73 Kilometer: Domaine de Mingraut-Opoul Périllos-Perpignan

Bevor die Sonne aufwacht, tun wir es. Sechs Uhr dreißig. Augen auf Halbmast. Darunter mindestens fünf olympische Ringe 🙂 So fühlt es sich an, aber so schlimm ist es gar nicht. Bei etwas mehr als 20 Grad packen wir unsere Habseligkeiten zusammen. Unsere Schweißporen halten ihre Fenster noch geschlossen. Richtig angenehm.
Mit dem Morgenglanz im Gesicht schwingen wir uns auf unsere bereiften Kompagnons. Die Route, genau nach unserem Gusto. Wenig Autos, guter Belag – und wenn die Markierungen auf der Fahrbahn verschwinden, beginnt das Abenteuer erst. Im Naturpark Corbières-Fenouillèdes, der sich an die Pyrenäen anschmiegt. Die Felsen berühren uns fast. Weite Sicht, viele Hügel. Schroffe Spitzen. Bei den Abfahrten wachsen uns beinahe Flügel.
Wenn wir nicht gerade kacheln, plaudern wir über das liebe Leben: Was ist Attraktivität? Wie geht Genuss? Welche Bedeutung hat Geld? Unbemerkt verpuffen dabei 600 Höhenmeter.


Der Plan geht auf! Die Kirchturmuhr schlägt 12 Uhr. 50 von 70 Kilometern sind weggeschmiergelt. Wir entkommen der Nachmittagsglut. Jetzt mampfen und weiter geht‘s!
Perpignan, da sind wir! Wir könnten ins Hotel einchecken oder noch einen Zwischenstopp in der Notaufnahme einlegen. Corpus delicti ist mein Furunkel in der Leiste. Möglicherweise braucht es da einen kurzen Schnitt. Bevor wir die Pyrenäen erklimmen, möchte ich das auf jeden Fall nochmal checken lassen. Ich melde mich an und warte. Ann-Sophie besorgt derweil Snacks im Lidl. Eine Notaufnahme ist wie eine Sitcom. Umso spannender im Ausland. Krücken, Tränen, Blut – und durchsichtige Kotztüten.
Nach drei Stunden, heißt es „Wästrüüp“. Ich werde in ein Behandlungszimmer geführt, wieder warten. Meine Radhose hinterlässt einen kleinen Schweißfleck auf der Liege. Wie peinlich. Bis der Doc kommt, ist alles wieder trocken. Gutes Timing. Der Arzt guckt sich mein Fürünkel an und verschreibt mir ein Antibiotikum. Darf ich jetzt gehen? Fast. Muss noch 54,74 Euro für die Behandlung blechen.

Zurück zu Ann-Sophie. Erstmal Erleichterung. Radfahren kann ich weiterhin, sagt der Doc. Aber ein Antibiotikum fühlt sich falsch an. Auch Ann-Sophie hält es für überzogen. Wir holen uns nochmal Rat in der Apotheke gegenüber. Dort gibt es eine antibiotische Salbe. Die ist viel besser – legt nicht gleich das ganze System lahm. Mit dem Mittelchen geht es dann endlich zum Hotel. Das ist ziemlich runtergerockt, aber nach alldem, was wir in der Notaufnahme gesehen haben, ist das absolut nebensächlich.