Tag 84: Einmal alles mit Schaf, bitte!

58 Kilometer, 890 Höhenmeter: Tsalka-Didgori

Es herbstet in Georgien! Der Fahrtwind färbt unsere Gesichter rot und die Lippen blau. Ach, da wär‘ man gern ein Schaf. Von Kopf bis Fuß in Wolle. Warm und weich. Das denke ich so, als hunderte Schafe einen Hang heruntergetrieben werden. Vier Hüter lotsen die Schaflawine in unsere Richtung. Wir beobachten das Wollmeer. Immer wieder knallt eine der Peitschen auf den kargen Boden. Die Schafe geben Vollgas und schieben sich an unseren Rädern vorbei. Es geht alles sehr flott. Zurückbleiben nur ein paar Stressköddel auf der Straße.

Wir ziehen weiter. Keine leichte Etappe, so kurz vor Tiflis: Die Straße macht immer wieder einen Katzenbuckel. Aber gar nicht schlecht, dann wird uns immerhin wieder warm.

Auf einer hübschen Bergkuppe ist Endstation für heute. Die Sonne schiebt den Wolkenvorhang zur Seite. Wir legen Ray Charles auf: „Georgia on my mind“. Dat groovt!

Hmm…die vorerst letzte Nacht Wildcampen mit Ann-Sophie. Was für ein Glück, sie gefunden zu haben (über einen Aushang in Freiburg)!!!

PS.: Noch 34 Kilometer bis nach Tiflis!

Tag 83: Nothing special oder doch?

47 Kilometer: Poka-Tsalka

Bis 14 Uhr keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden. Wir überholen Schaftransporter, fette Karren (mit russischem Kennzeichen) überholen uns. Wir pesen durch ausgestorbene Dörfer, jedes zweite Haus eine Ruine. In 45 Kilometern kein einziges Café. Dafür Gedanken-Stau im Oberstübchen. Bald endet diese Radtour. Bald kommt mein Chéri. Bald muss ich wieder arbeiten. Die Vorfreude auf einem Tandem mit der Wehmut. Der Himmel macht passend dazu auf Dramaqueen. Gewitter, Grummeln, Grey!

In Tsalka wieder Menschen auf der Straße! Und ein Café. Die Torte muss auf den Teller.

Und jetzt? Guck mal, da ist ein Secondhandladen. Aber meine Radtaschen sind eh schon knallevoll. Ach egal!

Wir versacken fast zwei Stunden in den Klamottenhaufen. Viele Fummel kommen aus Deutschland. Preisschild von Family ist noch druff. Der Händler holt sich die heiße Ware in Tiflis. Auch BH‘s und Negligés darunter. Wir steigen überall rein, manchmal mit Radhose. Es macht so Spaß. Unsere Ausbeute: fünf freshe Teile für 35 Lari, also knapp zwölf Euro. Fairplay!

Bleibt noch die Frage, wo wir heute Abend landen? Auf jeden Fall nicht in der Nähe eines Männer-Klosters 🙂 Wir gönnen uns eine durchgestylte Ferienwohnung und flippen im Wohnzimmer aus. Musik und Fummel an. Get lucky, sag ich da nur!

Tag 82: Von herzlich bis hart

71 Kilometer: Kartsakhi-Ninozminda-Poka am Parawanisee

Morning has broken mit Zwiebelduft in der Nase: Ann-Sophie und ich liegen noch eingewickelt wie Kohlrouladen in unseren Schlafsäcken, da schmeißt die Omi von gestern schon den Gaskocher an und brutzelt Zwiebeln und Kartoffeln-Ecken an. Früüühstück! Die Kartoffelstückchen sind ganz butterweich. Voll lecker!

Zwischen vollen Gabeln und viel Gekaue erfahren wir noch mehr über die Geschichte der Familie, die uns gestern spontan aufgenommen hat. Sie sind keine Georgier, sondern Armenier. Sprechen auch nur Armenisch miteinander. Der Urgroßvater ist 97 Jahre alt, trinkt jeden Morgen ein Glas Wasser und isst viel Honig. Die Großeltern waren Lehrer. Die Schwiegertochter arbeitet im Kindergarten. Ihr Mann war zehn Jahre lang Zahnarzt, jetzt dealt er mit Landmaschinen. Überraschende Wendung! Anna, die gemeinsame Tochter, steht kurz vor dem Abitur, hat sich Englisch selbst beigebracht und will in den USA studieren. Der rising star der Familie! Wir haben sie natürlich nach Deutschland eingeladen. Eine kleine Geste bei so viel Herzlichkeit.

Bevor wir aufbrechen, werden noch Lunchpakete gerichtet. Mit selbstgemachtem Honig unter anderem. Die Omi zieht einen Emaillen-Eimer hervor und schöpft das süße Gold in ein Nutella-Glas. Ein Anblick für die Götter!

Danach ab auf die Piste. Georgien im Sonnenschein. Die Grundfarben: gelb (Felder) und hellblau (Himmel). Über uns weiße Daunendeckenwolken. Wir radeln durch die Weite und saugen die Eindrücke auf. Es werden Kartoffeln geerntet, Kuh-Dung gestapelt und Karten in Bushäuschen gespielt. Mal gibt es Asphalt, mal nur Gras, Schotter oder Kiesel. Wir nehmen es, wie es kommt.

Ein Blick zur Sonne! Viel besser als der Blick auf die Uhrzeit im Handy. Steht schon ziemlich tief, wir sollten uns um einen Zeltplatz kümmern. Auf Google Maps finden wir ein Kloster an einem See. Hin! Wir treffen auf ein paar crazy Typen. Wohl Mönche. Aber nicht in Kutte, sondern in Jogginghosen. Und teilweise mit Fahnen. Einer der Männer kommt gerade vom Einkaufen mit einer Zwei-Liter-Pulle Bier zurück. Er sagt: Wir können auf der Wiese vor dem Kloster zelten. Ein anderer Typ schüttelt mit dem Kopf und redet auf Russisch auf uns ein. Ein weiterer mit luftiger Kauleiste (drei Zähne) gibt uns einen Kuss auf den Handrücken. Hilfe! Wat ist hier denn los? Wir machen uns lieber ausm Staub. In einem Restaurant fragen wir nach einem Hotel. Am Ortseingang gibts wohl ne Location. Die Sonne ist mittlerweile in den Horizont geplumpst, das Vieh von den Weiden in den Stall gebracht. Es ist saukalt. Wir sind immer noch auf 2.000 Meter Höhe.

Und ja. Am Ortseingang gibt es eine Unterkunft. Der Inhaber zeigt uns sein Bettenzimmer. Hostel nicht Hotel, sagt er. Im Zimmer: keine Lampe nur Fenster, keine Steckdosen nur Kabel, kein Lattenrost nur Sprungfedern. Und eine Treppe zu einem nicht isolierten Dachboden. Egal, wir bleiben hier und lachen uns schlapp.

Tag 81: WIR SIND IN GEORGIEN

61 Kilometer: Çanaksu-Çildir-Grenzübergang zu Georgien-Kartsakhi

Ein kleiner, rechteckiger Farbfleck in meinem Reisepass. Der Stempel, der sagt: Du bist in Georgien! Nach so viel bergauf und bergab. Nach fast 4.000 Kilometern kreuz und quer durch Europa. Nach so vielen Zufällen und Glücksmomenten. Ich bin noch ganz durcheinander vor Freude.

Vor der Grenze hauen wir traditionell die letzten Kröten (Lire) auf den Kopp. Das heißt: Shopping-Time in Çildir! Das kleine Städtchen hat vor allem viel Bauschutt und Maschinen fürs Grobe zu bieten, es gibt aber auch ein paar Klamottenläden. Im erstbesten bleiben wir hängen. Zur Auswahl stehen Omi-Blümchen-Schlüpper, Jogginghosen von Gucci, Teppiche und T-Shirts. Wir entscheiden uns für letzteres und handeln so viel runter, dass wir uns noch in ein Café pflanzen können. Der letzte Çay vor der Grenze!

Noch einmal den Berg hoch und bisschen geradeaus, dann taucht er plötzlich auf, mitten in der Pampa – der Grenzübergang ins lang ersehnte Land, Georgien! Die Grenzer sind locker drauf. Lassen uns einfach durchfahren, ohne in die Radtaschen zu schauen. Zum Glück! Ich habe zum Beispiel eine angebrochene Konserve mit Tomatenmark am Start. Die Plastiktüte drumherum ist auch schon bisschen rot verschmiert. Könnte für Irritationen sorgen…Aber alles easy.

Ann-Sophie und ich umarmen uns, trinken einen Schluck Schnaps (Geschenk von Leuten aus Kroatien) und schieben uns Kekse rein. Wir haben es wirklich geschafft! Freudentänze und Grinsebacken-Faces! Jeder wartende Trucker wird angestrahlt. Das Licht ist auch so absurd schön. Alles mit Gold überzogen! Wir radeln schon nicht mehr, wir schweben schon!

Im ersten Dorf hinter der Grenze quatschen wir wieder Leute an. Ruckzuck öffnen sich Türen und Herzen. Eine Familie lädt uns zu sich ein. Wir sagen, dass wir sehr viel zum Mampfen dabei haben. Keine Chance! Die Omi tischt in Sekundenschnelle Fladenbrot, selbstgemachten Honig und Käse auf. Vollverpflegung!! Die Großeltern, der Urgroßvater und die Schwiegertochter (Mann und Tochter werktags in einer größeren Stadt) leben in einem Haus, nutzen aber eine kleine Hütte zum Kochen und Kreuzworträtseln. Da dürfen wir auch schlafen. Es ist so gemütlich. Draußen weht der Winter schon heran und hier drinnen ist es sehr behaglich…gute Nacht!

Tag 80: Ganz-weit-weg-Gefühl

58 Kilometer: Kars-Arpaçay-Çanaksu

Kurbeln, Fahrtwind, miefende Fahrradhandschuhe: Wir sind wieder in unserem Element. Und direkt Flirtattacke auf dem Standstreifen der D965! Zwei rüstige Herren mit Gehhilfen (einmal Krücke, einmal Wanderstock) auf 12 Uhr. Anhalten, anhalten sollen wir. Einer der Señores – Schnauzbart, stattliche Wampe – krallt sich meine Hand und zieht mich zu sich. Cleverer Move! Kein Entkommen mehr. Schmatzer links, Schmatzer rechts. Dann ist Ann-Sophie dran. Der Opi verliert echt keine Zeit. Numero, numero will er. Jetzt aber mal halblang! Wir zeigen auf die Road und wimmeln ihn mit „Arpaçay, Arpaçay“ ab. So heißt das nächste Kaff.

Noch ganz beduselt von dieser stürmischen Begegnung rollen wir tatsächlich nach Arpaçay. Die Leute, fast nur Männer, schauen uns an wie Außerirdische. Die Gegend ist sehr ländlich, muss man dazu sagen. Viele Frauen können gar nicht radfahren. Daher sind dann gleich zwei Ladies mit Bikes in einer Kategorie mit weißen Rehen. Ein seltenes Naturschauspiel!

Dementsprechend aufgeregt sind dann auch Koch und Kellner in einem Restaurant, das wir aufsuchen. Sie weisen uns den Frauen-Salon zu. Ein separater Raum mit roten Tischdecken. Männer und Frauen essen offenbar getrennt.

Der Koch will noch ein Photo mit uns, dann rauschen wir wieder ab. Das Licht wird immer wärmer. Die Farben satter und die Landschaft unwirklicher. Ich habe noch nie so viele Gelb-Töne gesehen. Die raspelkurzen Weizenfelder, die Strohpyramiden, das angeleuchtete Gestein und dann noch der gelbe Mittelstreifen auf der Straße. Es ist so unfassbar schön. Wie ein anderer Planet. Wir sind auf 2.000 Meter Höhe. Hier wächst kein Baum mehr. Vereinzelt immer wieder Hütten und kleine Häuser. Viele Kuh- und Schafherden mit einem einsamen Bauern an der Seite, der sein Cappy lupft, wenn wir vorbeifahren.

In einem Dorf an der Straße folgen wir einer Kuhherde. Sie führt uns zu einem netten Opi, der immer wieder „Günay Abulak“ brabbelt. Ich halte ihm meine Übersetzungs-App unter die Nase. Dann kommt irgendetwas mit „Klaus Peking“.

Wir bekommen den totalen Lachanfall. Auf Google Maps, dann ein Treffer. Ah Günay ist ein Camping-Platz. Wir radeln los und nach wenigen Minuten hält schon ein Pick-up neben uns an. Wohl der Typ vom Campingplatz. Wir werden eskortiert. So cool. Networking auf dem türkischen Dorf – bestens!

PS.: Es sind nur etwa 50 Kilometer bis zur georgischen Grenze!!! Kribbelig vor Freude

Tag 79: Liegend durch die Türkei

Der Dogu Ekspresi. Eine Hommage an die Gemählichkeit – auf Schienen. Die Diesellok mit den weißen Waggons und dem blauen, gewölbten Dach tuckert in 26 Stunden von West nach Ost. Mit höchstens 80 km/h über das anatolische Hochland und am Fluss Euphrat entlang.

Um fünf vor sechs an Bahnsteig 1 (Ankara) geht die Reise los. Wir fahren! Alles zieht an uns vorbei. Die Hochhäuser, die Autobahnen, der Lärm. Wir hocken auf großen, blauen Sesseln in unserem Abteil. Fühlt sich an wie ein Kokon mit Ohropax. Uns gegenüber ein junges Mädel und eine kommunikative, ältere Dame. Fünf Minuten nach Abfahrt grabbelt die Lady schon in ihrem Proviant-Koffer und zieht einen Beutel in Tragetaschen-Größe heraus. Darin Sonnenblumenkerne mit Schale. Wir knacken das Gehäuse, lutschen die Kerne heraus und freuen uns so sehr, dass wir noch zwei Plätze im Schlafwaggon bekommen haben. Das Glück hat schon wieder vorbeigeschaut.

Kurz darauf kommt einer der Schaffner zu uns und drückt uns weiße Pakete in die Hand. Handtücher vielleicht? Nee! Eine Bettdecke, ein Bettlaken, Kopfkissen und einen Bezug. Das wird ja richtig gemütlich hier! Wir klappen die Sitze um und beziehen unsere Gemächer. Noch einen Tee im Bordbistro und dann in die Horizontale. Es schunkelt so schön. Mal sind Glocken zu hören. Immer bei Bahnübergängen. Nächster Halt: Träume!

Die Nacht war ok. Bisschen zu oft Pippi. Der Tee hat wohl den Exit-Bereich eingefordert. Sonst einwandfrei. Liegt sich gut. Der nächste Tag: Augen reiben, strecken und wow, was für eine Landschaft. Felsen, Schluchten, zackige Gipfel. Keine Häuser, keine Menschen. Das Zugfenster umrahmt jeden Blick. Die Bilder könnte man direkt an die Wand nageln. Ich spüre: Diese Zugfahrt ist etwas ganz Besonderes. Der ohnehin ausgebuchten Schwarzmeerfähre weine ich keinen einzigen Tropfen hinterher. Es lebe die Eisenbahnromantik!

Der Service an Bord? Vom Feinsten! Einer der Angestellten des Bistros schenkt uns selbstgemachte Teigteile mit Käsefüllung. Schwarztee gibt es für umgerechnet 16 Cent. Klopapier geht erst um 16:30 Uhr aus. Bis zur Ankunft in Kars, ganz im Osten der Türkei, sind es noch dreieinhalb Stunden. So wenig! Wir würden gerne einfach noch länger, nur aus dem Fenster schauen.

Tag 78: Türkischer ÖPNV rockt!

21 Kilometer: Istanbul Busbahnhof-Bus nach Ankara zum Busbahnhof-Ankara Bahnhof

Weckerklingeln um 5:50 Uhr. Uh, ist das hart. Und so stockedüster draußen!

Mit Schlafkörnchen in den Augen geht es auf den Sattel. Istanbul und wir erwachen. Der Himmel hat die Farbe von Pflaumenjoghurt mit Aprikose (Sonne). Zum ersten Mal sehen wir Kinder mit Schulranzen. Straßenreiniger wirbeln herum. Die ersten Cafés und Börek-Stuben haben schon auf. Es riecht nach Schoko-Croissant! Ann-Sophie und ich fegen durch die Straßen. Zum Busbahnhof. Schönes Gewusel: dutzende Busse, Passagiere, Pakete und Koffer. Wir steuern unsere Company an. „VIB“ (very important bus?). Der Busfahrer, ein kleiner Herr mit rundlichem Gesicht, öffnet die Seitenklappen seines Geschosses. So toll, wir müssen die Räder weder auseinanderbauen, noch in einem Karton verstauen. Sie dürfen stehend über den Highway brausen. Topsache.

Im Bus fühlen wir uns wie im Flugzeug. Einer der Busfahrer ruckelt immer wieder mit einem Wägelchen durch den Gang. Mal gibt es Wasser, Snacks oder Kaffee/Tee. Alles gratis und dazu noch ein Augenzwinkern. Insgesamt drei Durchgänge und schon sind wir in Ankara!

Noch eine kleine Anekdote. Nee eigentlich zwei. Der Titel „Held des Tages“ wird heute zweimal vergeben. Zunächst an den Busfahrer. Auf der Autobahn hat er eine Vollbremsung hingelegt, um einen Straßenhund einzufangen und hinter die Leitplanke zu befördern. Okay, bisschen riskant, aber auch mutig. Und der andere Preisträger ist ein Mitreisender im Bus. Er hat uns sein Handy geliehen. Damit konnten wir unsere Zugtickets nach Kars (östlicher Zipfel der Türkei) upgraden. Wir hatten Sitzkarten für ganz normale Sessel. Jetzt haben wir zwei Karten für den Schlafbereich. Ohne türkische Handynummer, keine Competition! DANKE!

Zurück zur Busfahrt, die nach sechseinhalb Stunden in der türkischen Hauptstadt endet. Wir schnappen uns die Räder und unseren Hausstand und kurbeln zum Hauptbahnhof. Kleiner Schockmoment: Am Schalter wird uns gesagt, dass der Dogu Express, unser Bähnle, nur Klappräder mitnimmt. Oh no! So weit gekommen und dann so eine Hiobsbotschaft. Am Gleis setzen wir alles auf die Karte Charme, der Spuren von Hartnäckigkeit enthalten kann. Und es funktioniert!! Unsere Räder dürfen mit. Es gibt sogar einen Radstellplatz. Wir hängen Ann-Sophies Bike auf und meins binden wir mit Gummispannern dran. Das klappt. 26 Stunden mal die Perspektive wechseln.

Wir sind so erleichtert! Hocken im Zug. Knacken Sonnenblumenkerne. Und glotzen glücklich aus dem Zugfenster.

Tag 77: Wellness in the city

Ein Tag im Zeichen der Schönheit. Um 11 Uhr haben unsere Füße ein Rendezvous bei Musti Kuaför. Musti hat schon die Mähne von Ann-Sophie gestutzt. Vertrauenswürdiger Typ, der sein Handwerk beherrscht. Wir bestellen zweimal Pediküre mit Lackanstrich. Premiere für uns zwei.

Nach einem Fußbad knöpft sich Mustis Kosmetikerin meine Füße vor. Eine Großbaustelle! Im Kampf gegen meine Hornhaut hilft nur noch Schmirgelpapier. Okay, too much information. Auf jeden Fall wird gefeilt, geknipst, gehobelt. Zackzack. Noch ein paar Pinselstriche und die Flossen sehen wieder manierlich aus.

200 Meter weiter geht das Beauty-Programm in Runde zwei. Im Ağa Hamam. Erbaut im Jahre 1454. Marmorsäulen, dunkle Holzkabinen, sonnenblumengelbe Kuppel. In einem hellen Raum mit Waschbecken erwartet uns eine heiße Platte. Darauf sollen wir erstmal ne halbe Stunde chillen. Danach geht es in die Waschanlage. Leicht bekleidete Damen rubbeln uns mit rauen Handschuhen ab. Von Kopf bis Fuß! Auf meiner Haut bleiben kleine, braune Würstchen kleben. Geht jetzt meine Bräune flöten? Nee, keine Sorge. Aber krass, was da alles weggeschrubbt wird. Das Einseifen ist das Beste. Der Schaum blubbert in meinen Nasenlöchern und knistert. Mit einem Teller schüttet die kleine Lady neben mir immer wieder Wasser auf mich. Bis kein Schaum mehr da ist. Wir sind bereit für die Öl-Massage. Komplett einbalsamiert im Schummerlicht. 20 kostbare Minuten – nach der ganzen Radelei. Bisschen Augenpflege auf den Liegen und dann zurück auf die Straße.

Schönheit ist so eine Sache in der Türkei. Wir sehen viele Menschen mit Verbänden auf der Nase und am Kopf. Kommen gerade zum Beispiel von einer Haartransplantation. Die Türkei ist voll der Hotspot für billige Schönheitsoperationen. Laut einer Recherche des Magazins Panorama kamen im Jahr 2020 244.000 ausländische Touris in die Türkei für Beauty-Op‘s. So viele wie in keinem anderen Land in Europa und Asien.

Wir machen uns einen kleinen Spaß und klatschen uns Tape ins Gesicht. Die Story: Ann-Sophie hat sich das rechte Ohr anlegen lassen und ich hab etwas an der Nase machen lassen. Als uns Henri später sieht: Verwirrung und Entsetzen in seinen Augen. Er stellt viele Fragen, kauft uns die Geschichte aber ab. Irgendwann fängt das Tape aufm Zinken an zu jucken, wir lösen die Story auf. Henri lacht aus vollem Herzen. Auf der Fähre zur asiatischen Seite. Der Wind wird neue Flausen zu uns rüberwehen!

Tag 76: Ein bisschen kaufrauschen

Zurück zum Bazaar. Temperamentvolle Marktleute. Glitzerglitzer. 1000 und 1 Farbtöne. Einfach gute Stimmung in den Gassen. Fühlen uns wohl zwischen den aufgetürmten Gewürzbergen.

Zufällig stolpern wir in einen Shop mit Bändern, Garn und Nadeln. So viele Perlen, Strasssteine und Federboas. Das regt die Phantasie an. Ich beschließe: Für meine schwarzen Outdoor-Sandalen gibt es jetzt mal ein Umstyling. Am Freitag ist großer Reisetag. Mit Bus und Bahn quer durch die Türkei. Da wird dann genäht. Bilder des Ergebnisses folgen natürlich.

Ann-Sophie shoppt noch eine professionelle Saftpresse, danach geht es zu den Schuhhändlern. Jedes Modell, eine Fälschung. Ich schlüpfe in Birkenstock-Imitationen – von der Marke „Birk“. Der Händler sagt stolz: „first copy“. Also erstklassige, gefälschte Ware. Immerhin! Vielleicht zerbröseln sie erst übermorgen unter meinen Füßen. Was soll’s? Für umgerechnet 8,23 Euro darf man ja mal einen kleinen Materialtest einbauen.

Ach, Istanbul. Es macht so Spaß, dich kennenzulernen. Du bist so voller Energie und Lebensfreude. Auch schief, kaputt und stinkend. Aber immer Kind im Kopf geblieben. Deine Straßen sind Labyrinthe. Deine Häuser sind Schichtsalate. Deine Bewohner sind Herzblättchen. So sympathisch, dass nur ein Georgien uns weiterziehen lässt!

Tag 75: Lost auf Bazaar

Shopping-Time in Istanbul. Ab zum Bankomat und Knete holen. Es geht zum Grand Bazaar! Ein kunterbunter, überdachter Markt mit allem, was das Herz begehrt. Vom Safran-Faden bis zum Jagdgewehr. Ann-Sophie und ich mit großen Augen unterwegs. Immer wieder werden wir von der Seite angelabert. „Hello angels“ und so. Motiviert uns nicht unbedingt, in den jeweiligen Laden zu latschen. Außerdem brauchen wir auch gerade keine Shishas oder Tarnnetze.

In einem Geschäft verweilen wir jedoch länger. In dem Teppich-Tempel von Recep Karaduman. Er handelt mit antiken, handgewebten Kilims – viele älter als er selbst. Für seine Unikate reist er quer durch die Türkei. Manchmal 5.000 Kilometer in einer Woche. Beim Erzählen zeigt er auf seine Nase. Wichtiges Werkzeug beim Aufspüren!

Jeder Teppich, für ihn ein „Gemälde“. So schön, dass er beim Verkaufen weinen muss. Muss er nicht wirklich. Aber innerlich.

Als Ann-Sophie und ich gerade in seinen Laden schneien, hadert eine Kundin mit mehreren, ausgebreiteten Modellen. Per Videotelefonie ist sie mit ihrem Mann verbunden. Recep empfiehlt so ganz grundsätzlich: erst gemeinsam den Teppich kaufen, dann heiraten. Die beiden sind aber schon vermählt. Die Dame fragt nach unserem Rat. Wir sind sofort am Start, diskutieren über Farben und Formen. Bekommen Tee ausgegeben. Dann sollen wir das Geschäft verlassen. Die Kundin soll in Ruhe entscheiden können. Schlussendlich nimmt sie eine von uns vorgeschlagene Kombi. Costa quanta? Auf jeden Fall vierstellig.