Tag 35: Per Autostop durch die Lande

Sainte Croix Volvestre-Le Mas d‘Azil

Tropfen, sehr viele Tropfen auf dem Dach des Wohnwagens. Mélanie hat uns in ihr rollendes Wohnzimmer einquartiert. Im Haus schlummern ihre Freunde. Sie wollen gemeinsam ein Haus kaufen und arbeiten fieberhaft an der Umsetzung.

Ja, viele Leute gerade in dieser malerischen Sackgasse. Und wir eben in diesem Retro-Wohnwagen. Eigentlich sehr gemütlich, aber auch etwas abenteuerlich. Das Ding steht mitten auf einer Pferdekoppel. Um uns herum der Elektrozaun und abstrakt verstreute Pferdeäppel. Beim Pinkeln in der Nacht hatte ich kurz Sorge, dass sich ein Gaul zu mir gesellt und mich mit einem Busch verwechselt. Aber alles gut gegangen. Revier markiert ohne Störungen.

Der Regen will noch bisschen weiterregnen. Wir greifen ganz, ganz tief in unsere Taschen und holen ein verknittertes Häufchen Outdoor-Elend hervor – unsere Regenjacken. Ein fast schon vergessenes Gefühl auf der Haut. Los, raus jetzt. Mélanie hat Pancakes in der Pipeline. Wir frühstücken mit den Häuslebauern in spe. Danach stehen Meetings an. Aber nicht für uns. Wir stehlen uns per Daumen davon. Der erste Shuttle: ein bulliger Typ mit seiner Freundin. Die Existenz eines fünften Gang ignoriert er konsequent. Dann ein älterer Herr mit sonnenverwöhntem Gesicht. Er hütet eine große Schafherde in den Pyrenäen – wenn er nicht gerade bei seiner Freundin ist. Ob die Schafe gerade alleine sind, frage ich. Non, non. Er hat da einen Praktikanten engagiert. Dritte und letzte Mitfahrgelegenheit: eine ältere Dame mit losen Innendach. Sie braust durch die Sehenswürdigkeit, die wir uns anschauen wollen – eine Riesen-Höhle.

Aber erst gucken wir uns das Dörfle neben der Grotte an. Viele Hippies, Aussteiger, Lebenskünstler hier. Die Region Ariège, so sagt man uns, zieht viele Leute an, die auf Stadtleben und konventionelle Wohnformen kein Bock mehr haben. Tipi, Tiny house, Camper – alles, Hauptsache keine Dreizimmerwohnung mit Einbauküche und Fußbodenheizung. Warum also nicht in einer Jurte leben? So wie einer der Autofahrer, der uns wieder zurückkutschiert. Er ist Imker und hat sich mit seinen Freunden aus Paris in der Ariège niedergelassen. Er fährt übrigens ein altes Postauto und trägt einen buschigen Schnurrbart. Ich glaube, dass er heimisch geworden ist.

Noch ein paar Zeilen zur Höhle von Mas d‘Azil. Ein wahnsinnig großer Hohlraum mitten im Fels. Im Mittelalter versteckten sich dort Protestanten, später wurde Salpeter gewonnen. Kanonenfutter für die Französische Revolution.

Fledermäuse finden die Höhle seit jeher auch richtig einladend. Was ich nicht wusste: Die Kackwürstchen der Fledermäuse sind ein besonders guter Dünger. Die ortsansässigen Landwirte rissen sich früher wohl um das Zeug. Das werde ich bestimmt wieder vergessen, aber heute Abend beim Apéro ist es guter Smalltalk-Stoff.

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