58 Kilometer, 1.450 Höhenmeter: Camping La Locomotive Escoro – Railleu – Quérigut
Früh aus den Federn, Gratis-Joghurt und -Walnüsse abgestaubt, leere Straßen – das läuft heute einfach, denke ich so beim Runterdüsen. Plötzlich sagt Ann-Sophie: Oh scheiße, dein Zelt ist weg. Adrenalinschub! Tunnelblick! Jagdinstinkt!
Wir drehen um und fahren den Berg wieder hoch. Nach etwa drei Kilometern sehen wir einen grünen Klumpen neben dem Wegesrand. Mein Schlafnest! Ich wiege es wie ein Baby in meinen Armen. Schwein gehabt!
Mit Zelt wieder an Bord kann es dann mal richtig losgehen. Sehr, sehr viele Höhenmeter lauern da am Horizont. Ich muss gestehen: hab etwas Muffensausen. Aber nach dem Beinahe-Verlust meines Hauses ist alles wach und angeknipst. Die Route ist mal wieder wie aus dem Bike-Bilderbuch. Schon verrückt. Wir planen so gut wie gar nichts im Vorfeld (erst am Abend davor) und landen dann auf schmalen Passstraßen ohne viel PS-Heckmeck. Am liebsten würde ich alle meine velophilen Freunde anrufen und losposaunen: Kommt her, ihr werdet es lieben. Zum Glück ist Ann-Sophie dabei – zum Mitfreuen und Mitschnaufen. Auch bei den 1.100 Höhenmetern heute am Stück. Mit dem ganzen Geraffel, definitiv kein entspannter Sonntag für unsere Beine. Aber es gibt sooo viel zu gucken. Die Pyrenäen verirren sich in Tälern, falten sich auf, strotzen vor Wildheit.


Höher, immer höher. Alles so verlassen. Schlägt hier noch irgendwo ein anderes Herz? Und wie! Auf dem Platz vor der Kirche in Railleu geht’s richtig ab. Wir crashen das Dorffest, das nur einmal im Jahr stattfindet. Was für ein Glück. Schnell Räder wegbugsieren und lauschen.
Eine Herren-Combo mit u.a. Flöte, Oboe und Mini-Trommeln hüllt den Platz in pure Heiterkeit.
Mehrere Locals halten sich an den Händen, heben die Arme und tanzen im Kreis zusammen. Der Ortsvorsteher oder vielleicht Bürgermeister erzählt uns, dass dieser Tanz „Sardanne“ genannt wird. Ein katalanischer Volkstanz, bei dem hörbar gezählt wird. Kulturgut und Wunderwaffe zugleich. Zur Zeit der deutschen Besatzung, so der Dorfchef, habe man den Tanz als Geheimsprache benutzt und so Codes übermittelt. Wie interessant!
Ich bekomme richtig feuchte Augen. Die Leute sind so herzlich. Wir dürfen mitfeiern und ganz viel Fröhlichkeit aufsaugen. Omis mit modebewussten Zweiteilern, Buffet auf der Tischtennisplatte, angeregtes Gebrabbel unter Bäumen. Einer der Musiker schenkt uns Abricotade ein, Muscat-Wein mit Aprikosensaft gemischt. Sehr süffig.


Wir könnten hier noch ewig bleiben und Wassermelone, Oliven oder Erdnüsse wegknabbern. Aber diese vielen Höhenmeter, die sind ja auch noch da. Wir verabschieden uns und radeln weiter. Ohne total fertig zu sein, erreichen wir die Spitze – den Col de Creu. Die Musik aus Railleu klingt noch in unseren Ohren. Auch als wir einen schnuckeligen Campingplatz ansteuern.
