Tag 20: Klarschiffen

Cassis-Saint-Cyr-sur-mer hin und zurück mit dem Zug

Die Zeit im Wartezimmer ist fast vorbei, morgen geht die Tour weiter. Große Vorfreude. Wie früher auf das Christkind an Heiligabend.

Nach dem Aufwachen sammel ich erstmal Futter für die Waschmaschine zusammen. Vom Helm-Polster über die Kulturtasche bis hin zu den speckigen Leinenblusen. Nix bleibt verschont. Auch mein Zelt würde ich gerne waschen. Staub, Sand und Dreck wegspülen. Ich beobachte wie andere Camper mit ihren Womos über einem Gulli parken und ihre Wassertanks mittels Regenschlauch befüllen. Da muss ich hin. Kurzerhand trage ich mein Zelt rüber. Die ersten Tropfen klatschen auf die Außenhaut. Doch dann Ende Gelände. Der Platz-Betreiber kommt aus dem Hinterhalt und sagt: verboten! Och nö. „Wir sind hier in Südfrankreich, wir müssen Wasser sparen.“ Verstehe ich ja, und zeige auf mein Zelt. „Das ist mein Wohnmobil. Das will ich nicht betanken, nur gaaanz kurz abspritzen – viel besser“. Nein, nix zu machen. Doof. Rückwärtsgang mit dem Zelt. Bisschen trotzig nehme ich dann einfach meine Trinkflasche als Schlauch. Damit wird’s nicht unbedingt besser. Kann es nicht mal wieder regnen? Blick in den Himmel. Wolken haben auch alle Urlaub.

Back to Klarschiff: Stirnlampe, Powerbank und Bluetooth-Box anschließen und die Radtaschen ausschütteln. Mit einem Stofffetzen die Kette ölen und alle Küchenutensilien durchputzen. Kann fast schon losgehen. Mir fehlen noch Bargeld, Luft in den Reifen und Proviant. Morgen! Heute Rendezvous mit Manon. Mit ihr habe ich in Paris studiert, den deutsch-französischen Journalistik-Master. Zuletzt haben wir uns vor eineinhalb Jahren in Marseille gesehen.

Wir verabreden uns am Meer. Haben Süßkrams und salzige Kekse dabei. Die Sonne senkt sich schon. Das Wasser ist lauwarm, 24 Grad. Wie eine Badewanne. Ich hüpfe direkt rein. Manon bleibt im Sand. Sie hat krankheitsbedingt eine schwere Zeit hinter sich und vielleicht auch noch vor sich. Sie erzählt viel. Ich lerne viele, neue medizinische Ausdrücke in dieser Postkartenkulisse. Im Sonnenschirmwald. Ihr Kollege stößt dazu, der Fan von der Stadt Oldenburg ist. Äh, ok 🙂 Neben uns schlürft eine Urlauberin Muscheln. Wir sprechen über Wildschweine, die gegen Zelte rennen und die Legalisierung von Gras in Deutschland. Das ganze Leben! Mit Sandkörnern gezuckert!

Saint-Cyr-sur-Mer

Tag 19: Verschwende deine Jugend, aber kein Gemüse

City-Tour durch Marseille

Meine Luftmatratze hat mindestens zwei Löcher. Zum Einschlafen reicht die Luft. Danach schleicht sie sich raus. Jeder Toilettengang endet in einer Mund-zu-Ventil-Beatmung. Flicken sind schon bestellt. Ann-Sophie bringt sie am Mittwoch mit. Trotz des ungewollten Tiefergelegtwerdens fühl ich mich recht erholt.

Ein Tag wie eine Leinwand. Kein Dienstplan, keine Kilometer, keine Termine. Doch einen, sich von May-Linh zu verabschieden. Wir tauschen Wangenküsschen und unsere Adressen aus. Auf der Rückseite ihrer Campinggebühren-Quittung kritzelt sie noch ihre Handynummer hin. Sie wohnt in Grenoble. Gar nicht so weit weg von Freiburg. Vielleicht sehen wir uns wieder. Auf jeden Fall werde ich diesen kleinen Fresszettel gut hüten – denn solche Begegnungen sind die Perlen an einer Perlenkette.

Ich telefoniere noch eine Stunde mit einer Freundin aus der Nähe von Kiel und steige in den Zug nach Marseille, zum Hotel Alex & Spa. An der Rezeption ordere ich keine Massage (warum eigentlich nicht?), sondern mein Frühstück. Über die App „Too good to go“ habe ich Buffetreste gekauft. Auf den Bildern: Rührei, O-Saft, Früchte. In der Realität sinds dann doch nur drei Kohlenhydrat-Haufen. Naja, für 2,99 Euro geht‘s. Zwei Croissants werden direkt verschlungen. Die Hälfte der restlichen Fracht schenke ich einer obdachlosen Frau.

In einem Supermarkt möchte eigentlich nur eine Tüte Weingummi holen, kann aber an diesem Spezialangebot nicht vorbeigehen: drei Kilo Gemüse mit Schönheitsfehlern für nur drei Euro. Kauf ich! Nur vom Packmaß etwas unpraktisch, auf meinem Streifzug durch die Stadt. Mal hängt mir die Gemüsekiste in den Speichen, mal vergesse ich sie beinahe in der Kabine eines Secondhandladen. Ja, war schon wieder stöbern. Hab mir aber nur eine Bluse zugelegt, die ist so leicht wie ne Feder.

Irgendwie schunkel ich mit dem ganzen Grünzeug zurück zum Campingplatz. Erstmal ne Kiste öffnen. Oh, wow, sogar Limetten dabei. Damit kann ich das Leitungswasser pimpen. Echtes Upgrade. Und Nektarinen. Auch kostbar und noch top in Schuss. Nur die Avocado ist kurz vorm Abnippeln. Schade, wollte eigentlich Guacamole zusammenpanschen. Na, dann gibt es eben nur Tomaten-Gurkensalat. Frühstück und Mittagessen morgen sind aber schon mal geritzt!

Tag 18: Socializing vorm Klo

Wanderung zur Calanque de Port Pin

Wir hatten schon kurz in der Campingplatz-Kneipe geschnackt. Heute Morgen vor den Toiletten dann der nächste Plausch. Ob sie heute Abend mit mir ins Stadion gehen möchte, Frauenfußball, Deutschland gegen die USA. Yeah, frage ich sie. Non, merci, sagt May-Linh. Wandern und Schwimmen finde sie deutlich besser. Sie gehe auch gleich schon los, ob ich mit wolle. Ähm…. Das Teufelchen auf der Schulter so: Du hast gerade ein leckeres Croissant intus, es ist Sonntag, gemach gemach. Das Engelchen kontert: Hey, da ist ne nette Lady, los jetzt, komm in die Puschen.

Was soll ich sagen? Teufelchen hat verloren. Wir schlendern zur Haltestelle, aber alle Busse zeigen „Complet“ an. May-Linh fragt mich, ob wir trampen wollen? Ha, sofort! Nach einer Minute hält Davis aus der Schweiz an. Großer BMW-Schlitten. Aber der begeistert mich gar nicht so sehr. Vielmehr, dass wir so ein bunter Haufen sind. Seine Freundin Erin neben ihm kommt aus Irland. May-Linh ist Französin-Italienerin-Chinesin und ich streue noch bisschen Norddeutschland ein. Muss an mein Erasmus-Semester in Paris denken. Offene Grenzen, schon was Feines.

Zu viert tuckern wir zur letzten Parkmöglichkeit vor der Felsbucht Calanque de Port Pin. May-Linh hat eine klare Vorstellung, wo wir hinmüssen. Und ich genieße es sehr, wie ein Schaf hinterherzutrotten. Sie erzählt mir von ihrem Job als Heilpraktikerin und dass sie Rudolf Steiner verehrt, während sie am Lavendel herumfummelt. Irgendwie anders die Gute, aber in positiver Hinsicht.

Wir lassen das Pärchen allein und kraxeln durch den Nationalpark. Die Felsen unter unseren Füßen sind von den Touri-Latschen total glatt poliert. Attention! May-Linh fliegt zweimal hin, steht aber flux wieder auf. Die Aussichten sind die beste Medizin. Kann eine Wasserfarbe schöner sein?

Sie bleibt noch bisschen oben, ich brauche Abkühlung. In meinen Wanderschuhen, die endlich mal einen Einsatz haben, ist quasi Kernschmelze. Das Meer ist überraschend kalt. Wie schreibt man das nochmal? Gänsehaut? Tatsächlich! Meinen Unterarmen wachsen kleine Hügel. Wie gut das tut.

Wir labern noch bisschen, ehe ich genug von Sonne und menschlichen Plantscheentchen habe. Es ist 19 Uhr. Um 21 Uhr ist Anpfiff. Deutschland gegen USA, wieder Frauenfußball. Bin zerrissen. Hingehen oder aufm Smartphone schauen? Das Engelchen schaltet sich nochmal zu: Heute wurdest du schon genug beschenkt, mach mal piano.

Die Shopping-Schätze von gestern.

Tag 17: Shoppingqueen

Cassis-Marseille (mit dem Zug)

Ich habe festgestellt, dass ich völlig „unterkonsumiert“ bin. War schon ewig nicht mehr shoppen. Das geht so nicht weiter. Immerhin bin ich an der Côte d‘Azur. Zwischen den Reichen und Schönen watschel ich mit meinen schwarzen Surfbrettern (Outdoor-Sandalen) und vergilbten Klamotten herum. Schweiß in Kombination mit Sonnencreme – da kann die Waschmaschine machen nix, äh.

Ich brauche frisches Textilblut und Flipflops. Ein Samstag in Marseille in einer klimatisierten Mall. Gute Location, um der UV-Strahlung zu entkommen. Alle Schaufenster lächeln mich an. Der Anprobier-Rausch setzt ein. Danach die Vernunft. Achja, die Radtaschen. Groß shoppen ist nicht. Schade schade schade. Wieder Konzentration aufs Wesentliche: Im Decathlon hole ich eine neue Gaskartusche für den Kocher und die lang ersehnten Flipflops. Endlich ne Alternative am Fuß.

Nächster Halt: in einer der ältesten Apotheke Marseilles. Gegründet 1815. Von Pierre Blaize. Auf der Suche nach Heilpflanzen hat er sein Herz in Marseille verloren. An eine junge Dame. Blaize blieb und eröffnete die Herboristerie – eine Mischung aus Apotheke und Naturheilkundezentrale. Der Laden wirkt direkt lebensverlängernd. Alte Schränke, viel Holz, generationgereiftes Wissen. Es gibt viele Cremes und Tees, aber auch lose Schätze. Zum Beispiel Lavendel aus der Provence. 100 Gramm bitte. Oui, Madame!

Im Haushaltswarengeschäft „Maison Empereur“ – geführt in sechster Generation (!) – lege ich mir zwei Baumwollsäckchen zu. Eines davon wird mein aufblasbares Kopfkissen parfümieren, das andere schicke ich auf Reise. Für eine liebe Freundin in Deutschland.

Kommen wir zum Höhepunkt des Tages: der Secondhandladen Humana im Herzen von Marseille. Die Klimaanlage ist ausgefallen. Shoppen ist wider aller menschlichen Überlebensinstinkte. Aber darum geht es jetzt nicht. Hier sind Kleider. Sehr viele. Und ich verlasse diesen Laden nicht ohne. Basta.

In der Kabine jette ich quasi in die Tropen. Die Haare kräuseln sich, die Klamotten kleben. Hab ich zugenommen? Jedes Outfit, eine Presswurst. Ein Kleid passt ziemlich gut und ich schaffe es sogar wieder raus. Bi- und Trizeps sind kurz vor dem allergischen Kleiderbügel-Schock.

Fast dehydriert und abgekämpft steige ich wieder auf den Drahtesel. Nur noch weg hier. Endstation Campingplatz!

Präsentation der Fundstücke morgen. Jetzt Hunger.

Tag 16: Ich mach Beach und bissel Beauty

In Cassis herumcruisen

Meine Oberschenkel fühlen sich an wie Klötze. Immer noch. Obwohl die letzte Tour schon Tage her ist. Wandern heute? Nee nee! Lieber Beach und vorher zum Markt. Immer mittwochs und freitags in Cassis. Wollte eigentlich schon um zehn Uhr an den Ständen vorbeischleichen, hatte aber noch die Rohrreinigerin und irgendeine Sanitärfirma aus Freiburg an der Strippe. Die Toilette dahoim steht ja nicht still.

Der marché provençal – ganz hübsch. Mit vielen Oliven, Seifenstücken und Billo-Schmuck. Hole mir Oliventapenade und ein Baguette und verziehe mich in den Schatten. Endlich mal Zeit oder gar Langeweile? Ich lese die Süddeutsche Zeitung rauf und runter. In den letzten Wochen hat mein Digital-Abo schon ne fette Staubschicht angesetzt. Weg damit! Brain-spiration statt Schenkel-Schikane.

Von der einen zur anderen Schatteninsel. Zwischendurch bisschen allein gefühlt. Kein Mitleid, Freunde. Auf 14 Uhr ein Types mit Freiburg-Trikot. Ein Zeichen von oben? Auf jeden Fall hebt das die Stimmung und der Strand will erobert werden. Ups. Überall Grillhähnchen auf bunten Handtüchern. Schwimme nen Weilchen und stell die Welt auf stumm, indem ich einen Schneeengel auf dem Wasser mache. In einer ruhigen Ecke starte ich eine Pediküre-Session mit dem ultimativen Reisebegleiter: dem Bimsstein.

Fertig gebimst geht’s zurück zum Campingplatz. Duschen, Thunfisch aus der Dose angeln. In der Kneipe des Platzes flimmert die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris. Einladend. Neben mir die 15-jährige Katze des Wirtes. Sie liebt offenbar Cola und macht mit Hunden kurzen Prozess. Hier alleine fühlen? Ganz weit weg.

Das ist Marshmallow!

Tag 15: 11 Freundinnen

Mit dem Zug: Cassis-Marseille-mit Rad zum Stadion-zurück zum Bhf-Cassis

Wenn Amore nicht mehr in Grabbel-Reichweite ist, Rückbesinnung auf die alten Leidenschaften: zum Beispiel rund auf grün. Mit Zehntausenden. Im Kessel. Ball you need is love, Fuuußball!!! Das Stadion von Marseille ist die Kulisse für einige Frauenfußballspiele bei den Olympischen Spielen. Was für ein Geschenk! Anstoß 19 Uhr: Deutschland gegen Australien. Alles bumpert. Danke Juliane für diesen genialen Tipp!

Acht Stunden vorher und der Puls klettert schon die Leiter hoch. Nicht wegen des Duells, sondern wegen Baustellen in Freiburg. In meiner ersten eigenen Wohnung ist die Toilette verstopft. In der Badezimmerdecke wohnen Wespen und viele Leute wollen viel Geld von mir: der Notar, das Finanzamt, der Energieversorger und die Rundfunkgebührenzentrale. Achja, und ein Techniker von Vodafone muss auch noch kommen. Der Callcenter-Agent so: Könnten Sie bitte die Musik leiser drehen? Äh, ich bin gerade in Frankreich, in einem Supermarkt, mit einem Brokkoli und Zucchini aufm Arm, sorry.

Okay, war vielleicht nicht der schlauste Zeitpunkt, mehrere Wochen on tour zu sein. Aber warum sich solche Gedanken machen? Die Zwiebeln zittern im Olivenöl, der Couscous gart in der Sonne und die Parzellen-Nachbarin schenkt mir einen Liegestuhl. Irgendwie läuft der Laden.

Trotz Gemüse-Überdosis spüre ich es, dieses Vorfreude-Kribbeln hinterm Bauchnabel. Endlich wieder Fußball. Die EM war viel zu schnell vorbei – aus deutscher Sicht. Los jetzt, Mädels! Allez Schwarzrotgold! Apropos Farben. Mein Outfit heut: der totale Fail. Alle Leute labern mich auf Englisch an. Ohje. Gelb ist doch eine der Nationalfarben Australiens. Ich Eumel. Hatte ich null auf der Kette.

Wie auch immer. Das Stadion ist ne Wucht. Das zweitgrößte Frankreichs. 67.000 Fans passen rein. Ursprünglich war das Spielfeld von einer Radrennbahn umgeben, daher die Formen. Bin vollkommen geflasht! Und diese Akustik – vom Feinsten! „Sweet Caroline“ schmettert aus den Boxen. Irgendeine wilde, australische Omma schmettert zurück. Das wird ne große Party.

Ein Ticket zu ergattern, war ein Leichtes. 40 Euro in der Kategorie C. Das Stadion ist weit entfernt von halb gefüllt. Das ist aber gar nicht schlimm. Hocke in einem australischen Nest. „Go Aussie“ in der Dauerschleife. Immer wieder kriecht Meeresluft in die Nase. Und das Spiel? Auch gut. Sind viele ehemalige SC Freiburg-Frauen auf dem Rasen: Gwinn, Bühl, Minge. Heimatgefühle! Aber beste Spielerin für mich: Hegering, Verteidigerin. Stabil hinten, pusht nach vorne, kluge Pässe in die Tiefe und dazu noch kopfballstark.

Könnte Stunden hier bleiben. Es gibt Popcorn und u.a. alkoholfreies Bier. Der Stadionsprecher bricht sich mit den deutschen Namen total einen ab. Schlonzschmidtgrunz. Macht einfach Spaß und dazu noch drei Buden für Allemagne. Und das Beste: Das Rad wurde sogar vorm Stadion nicht geklaut.

Tag 14: Amore mit 300 Sachen weggebraust

5 Kilometer: Campingplatz-Saint-Cyr-sur-mer Bahnhof-mit dem Zug nach Marseille-und zurück nach Cassis

Für Micha der letzte Kilometer der Tour!

Er musste ja kommen. Dieser Tag, an dem mein heiß geliebter Zeltgeselle in den Zug steigt und nach Hause fährt. Hitze in der Bahnhofshalle, bei mir eher lokaler Starkregen im Gesicht. So ein Tiefdruckgebiet kannst du nicht kontrollieren. Es ist einfach da und dann geht es auch wieder.

Bleiben wir aber erstmal beim Hochdruckgebiet: noch einmal zusammen in den Pool steigen, in Liegestühlen Müsli runterknuspern und sich mit Zahnputzschaum vorm Mund zulächeln. Kleine Glücksmomente. Gepaart mit einer wohl überlegten Inventur meiner Radtaschen. Was fliegt raus, was bleibt? Zwei T-Shirts, eine Hose, eine Regenhose, ein Teller und die mitgenommene Warnweste dürfen wieder nach Freiburg reisen. Neu an Bord: Kabelbinder, ein Feuerzeug, ein weiterer Anzünder, eine Wäscheleine und Einweghandschuhe. Alles Zeugs von Micha. Nicht schwer und dazu noch praktisch.

Im nächstgelegenen Supermarkt füllen wir noch meine Olivenöl- und Spülibestände wieder auf. Die Reste quetscht Micha in seine Taschen.

Vor dem großen Abschied gehen wir nochmal in dieses syrische Restaurant. Eine Stunde bis zur Abfahrt und mir fließen schon die Tränen runter. Der Restaurantbetreiber weiß auch nicht so recht, was er machen soll. Er kommt mit einer Kanne syrischem Kaffee zu uns. Voll stark, die Plörre. Egal. Runter damit.

Auf Toilette überlege ich kurz: Soll ich den Gastwirt fragen, ob ich in seinem Restaurant die nächsten Tage arbeiten darf? Mission Ablenkung und so? Mir liegen die Worte schon auf den Lippen, aber weiter kommen sie nicht.

Mit Rädern und Knoblauchfahne geht es zum Bahnhof in Marseille. Amüsante Situation: Während wir Öl und Spüli umfüllen, marschiert eine Polizistin mit Sturmgewehr an uns vorbei. Könnte ja ein Bombenbausatz sein.

Das einzig Bedrohliche: der Kloß in meinem Hals, der wird nämlich immer fetter. Und dann ist es soweit: der TGV irgendwas rollt ein und wir müssen uns am Gleisanfang au revoir sagen (danach kommt ein Gate). Haben beide rote Kanickelaugen. Mit Kulli kritzelt mir Micha noch eine Liebesbotschaft in meine Handinnenfläche. Wie Teenager. Nur ohne Pickel.

Looks like Nahtod, felt a little bit like this.

Der TGV schnauft und schlängelt sich wie eine elegante Raupe davon. Ich sehe nur noch Rücklichter und viele Menschen. Kann mich hier mal irgendjemand umarmen? Wo tummeln sich diese free hugs-Leute, wenn man sie mal braucht…?

Verzagen ist aber nicht. Mit meiner Kummermatschschnute steuere ich das Reisecenter im Bahnhof an. Will ein Abo holen und nicht jede Fahrt nach Marseille einzeln zahlen. Denn der Plan ist, in Cassis – etwa 25 Zugminuten von Marseille entfernt – auf einem Campingplatz zu verweilen. Für die Abokarte braucht es allerdings ein Photo. Ich soll einfach in so eine Webcam reinglotzen. Das Ergebnis ist gruselig, ich seh so depri aus. Muss deswegen schon wieder lachen.

Mit neuer Chipkarte im Portemonnaie geht’s nach Cassis. Der Campingplatz ist mir auf Anhieb sehr sympathisch. Ein blondierter, langhaariger Deutscher sucht verzweifelt sein Parzellenstück und telefoniert wenig später mit seiner Mutti. Es gibt einen Mini-Supermarkt mit zwei verschrobenen, alten Leuten. 11,41 Euro kostet die Nacht. Originell. Bis zum Meer sind es fünf Radminuten. Juhu.

Anita – allein in Südfrankreich. Doch gar nicht so schlimm. In genau einer Woche kommt meine Freundin Ann-Sophie und die Tour gen Westen goes on. Und bis dahin sorge ich wieder für Hochdruckgebiete!

Tag 13: Liegestühle, hexhex

11 Kilometer: Campingplatz-Calanques du Port d‘Alon-Campingplatz

Die Grillen müssen deutsche Wurzeln haben. Pünktlich um 22 Uhr ist Schicht im Schacht. Keine Sommer-Melodien mehr, alles mucksmäuschenstill im Dachgeschoss der Kiefern. Dementsprechend können wir gut einschlafen, werden nur vom Durst geweckt. Es ist so warm im Zelt. Schwitzen ohne Bewegung. Und Besuch von blutrünstigen Vampiren aka Mücken.

Um ein paar rote Punkte reicher, starten wir in diesen fast radfreien Tag. Vormittags geht es mit dem Bus ins benachbarte Städtchen, Badol. Dienstags ist da immer Markt. Vom Gemüse-Zerhacksler über Muscheln bis zum ganzen Hähnchen – mit offenen Wünschen muss hier niemand nach Hause gehen. Hätte ich doch nur Platz in den Radtaschen. Aktuell kann ich mir nur Esspapier zulegen.

Der Bus bringt uns wieder brav zum Campingplatz. Dort veredeln wir eine Aubergine – Format riesen Oschi – zu Couscous. Unsere Parzellen-Nachbarin spendiert uns kein Dessert, sondern etwas viel Besseres: Liegestühle. Echtes Upgrade gegenüber den bisherigen Plastikschüsseln.

Mit vollem Bauch und leeren Taschen rasen wir zum nächsten Strand. Geht nur schussrunter, zu den Calanques. Felsige Buchten mit Grillen-Konzert. Ganz viel Naturschönheit! Micha und ich tauchen unsere Kalk-Körper direkt ins Wasser. Leichte Wellen, sehr viel Salz. So traurig, dass er morgen wieder nach Deutschland fährt. Alles so weit weg schon!

Tag 12: Daaa!

33 Kilometer: Cabriès-Marseille-mit dem Zug nach Saint Cyr sur mer-Camping Le Clos Sainte-Thérèse

Wenn schon Unterkunft, dann alles nutzen. Gab zum Beispiel acht Wattestäbchen, jetzt nicht mehr. Oh, da liegen noch Abschmink-Pads rum. Perfekt, damit kann ich meine Zahnräder sauber machen. Sehen im Mülleimer wie Mascara-Reste aus. Auch die Kleenex-Packung wird geplündert – falls das Klopapier wieder knapp werden sollte. Wir sind wahre Airbnb-Schrecks. Kommen miefend an und ziehen mit vollen Taschen wieder ab. Wohin eigentlich? Nach Marseille natürlich. Noch 20 Kilometer und paar Krümel. Französisches Großstadtchaos par excellence. Drölf Millionen Schlaglöcher. Einbahnstraßen aus dem Nix. Radwege enden in Zementblöcken. Heiliger Bimbam. Was für ein Ritt. Mit Bauchkribbeln. Denn immer wieder glitzert das Meer durch die Häuserschluchten. Wirklich schon da? Ouiiii! Noch bisschen geradeaus und dann Ende. Wellen, Leuchtturm, Blau auf Blau. Angekommen. Nach mehr als 700 Kilometern in der Lunge und in den Schenkeln. Krass.

Micha zum ersten Mal am Mittelmeer

Marseille ist ein wildes Tier. Faszinierend und abschreckend. Mit unseren Eseln schieben wir durch enge Gassen. Handys, Fische, Strandtaschen. Gibt alles zu kaufen.

Dazwischen Lieferwagen, Leute auf Rollern, hibbelige Touris. Und immer wieder eine Note Chanel d’Urin in der Nase. Micha so: „Dagegen ist Düren ja eine Blumenwiese“. Wir müssen das alles erstmal verdauen und hocken uns in einen syrischen Imbiss. Kann gar nicht aussprechen, was wir da bestellt haben. Aber schmeckt sehr fein.

Wir entscheiden: Wir wollen eine Oase für unsere letzten, gemeinsamen zwei Tage. Aber nicht in Marseille. Mit dem Zug tuckern wir ins rund 35 Kilometer entfernte Saint-Cyr-sur-mer. Decken uns im Supermarkt mit viel Zeugs ein und geben uns nochmal 150 Höhenmeter bis zum Campingplatz. Vier Sterne. 100 Euro für zwei Nächte. Ganz schön Wucher. Aber egal. Nehmen wir.

Der Camping-Typ kutschiert uns mit einem Golfcaddy zum Platz. Muss so lachen. Weil das so bescheuert ist. Von 9:30 Uhr bis 10:30 Uhr ist übrigens Aqua-Gym. Oha.

In unserem neuen Quartier schmeißen wir sofort die Waschmaschine an (für 7,80 Euro) und improvisieren eine Wäscheleine herbei. Micha hat einen Fertig-Burger gekauft. Mangels Mikrowelle wird das Teil eben in der Sonne gekocht. Funktioniert einigermaßen.

Nach Wasserschlachten und Quatsch im Pool, gemütliches Schnibbeln auf Plastikstühlen. Futtern gefüllte Wraps mit Hummus. Über uns: das lautstarke Zirpen der Grillen. Warum machen die das nochmal? Achja, alles für die Balz. Insekten-Parchip quasi. Ob in der Nacht wohl weitergeflirtet wird? Hmm…

Tag 11: Genießen und genießen

33 Kilometer: Oraison-Manosque-Zug nach Aix-en-Provence-weiter mit dem Rad nach Cabriès

Sonntagmorgen in der nördlichen Provence: wieder Donnergrollen am Himmel. Schlafsack adé. Jetzt muss es schnell gehen. Mit kleinen Sandkrümeln in den Augen packen wir unseren Kladderadatsch zusammen. Die ersten Tropfen stürzen runter. Während die restliche Camping-Gesellschaft noch in ihren Mobilhomes ratzt, sind wir im Notfall-Modus. Halb nass, halb trocken retten wir uns unters Dach der Sanitäranlagen. Und nun? Abwarten und umarmen. Wir feiern heute nämlich unser Einjähriges. Das Gewitter zieht durch und wir knabbern an einem Baguette. Sind noch 70 Kilometer bis Aix-en-Provence. Und dann nochmal 13 zu unserer Unterkunft. Kein Bock. Wir gönnen uns nen tiefen Zug französischer Eisenbahnkunst und radeln 20 Kilometer bis zum nächsten Bahnhof. Was für ein Luxus. Die Räder dürfen kostenlos mit.

Und da simmer. Zwei stinknormale Touris. Ohne Sonnencreme-Panade, ohne Salzkruste auf den Oberarmen. Wir parken die Räder neben einem Restaurant und schlendern durch die Provence-Schönheit. Ich habe noch nie so viele verschiedene Ocker-Töne gesehen. Die Gassen sind relativ leer, die Geschäfte zu. Wieder Regen und Krachen und Hunger. Bei einem Crêpe-Stand finden wir Schutz in einem Treppenhaus. Dort flachsen wir herum und saugen an einem Nutella-Cookie-Milchshake. Hauptsache Vitamine 🙂

Aix oder Arschloch, frotzelt Micha rum. Aix oder Cabriès? Cabriès! In dem 10.000-Seelen-Örtchen kehren wir ein. Haben eine Unterkunft reserviert, eine alte Mühle. Davon sieht man leider nichts mehr. Aber dafür überall Steckdosen, eine eigene Toilette und sogar ein Fernseher. Nur zwei Meter bis zur Dusche und neun Minuten zum Restaurant! Tschaka!