Tag 45: Durchziehen

189 Kilometer: Philippsburg – Karlsruhe – Ettlingen – Offenburg – Lahr – Freiburg

Stille auf dem Campingplatz, die Meute schlummert noch. Dann kann ich mir ja ein Nacktbad genehmigen. Der See ist wärmer als die Luft. Wie ein Resetknopf. Schlaftrunken rein, fröhlich und beschwingt wieder raus.

Der Wind ist zum Glück abgeflaut. Endlich wieder Schwung und Speed. Gegen 11 Uhr in Karlsruhe, um 11:45 Uhr in Ettlingen, um 13 Uhr im Edeka in Muggensturm. Decke mich mit Proteinriegeln ein. Die von Seitenbacher haben es mir angetan. Schoko mit rote Beete und Protein-Hack. Da zucken die Beinmuskeln vor Freude. Es ist zwar heiß, aber kein Vergleich zum Mittelmeer.

Bei Kilometer 80 hat es sich ausgeriegelt. Her mit den Kohlenhydraten! In Bühl quartiere ich mich in eine Bäckerei ein. Bestelle ein Käsebrötchen mit Remoulade. Viel bitte! Und Zwetschgen-Streuselkuchen. Mit Sahne? Viel bitte!

Im Magen ratterts und im Kopf auch. Was soll ich nur machen? Mein Bauch ist gerade zu beschäftigt, um mit mir zu sprechen.

Na gut, nachdenken jetzt. Es gibt drei Optionen: zum nächsten Campingplatz in 10 Kilometern, zum übernächsten in 50 Kilometern oder gleich nach Hause durchballern, wären dann noch etwa 100. Bin ratlos, frage meinen Freund. Der sagt, ich soll es mir beim nächstgelegenen Platz schön machen. Klingt sinnvoll. Ich kehre bei einem weiteren Edeka ein und besorge Vollkornnudeln, TK-Spinat und Gorgonzola sowie Brokkoli. Den Spinat spanne ich auf den Gepäckträger, dann kann der schon mal auftauen.

Auf dem Weg zum Campingplatz am Achernsee male ich mir meinen Abend aus: wieder See, kochen, ratzen. Oder erst mampfen, dann planschen? Hmm… Ich melde mich beim Campingplatz an und rolle zur Zeltwiese. Techno-Mucke, Stände mit billigen Hüten und so, so, so viele Menschen. Hier auftanken? Nee, hier nur wegwollen. Ich radel wieder zur Rezeption und cancel alles. Anruf beim nächsten Campingplatz. Ja, es gibt noch freie Plätze. Der Hintern schmerzt schon etwas, aber die 40, 50 Kilometer kriege ich jetzt auch noch runtergespult. Neue Motivation erwacht. Was ungemein hilft: Im Radio wird das Fußballspiel Freiburg gegen Stuttgart übertragen. Fiebere total mit. In jeder Trinkpause auf dem Feld mache ich auch eine. Danach kommt auf SWR1 eine Sendung mit Wunschsongs. Ich rufe an und spreche aufs Band. Wünsche mir „A bicyclette“ von Yves Montand. Mein Lied wird nicht gespielt, aber das Ganze hält mich munter.

Gegen 19 Uhr trudel ich beim Campingplatz Schutternsee ein. Oh no, schon wieder Massenabfertigung und Duffduff aus den Boxen. Wohnwagen an Wohnwagen. Dazu saftige Preise. Egal ob 14-Meter-Caravan oder Igluzelt – der Stellplatz kostet 19,50 Euro. Plus 5 Euro Pfand für den Dusch-Responder. Dauer der Dusch-Einheiten werden separat abgerechnet. Was ist das denn für ein Zirkus?! Puh! Ich will wieder weg. Wollen und vor allem können das meine Beine auch? Kurzes retardierendes Moment: Der Campingplatz-Betreiber ist freundlich. Er bietet mir sogar eine kostenlose Dusche an. Nee, Danke. Das bringt jetzt auch nix mehr. Wasserflaschen auffüllen wäre viel besser. Ich darf seine Toilette nutzen. Top!

Und jetzt, wie geht es weiter? Rad oder Zug? Ich will aus eigener Kraft zuhause ankommen. Noch 60 Kilometer. Das Licht am Horizont wird schwächer. Die Gedanken werden leiser.

Ich mache wieder Podcasts an. Etwas Geschichtliches. Den Ursprung der Jugendherbergen. Egal, Hauptsache bisschen Ablenkung und Stimmen. 20 Kilometer vor Freiburg brauche ich dringend Kesselfutter. Ein Döner in Emmendingen hat noch auf. Es ist schon 22 Uhr. Mit gefühlt drei Bissen ist der Döner verschwunden. Ich setze zum Schlussspurt an. Die Radwege neben der Bundesstraße sind unbeleuchtet. Habe bisschen Schiss. Dazu Blitze am Himmel und aufziehender Wind. Kleine Äste stürzen auf mich runter. Alles pusht mich nach vorne.

Auf den letzten 10 Kilometern geht mir allerdings die Power aus. Bei jedem Hügel schiebe ich nun. Habe Rückenschmerzen und mein Po sendet Alarmzeichen: bitte nicht mehr sitzen. Der Durst ist auch groß. In der Freiburger Kultkneipe will ich mir ein Radler bestellen, aber jetzt kommt auch noch Regen dazu. Keine Lust, das Zelt und die Isomatte einzupacken. Nix Kneipe, sondern Haustür! Kurz vor Mitternacht ist das kleine Wunder dann geschehen – nach 189 Kilometern mit Gepäck und Hitze. Dreckig, erledigt, durstig bugsiere ich mein Rad ins Wohnzimmer und mich auf die Couch. Was für ein Ritt! Der TK-Spinat wäre jetzt übrigens bereit für den Verzehr 🙂

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