Kilometer: Kazani-Bitola-Grenzübergang Griechenland-Petres

Erstmal Frühstück bei Omi Sonja

Einschlafen. Aufwachen. Prasselnder Regen. Pippigang. Wälzen und hoffen. Der Zeltstoff ist so dünn, aber alles bleibt dicht.

Unsere mazedonische Omi Sonja wuselt schon durch ihre Hood. Wir sollen in die Küche kommen. Auf dem Herd köchelt schon Kaffee. In einem anderen Topf schwimmen Nudelfetzen herum. Den Teig hat sie selbst gemacht. Sie schichtet die Nudeln auf Teller und raspelt Käse drüber. Zu trinken gibt es einen Joghurtdrink. Wohl ein traditionelles Frühstück in Nordmazedonien. Wir futtern alles auf uns und tigern zurück in den Garten. Geschirr nass, Zelt nass, Unterlage nass. Wir packen den tropfenden Schmu ein und hoffen auf Sonne!

Danke für alles, Sonja!

In der letzten, nordmazedonischen Stadt (Bitola) vor der griechischen Grenze verprassen wir Henris Denare. Herrlich unvernünftiges Zeug landet auf der Ladentheke: Chips, Riegel, Limo. Ja, ok auch bisschen Börek und Sesamschnecken.

Wir sind gerüstet für Hellas! Denn der Grenzübergang lässt nicht lange auf sich warten. Die Flaggen der Europäischen Union und Griechenlands wehen ganz feierlich. Aber leider kein Pappaufsteller von Ursula von der Leyen weit und breit. Dafür Schilder, die alle nach links zeigen. Wir schlagen den Weg in Richtung Thessaloniki ein. Die Landstraße ist so schön leer, wir können voll laufen lassen. Unser Ziel ist heute ein See, umgeben von Bergen. Auf einem Steg bauen wir unsere Schlafgemache auf. Was für ein Spot?!! Unser Wildcamping verdient einen Schönheitspreis.

Tag 55: Zu dritt bei der mazedonischen Omi im Garten

60 Kilometer, 1.200 Höhenmeter: Trpejca-Kazani

Kleiner Snack vor der Pasta!

Plötzlich stand er da, mit Hawaiihemd und roten Fahrradtaschen. Moin Henri! Er kommt aus Oldenburg und will nach Istanbul. Wir auch! Sein Bike kommt von der Fahrradmanufaktur. Unsere auch!

Wir radeln die nächsten Kilometer als Dreier-Gang. Henri erzählt, dass er Freunde in Freiburg hat, zum Beispiel eine Lea. Wir finden heraus, dass ich genau mit dieser Lea Fußball spiele. Sogar manchmal in einer Mannschaft. SV Ebnet, olé! Wie klein die Welt doch ist.

Nach 60 Kilometern auf dem Tacho rollen wir durch ein Dorf mit verlassenen Schaufenstern. Eine Dame ist neugierig und macht ihr Gartentor auf. Sie ist so nett und schenkt eine Packung Spaghetti und frisch gekochte Maiskolben. Eine andere Dame lächelt uns auch ganz herzlich zu. Sie braust gerade ihre Einfahrt mit einem Gartenschlauch ab. Ich gehe auf sie zu und zeige auf den Schlauch, dann auf mich. Sie schaut mich verdutzt an. Mit Zeichensprache und Geräuschen (tschhh) mache ich ihr klar, dass ich mich gerne abduschen möchte. Sie rubbelt sich die Arme. Soll wohl heißen, dass das Wasser kalt ist. Egal! Augen zu und runter!

Zwischen ihrem Walnussbaum und ihrem Apfelbaum dürfen wir sogar unsere Zelte aufschlagen. So toll. Sie bringt Butterkekse und Pflaumen-Marmelade zu uns heraus. Dann noch Tee. So eine Omi ist goldwert!