Paris – Frankfurt (Flixbus) – 36 Kilometer nach Groß-Zimmern (Hessen)
Wieder eine harte Etappe für meinen Po: fast zehn Stunden im Flixbus – von Paris nach Frankfurt. Zum Schnapperpreis von 47 Euro, inklusive Rad. So der Plan. Doch ob das klappt? Ich habe da meine Zweifel.
Nach elf gemütlichen Kilometern durch Paris, vorbei an der Opéra, am Louvre und an der Notre Dame, verfalle ich in den Panikmodus. In einer Viertelstunde ist Abfahrt, aber ich komme nicht durch. Absperrgitter und Umleitungen. Nachwehen der Olympischen Spiele. Muss improvisieren. Trage mein Rad eine lange Treppe hoch. Alles dicht. Kamikaze-mäßig durch einen Park. Frage Passanten. Ein junger Typ kennt eine Abkürzung. Vorbei am Spielplatz, links halten. Plötzlich rolle ich in eine große Unterführung. Etwa 20 Busse schnaufen da. In meiner Hektik überfordert mich sogar die Anzeigetafel. Stürme auf zwei Busfahrer zu: Francfort??? Vingt-sept! Da ist das Gate. Ich pese durch den dunklen Schacht und werde schon sehnsüchtig erwartet. Zwei andere Biker aus Deutschland sind auch mit ihren Rädern unterwegs. Steigen aber früher aus als ich, daher soll mein Rad zuerst befestigt werden. Der Busfahrer zieht schwarze Gummihandschuhe über und hebt die Räder auf den Träger. Ich bin so erleichtert. Darauf erstmal ein bisschen Bananenbrot und Schoggi.

Die nächsten Stunden hätten jetzt mit Langweilen und Leiden dahinplätschern können. Tun sie aber nicht. Beim ersten Halt in Reims lerne ich die anderen Radler besser kennen. Darunter ein Mainzer, der nach Barcelona geradelt ist und ein Koblenzer, der über London nach Paris gestrampelt ist. Wir haben direkt Gesprächsstoff: die Qualität der Lidl-Backwaren, die Suche nach Trinkwasser und Lebensmitteln aufm Land, die ewige Frage: mit Stuhl oder ohne Stuhl verreisen. Wir sprudeln los.
Nach der Pause ist der Platz neben mir frei geworden, Jonas aus Koblenz gesellt sich zu mir. Er ist Fotograf und erzählt, dass er seine kiloschweren Objektive mitgeschleppt hat. Ich berichte über meine Tascheninhalte und die Tour im Allgemeinen. Ein anderer Passagier schnappt unser Gespräch auf. Er kommt aus Angola und handelt mit Altreifen. Von Frankfurt will er heut noch nach Bremen, am Sonntag nach Portugal und dann direkt nach Angola. Tougher Zeitplan! Ich soll ihm die Zugverbindung von Frankfurt nach Bremen raussuchen. Ok. Ohne Vorwarnung dreht er uns zwei Pappbecher mit Whiskey an. Es ist halb12, puh. Er hätte auch Saft dabei und zeigt auf die Cola-Flasche. Dann lieber Whiskey.

Minimal angeduselt verabschiede ich mich von Jonas. Er radelt von Metz nach Luxemburg und steigt dort später in einen Zug nach Koblenz. Meine Fahrt pendelt sich wieder zwischen normal bis öde ein. Kleiner Peak kurz hinter der Grenze in Saarbrücken: Polizeikontrolle! Ausweise zücken und den Beamten tief in die Augen schauen. Keine Probleme, weiter geht’s.

Wir halten nochmal in Kaiserslautern und in Mainz. Allmählich werde ich albern und nehme den Bus-Mief an. Der Proviant geplündert. Der Hintern mit dem Sitz verschmolzen. Stehen wäre mal wieder toll. Noch besser Radfahren. Ich beschließe, dass die Regionalbahn nach Dieburg ohne mich abfahren soll.

Auf dem Weg zu meiner Freundin Bille ins hessische Groß-Zimmern will ich meine Körperteile aus dem Koma holen. Knapp 40 Kilometer, machbar und so belebend. Nach der Sardinenbüchse durch den Wald oder die Kleingartensiedlung. Fühle mich wie platt gelegenes Gras, das sich wieder aufrichtet. Gute Radwege, Bratwurst-Geruch hinter der Hecke und die Vorfreude auf mal wieder Currywurst mit Pommes. Hallo Deutschland, schön wieder da zu sein.