Tag 40: Dreierpasch im Baskenland

78 Kilometer, 980 Höhenmeter: Oloron-Sainte Marie – Col d‘Osquich – Saint-Jean-Pied-de-Port

Wir sind in Südfrankreich. Mitten im August. Und wir bibbern beim Frühstücken. Was läuft da schief? In der Nacht waren es nur zehn Grad. Mein Schlafsack, eigentlich zu dünn. Dick eingepackt verlassen wir den Campingplatz. Stirnband, Jacke, Hose über der Radhose. Es kommt zu stylischen Entgleisungen – Socke in Sandale. So german! Aber egal, Hauptsache wieder warm werden.

Nach rund 30 Kilometern sind wir wieder aufgetaut. Endlich wieder Leben in den Fußzehen. Socken weg, Sonnencreme drauf. Der Col d‘Osquich mit seinen 500 Metern heizt ein. Unsere Freundin aus Freiburg kämpft sich mit uns hoch – trotz Meniskusriss, der noch gar nicht so lange zurückliegt. Richtig stark. Wir feiern den kleinen wie einen großen Gipfel.

Danach Picknick auf einer Kuhwiese. Mit Lachs und Vollkornbaguette. Juliane sorgt einfach für Stil – auch zwischen Kuhfladen.

Mit einer glücklichen Wampe nehmen wir uns die restlichen Kilometer vor. Radeln wird immer zäher. Die Straße ist eine Achterbahn ohne Loopings. Das kostet Kraft. Dafür versüßt uns das Baskenland den Nachmittag.

Es ist sehr grün und die Kühe sehen putzmunter aus. Könnte auch das Allgäu sein, wäre da nicht diese abgefahrene Sprache: Baskisch, eine der ältesten noch gesprochenen Sprachen Europas, sagt Wikipedia. Ü und X neben E und Z, teilweise in einem Wort. Wirkt wie eine Geheimsprache.

Und hier könnte jetzt dieser Blogeintrag mit einem Bild aus einer Bar enden. Mit drei fröhlichen Gesichtern und bunten Cocktails. Aber unsere Geschichte geht anders aus. Nicht dramatisch, aber unerwartet.

Juliane hatte einen kleinen Unfall beim Radeln – auf den letzten zehn Kilometern. Mit ihrem Bein ist sie an der Pedale entlanggeschrammt. Die Pedale hat so herausguckende Antirutsch-Pins. Aua! Ihre Wade sieht nach Raubtier-Angriff aus. Die Wunde ist tief und muss genäht werden. Das nächste Krankenhaus ist 25 Kilometer entfernt. Mit dem Rad? Auf gar keinen Fall. Wir sprechen unsere Campingplatz-Nachbarn an. Ein Oppa will uns fahren. Wegen der langen Wartezeit, möglicherweise, fragen wir bei der Rezeption, ob uns jemand ein Auto leihen kann. Unser Glück, eine junge Dame überreicht uns ihren Autoschlüssel. Ist sowieso gerade eine Ersatz-Karre. Ihr Auto ist in der Werkstatt. Das passt! Der Schlitten hat so viele Schrammen, das würde gar nicht auffallen, wenn noch ein Malheur passiert. Ok, dann los.

Mit der untergehenden Sonne im Rückspiegel düsen wir zur Notaufnahme in Saint Palais. Ann-Sophie bleibt bei Juliane, ich hole Pizzen. Die Notaufnahme ist leer, es geht schnell. Die Ärztin entscheidet, es muss nix genäht werden. Komisch! Bisschen ratlos und verwirrt futtern wir die Pizzen vor dem Eingang und tuckern wieder zum Campingplatz.

Tag 39: Das ist der Gipfel!

75 Kilometer, 1080 Höhenmeter: Arrens Marsous – Col Soulor – Col Aubisque – Oloron Sainte Marie

Kein guter Start heute Morgen: Es ist kalt und grau, und dann schifft es auch noch. Das Zelt ist einfach nur ein nasser Lappen. Naja. Falten, verstauen, hoffen. Auch unsere Klamotten sind klamm. Wir hatten vorgestern Abend eine Waschmaschine angeschmissen, aber das Zeug ist immer noch nicht trocken. Können es erst abends aufhängen, aber die Luftfeuchtigkeit lag zuletzt bei 97 Prozent. Viele Baustellen. Auch in meinem Magen. Die Gemüsetaler aus dem TK-Regal wollen auf jeden Fall in einem anderen Aggregatzustand wieder raus. Ungünstig!

Zum Glück lassen wir das Tal der Tropfen und Tränen schnell hinter uns. Es klart wieder auf. Die Luft ist frisch gewaschen und die Grüntöne leuchten uns an.

Nebel schwebt gen Himmel und wir schweben mit. Zum Gebirgspass Col du Soulor (1.474 Hm) – eine beliebte Tour de France-Strecke übrigens. Ein entspannter Esel mit X-Beinen und Pediküre-Bedarf gesellt sich zu uns. Ist der ausgebüchst? Lebt er ohne Herrchen oder Frauchen? Keine Ahnung. Auf jeden Fall weiß er genau, was zu tun ist: nämlich posen. Gipfelesel neben Drahteseln. Episch! Das wird eingerahmt!

Nach ein paar Knuddeleien (meine Radhandschuhe sind vollkommen eingestaubt) schwingen wir uns wieder auf unsere Räder. Einen Gebirgspass gibt es noch zu knacken, den Col d‘Aubisque (1.709 Hm)! Die Strecke verdient einen Schönheitspreis! Wir kommen aus dem Knipsen gar nicht mehr raus. Bauen spontan noch ein Kuh-Shooting ein und sind einfach nur berauscht von Farben und Felsen.

Ganz oben gönnen wir uns erstmal eine Limo und nutzen Wind und Sonne für unsere nassen Sachen. Bei einer Bar breiten wir unseren gesamten Hausstand aus. Auf dem Tisch trocknen Schlüppis und Socken. Das Zelt schlackert auf einem Rasenfetzen wieder trocken. Gutes Gefühl!

Mit teilweise 50km/h lassen wir die Berge hinter uns. Es geht wieder in ein Tal – ein sehr langgezogenes. Po und Beine wollen gerne eine Couch. Gibt es aber nicht. Jetzt heißt es, einfach Kilometer runterspulen und ankommen. Das Motivierende: Wir haben ein Rendezvous – mit der wunderbaren Juliane. Unsere gemeinsame Freundin wird Teil der Crew! Juhu! Das Ziel: Meer, Meer, Meer!

Tag 38: Halleluja!

82 Kilometer, 1.300 Höhenmeter: Cantaous – Lourdes – Camping Gerrit Arrens Marsous

Zitronenmelisse, Brennessel, Heuballen – von der einen zur anderen Duftwolke. Eine feine Auslese für unsere eingefetteten Nasen. Oben Genuss, unten wird geackert. Es geht rauf und runter. Unsere Beine werden mal wieder gefordert. Jede einzelne Schweißpore sagt mal: Juten Tach!

Das perlt!

Nebelschwaden in den Gipfeln der Pyrenäen. Muskulöse Kühe. Ein pummeliger Landwirt auf einem Quad. Wir sind in Grün-Irgendwas – bis zum Ortsschild Lourdes. Dort gibt es wichtige Aufträge zu erfüllen, Kerzen anzünden zum Beispiel.

Die Innenstadt ist gruselig. Fast nur Läden mit Mutter Gottes-Trash. Plastik-Skulpturen, leere Wasserkanister to go (für das Lourdes-Wasser) und Frittenbuden. Wo sind wir hier denn gelandet? Wir folgen den Schildern La Grotte und landen vor der Rosenkranz-Basilika, ganz in der Nähe der Marienerscheinung. Sieht aus wie Disneyland, nur hat jemand die Farb-Sättigung runtergedreht.

Wir wollen mit den Rädern vorfahren, werden aber direkt zurückgepfiffen. Keine Räder, keine großen Taschen. Handys in den Flugmodus. Aha.

Erst latschen wir in die Kirche, aber falsch. Wir wollen doch zur Grotte. Auf dem Weg dorthin statten wir uns mit Kerzen aus. Das Einsteigermodell liegt bei 3,50 Euro. Ann-Sophie kann sogar per Karte bezahlen. Modern times.

Weil die Schlange vor der Grotte zu lang ist, beschleunigen wir das Ganze und gehen direkt zur Kerzen-Station. Dort flackert es schon wild. Wer noch keine Kerze hat, hat jetzt nochmal eine Chance. Die Wachs-Baumstämme für 500 Euro sind leider ausverkauft. Aber für 270 Euro geht noch was. Alles ziemlich absurd. Auch als das Wachs-Wegkratz-Team mit einem Pritschenwagen anbraust. Oh, endlich ein bisschen Normalität, denke ich und halt die Kamera drauf. Die Chefkratzerin findet das gar nicht gut und raunst uns an, dass sich das nicht gehöre. Upsi!

Lourdes, Mariengrotte. Flat-Screens, Menschenhorden, Kanister mit Weihwasser. Kein Ort für uns. Die Fluchtinstinkte setzen ein. Bevor wir unsere treuen Rad-Gefährten wieder in den Händen halten, schlürfen wir noch ein bisschen Heilwasser und lassen auch noch Wasser dort. Unsere nächste Station heißt Lidl, mehr Erfüllung für uns. Auch, weil wir total hungrig sind. Wir decken uns ein und strampeln die letzten 400 Höhenmeter runter. Vor zwei Bergpässen schlagen wir unser Nachtlager auf. Die Campingplatz-Betreiberin ist sehr herzlich und die Dusche hat Wumms. Halleluja!

Tag 37: Ältere Herren-Tag

75 Kilometer: Sainte Croix Volvestre – Saint Gaudens – Cantaous

Die Radhose atmet wieder frische Luft. Au revoir, Gastschwesterchen. We hit the road again.

Die Sonne radelt mit, nicht mehr so bolleheiß, sondern angenehm wärmend. Dörfchen, Brücken, Sonnenblumenfelder. Die Strecke entlang der Pyrenäen lässt uns viel Luft zum Sabbeln. Und nicht nur das, nebenbei machen wir auch noch Opas glücklich. Ein bedröppelter, älterer Herr mit hängenden Schultern taucht plötzlich auf. Seine Kette hat sich in der Kurbel verhakt. Ann-Sophie und ich ruckeln an der Kette rum und ziehen kräftig. Und siehe da, auch seine Tour kann weitergehen. Merci, merci, merci – der Opa kann es gar nicht fassen und sagt, dass es ihm wegen meiner ölverschmierten Hände und vor allem Fingernägel so Leid tue. Süß! Ach, pas de probleme. Weiter geht’s.

Die nächste gute Tat folgt nur ein paar Stunden später in der Mittagspause in Saint Gaudens. Jetzt brauche ich Hilfe. Mein Fahrradständer hat eine Schraube locker. Ein Teil der Schraube ist sogar schon abgebrochen. Einfach zu schwer die ganze Last.

Im Radladen Vélo Oxygen (mag ich den Namen) gibt es Ersatzteile. Der Besitzer in blauer Schürze fummelt in seinen Schraubenkästchen und findet das passende Stück. Er kniet vor meinem Radel und macht den wackeligen Ständer wieder bombenfest. Voll gut!

Ich zücke mein Portemonnaie. Was ich ihm schulde? Kein Geld. Stattdessen soll ich in der Lourdes-Grotte (dort, wo die Mutter Gottes mehrfach erschienen sein soll) eine Kerze für ihn anzünden. Das ist mal eine Bezahlung. Ich verspreche es ihm per Handschlag. Morgen kommen wir an Lourdes vorbei. Das hatten wir ihm beim Schraubensuchen beiläufig erzählt.

Mit diesem Auftrag im Gepäck rollen wir zu unserem Airbnb. Komfort auf 20 Quadratmetern. Die Dusche hat fast zehn Düsen, es gibt eine Spülmaschine für unsere ekeligen Trinkflaschen und ein Gefrierfach. Dort lagert ein Pott Eiscreme ausm Lidl. Salat, Filmabend, Wohlsein!

Tag 36: Platt

Mit dem Auto nach Carla Blaye

Wieder eine Nacht im Wohnwagen? Uh nee. Zu stickig, zu rumpelig. Ich will zurück ins Zelt. Gestern Abend bin ich umgezogen. In den Garten meiner Freundin. Weichstes Gras. Beflügelnde Träume. War in der Startelf der Frauenfußballnationalmannschaft. Mama, mach den Fernseher an, lag auf meinen Lippen beim Aufwachen – und irrer Stolz. Aber genug der Faselei.

Ein „freier“ Tag ohne Rad. Was machen wir denn da? Wie wäre es mit Lesen? Joa, und dann?! Von Carla Blaye sprechen hier alle. Das ist keine hippe Sängerin, sondern der Name eines Künstlerdorfs. Mélanie hat Meeting-Pause und will mit. Aber ich soll fahren. Puh, das ist lange her. Außerdem hat ihr alter Renault-Kastenwagen so viel Feingefühl wie ne Kettensäge.

Irgendwie kommen wir an. Das Dorf ist ein großes Atelier. Galerie an Galerie. Hüte aus Weinbergblättern, Kunstwerke aus verbogenen Löffeln, angestaubte Strick-Skulpturen. Und natürlich viele Gemälde. Die uns total einschläfern. Wir gähnen durch die Gassen, sind hundemüde. Das hat man davon, wenn man vom Sattel absteigt. Kein Ziel, keine Energie.

Wie Schlafwandlerinnen schlurfen wir zurück zum Auto. Besorgen auf dem Rückweg noch Zutaten für Pizza. Ann-Sophie und ich kneten, schneiden, drapieren. Mélanie brütet weiter über ihrem Hausprojekt.

Nach der Pizza sind die Hummeln wieder da und die Vorfreude auf morgen. Früh aufstehen, frühstücken, Leinen los. Unterwegs sein statt Tourimodus!

Tag 35: Per Autostop durch die Lande

Sainte Croix Volvestre-Le Mas d‘Azil

Tropfen, sehr viele Tropfen auf dem Dach des Wohnwagens. Mélanie hat uns in ihr rollendes Wohnzimmer einquartiert. Im Haus schlummern ihre Freunde. Sie wollen gemeinsam ein Haus kaufen und arbeiten fieberhaft an der Umsetzung.

Ja, viele Leute gerade in dieser malerischen Sackgasse. Und wir eben in diesem Retro-Wohnwagen. Eigentlich sehr gemütlich, aber auch etwas abenteuerlich. Das Ding steht mitten auf einer Pferdekoppel. Um uns herum der Elektrozaun und abstrakt verstreute Pferdeäppel. Beim Pinkeln in der Nacht hatte ich kurz Sorge, dass sich ein Gaul zu mir gesellt und mich mit einem Busch verwechselt. Aber alles gut gegangen. Revier markiert ohne Störungen.

Der Regen will noch bisschen weiterregnen. Wir greifen ganz, ganz tief in unsere Taschen und holen ein verknittertes Häufchen Outdoor-Elend hervor – unsere Regenjacken. Ein fast schon vergessenes Gefühl auf der Haut. Los, raus jetzt. Mélanie hat Pancakes in der Pipeline. Wir frühstücken mit den Häuslebauern in spe. Danach stehen Meetings an. Aber nicht für uns. Wir stehlen uns per Daumen davon. Der erste Shuttle: ein bulliger Typ mit seiner Freundin. Die Existenz eines fünften Gang ignoriert er konsequent. Dann ein älterer Herr mit sonnenverwöhntem Gesicht. Er hütet eine große Schafherde in den Pyrenäen – wenn er nicht gerade bei seiner Freundin ist. Ob die Schafe gerade alleine sind, frage ich. Non, non. Er hat da einen Praktikanten engagiert. Dritte und letzte Mitfahrgelegenheit: eine ältere Dame mit losen Innendach. Sie braust durch die Sehenswürdigkeit, die wir uns anschauen wollen – eine Riesen-Höhle.

Aber erst gucken wir uns das Dörfle neben der Grotte an. Viele Hippies, Aussteiger, Lebenskünstler hier. Die Region Ariège, so sagt man uns, zieht viele Leute an, die auf Stadtleben und konventionelle Wohnformen kein Bock mehr haben. Tipi, Tiny house, Camper – alles, Hauptsache keine Dreizimmerwohnung mit Einbauküche und Fußbodenheizung. Warum also nicht in einer Jurte leben? So wie einer der Autofahrer, der uns wieder zurückkutschiert. Er ist Imker und hat sich mit seinen Freunden aus Paris in der Ariège niedergelassen. Er fährt übrigens ein altes Postauto und trägt einen buschigen Schnurrbart. Ich glaube, dass er heimisch geworden ist.

Noch ein paar Zeilen zur Höhle von Mas d‘Azil. Ein wahnsinnig großer Hohlraum mitten im Fels. Im Mittelalter versteckten sich dort Protestanten, später wurde Salpeter gewonnen. Kanonenfutter für die Französische Revolution.

Fledermäuse finden die Höhle seit jeher auch richtig einladend. Was ich nicht wusste: Die Kackwürstchen der Fledermäuse sind ein besonders guter Dünger. Die ortsansässigen Landwirte rissen sich früher wohl um das Zeug. Das werde ich bestimmt wieder vergessen, aber heute Abend beim Apéro ist es guter Smalltalk-Stoff.

Tag 34: Strampeln für die Freundschaft

77 Kilometer: Ornolac-Ussat-les-Bains – Foix – Sainte Croix Volvestre

Ein besonderer Tag mit einem besonderen Ziel: Mélanie heißt es. Meine Gastschwester aus der Nähe von Toulouse. In der 10. Klasse habe ich zwei Monate ihre Familie belagert. Ein aufregendes und so bereicherndes Kapitel. Schon lange her, aber die Freundschaft hat keine Falten bekommen.

Pubertät, erster Freund, der 30. Geburtstag – wir teilen unsere Leben. Und schon so oft war meine französische Schwester bei mir, ob in Paris, Papenburg oder Freiburg. Jetzt bin ich dran. Und zwar mit dem Rad. Als Liebesbeweis. Mélanie hat überhaupt erst diese gesamte Reise entfacht. Aber alles auf Anfang.

Ann-Sophie und ich schälen uns aus den Schlafsäcken. Über uns keine Sonne, sondern Wolken. Das ist neu. Wir radeln los und sind ziemlich entfesselt. Kleiner Zwischenstopp in einem Café, danach weiter alle Zeichen auf Speed.

Gelbwesten, äh Gelbblusen, on tour.

Die Landschaft namens Ariège ist gefühlt menschenleer. Feucht und ultra grün. Die Bluetooth-Box hat ihren großen Auftritt. Wir beschallen die lokalen Kühe mit Adele, Miley Cyrus und Radiohead. Die Gegend wird immer einsamer und in einer Sackgasse ist es dann soweit: Sie haben ihr Ziel erreicht. Da steht sie, die gute Mélanie. Küsse, Umarmung, Geplapper.

Angekommen!
Alles für den Schleudergang!

Gemeinsam mit ihrem Partner/Freund/Seelenverwandten (Status ungeklärt) gehen wir Nacktbaden und entdecken ein verlassenes Haus. Mélanie ist schockverliebt. Genau so etwas sucht sie mit ihren Freunden. Und die lassen gar nicht lange auf sich warten. Gegen Abend trudelt die Bande ein und wir mampfen Ratatouille und trinken selbstgemachte Kombucha mit Lavendel-Geschmack. Da bleiben wir doch gerne ein paar Tage und tanken auf!

Mélanie ist die Lady mit den kurzen Haaren.

Tag 33: Guter Pass

58 Kilometer, 1.020 Höhenmeter: Quérigut – Ax les Thermes – Ornolac-Ussat-les-Bains

Finde Ann-Sophie!

Bravo! Allez! Courage! Die Rennradfahrer neben uns – meist ältere Semester mit flatternden Radjacken – feuern uns an. Die Worte tun gut, sie sind kleine, verbale Energieriegel. Die Route öffnet mal wieder ungeahnte Schweißporen. Nochmal 900 Höhenmeter, verteilt auf 10 Kilometer (!). So viele Haarnadelkurven. Geschwungener Teer in endlosen Bahnen. Sieht von oben vielleicht wie eine abgewickelte Kabeltrommel aus.

100 Höhenmeter, nochmal 100. Zahlen, Schweiß, glühende Wangen. Wir lauschen einem Podcast. Geht um die Mafia in Mannheim. Fokus auf die Story statt auf die Anstrengung. Das hilft total. Mit den Gangstern den Berg hoch. Bis zum Pass de Pailheres. Zweitausendundeinen Meter über dem Meer! Was für eine Höhe! Premiere für meinen Drahtesel und mich, wir waren dem Himmel noch nie so nah zusammen. Das geht auch Ann-Sophie mit ihrem Gespann so. Darauf ein High Five!

Danach holen wir uns die Belohnung ab. Runterbrettern! Die Knöpfe der Leinenbluse halten. Da strömt so viel Sauerstoff ins Gesicht und in die Lungen. Volle Packung Leben.

Im nächst größeren Ort wollen wir mal wieder Cappuccino und Ladde trinken. Aber die Ansammlung von Beton und Steinen ist überhaupt nicht einladend. Ein klassischer Wintersport-Spott, der im Sommer so gar keinen Charme hat. Dann eben Shopping im Mini-Supermarkt. Baguette, Thunfisch aus der Dose, Bohnen aus dem Glas. Joa. Gibt Leckereres.

Die Straße zum Campingplatz ist langweilig und viel befahren. Kein Genussradeln mehr, sondern nur noch ankommen. Bis zum nächsten Supermarkt sind‘s fünf Extra-Kilometer. Kein Bock, die Luft ist raus. Wir verputzen alle Reste (China-Suppe, Nudeln, Avocado, zwei Wraps) und tauchen in der Ariège unter. Und das rüttelt auch die Lebensfreuden-Geister wieder wach.

Tag 32: Vive le Dorffest

58 Kilometer, 1.450 Höhenmeter: Camping La Locomotive Escoro – Railleu – Quérigut

Früh aus den Federn, Gratis-Joghurt und -Walnüsse abgestaubt, leere Straßen – das läuft heute einfach, denke ich so beim Runterdüsen. Plötzlich sagt Ann-Sophie: Oh scheiße, dein Zelt ist weg. Adrenalinschub! Tunnelblick! Jagdinstinkt!

Wir drehen um und fahren den Berg wieder hoch. Nach etwa drei Kilometern sehen wir einen grünen Klumpen neben dem Wegesrand. Mein Schlafnest! Ich wiege es wie ein Baby in meinen Armen. Schwein gehabt!

Mit Zelt wieder an Bord kann es dann mal richtig losgehen. Sehr, sehr viele Höhenmeter lauern da am Horizont. Ich muss gestehen: hab etwas Muffensausen. Aber nach dem Beinahe-Verlust meines Hauses ist alles wach und angeknipst. Die Route ist mal wieder wie aus dem Bike-Bilderbuch. Schon verrückt. Wir planen so gut wie gar nichts im Vorfeld (erst am Abend davor) und landen dann auf schmalen Passstraßen ohne viel PS-Heckmeck. Am liebsten würde ich alle meine velophilen Freunde anrufen und losposaunen: Kommt her, ihr werdet es lieben. Zum Glück ist Ann-Sophie dabei – zum Mitfreuen und Mitschnaufen. Auch bei den 1.100 Höhenmetern heute am Stück. Mit dem ganzen Geraffel, definitiv kein entspannter Sonntag für unsere Beine. Aber es gibt sooo viel zu gucken. Die Pyrenäen verirren sich in Tälern, falten sich auf, strotzen vor Wildheit.

Höher, immer höher. Alles so verlassen. Schlägt hier noch irgendwo ein anderes Herz? Und wie! Auf dem Platz vor der Kirche in Railleu geht’s richtig ab. Wir crashen das Dorffest, das nur einmal im Jahr stattfindet. Was für ein Glück. Schnell Räder wegbugsieren und lauschen.

Eine Herren-Combo mit u.a. Flöte, Oboe und Mini-Trommeln hüllt den Platz in pure Heiterkeit.

Mehrere Locals halten sich an den Händen, heben die Arme und tanzen im Kreis zusammen. Der Ortsvorsteher oder vielleicht Bürgermeister erzählt uns, dass dieser Tanz „Sardanne“ genannt wird. Ein katalanischer Volkstanz, bei dem hörbar gezählt wird. Kulturgut und Wunderwaffe zugleich. Zur Zeit der deutschen Besatzung, so der Dorfchef, habe man den Tanz als Geheimsprache benutzt und so Codes übermittelt. Wie interessant!

Ich bekomme richtig feuchte Augen. Die Leute sind so herzlich. Wir dürfen mitfeiern und ganz viel Fröhlichkeit aufsaugen. Omis mit modebewussten Zweiteilern, Buffet auf der Tischtennisplatte, angeregtes Gebrabbel unter Bäumen. Einer der Musiker schenkt uns Abricotade ein, Muscat-Wein mit Aprikosensaft gemischt. Sehr süffig.

Wir könnten hier noch ewig bleiben und Wassermelone, Oliven oder Erdnüsse wegknabbern. Aber diese vielen Höhenmeter, die sind ja auch noch da. Wir verabschieden uns und radeln weiter. Ohne total fertig zu sein, erreichen wir die Spitze – den Col de Creu. Die Musik aus Railleu klingt noch in unseren Ohren. Auch als wir einen schnuckeligen Campingplatz ansteuern.

Tag 31: Teer-Träume

65 Kilometer, 1.170 Höhenmeter: Camping Naturiste du Mas de la Bauma – Villefranche de Conflent – Escoro Camping Locomotive

Zurück in die Zivilisation, zurück in die Rad-Kutte. Ciao, Nudisten! Rendezvous nächsten Sommer. Vielleicht.

Trotz Rotwein, Lasagne, Käse und Viennetta-Eis gestern Abend gelingt es uns, die Schwerkraft zu überwinden und aufzustehen. Um 6:30 Uhr schon. Morgens radelt es sich einfach am besten.

Wir haben wieder Premiumware unterm Reifen: glatter, frischer Asphalt ohne Blessuren. Ein Träumchen!

Die kleine Passstraße schenkt uns wunderschöne Aussichten, wie aus dem Burgfenster einer Prinzessin. Endlich wieder „richtige“ Berge vor der Linse. Zum Beispiel den Canigou mit 2.785 Metern. Unfassbar. Die Spitze ist karg und mausgrau. Da wächst nüscht mehr. Ganz anders unten im Tal.

Es sprießt auf Kiwi- und Pfirsich-Plantagen, bisschen weiter plätschert das reißende Flüsschen namens La Têt.

Bevor wir die letzten 600 Höhenmeter des Tages wegschwitzen, sage ich zu Ann-Sophie: Komm, da legen wir uns jetzt rein. Die Sandalen bleiben an – für den Grip – sonst nackig. Grüße ans Camp naturiste gehen raus. Wellness für umme. Lebensverlängernd!

Die letzten Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Mein Hintern ist kurz vor klinisch tot. Wir beißen die Zähne zusammen und träumen von Eiswürfel-Massagen. In unserem Delirium trudeln wir La locomotive ein, einem Campingplatz mit Outdoorküche und Hollywoodschaukel.

Und wenn sie nicht schon wieder losgefahren sind, dann sitzen sie da noch heute… (für Grammatik übernehme ich keine Gewähr).