Tag 14: Amore mit 300 Sachen weggebraust

5 Kilometer: Campingplatz-Saint-Cyr-sur-mer Bahnhof-mit dem Zug nach Marseille-und zurück nach Cassis

Für Micha der letzte Kilometer der Tour!

Er musste ja kommen. Dieser Tag, an dem mein heiß geliebter Zeltgeselle in den Zug steigt und nach Hause fährt. Hitze in der Bahnhofshalle, bei mir eher lokaler Starkregen im Gesicht. So ein Tiefdruckgebiet kannst du nicht kontrollieren. Es ist einfach da und dann geht es auch wieder.

Bleiben wir aber erstmal beim Hochdruckgebiet: noch einmal zusammen in den Pool steigen, in Liegestühlen Müsli runterknuspern und sich mit Zahnputzschaum vorm Mund zulächeln. Kleine Glücksmomente. Gepaart mit einer wohl überlegten Inventur meiner Radtaschen. Was fliegt raus, was bleibt? Zwei T-Shirts, eine Hose, eine Regenhose, ein Teller und die mitgenommene Warnweste dürfen wieder nach Freiburg reisen. Neu an Bord: Kabelbinder, ein Feuerzeug, ein weiterer Anzünder, eine Wäscheleine und Einweghandschuhe. Alles Zeugs von Micha. Nicht schwer und dazu noch praktisch.

Im nächstgelegenen Supermarkt füllen wir noch meine Olivenöl- und Spülibestände wieder auf. Die Reste quetscht Micha in seine Taschen.

Vor dem großen Abschied gehen wir nochmal in dieses syrische Restaurant. Eine Stunde bis zur Abfahrt und mir fließen schon die Tränen runter. Der Restaurantbetreiber weiß auch nicht so recht, was er machen soll. Er kommt mit einer Kanne syrischem Kaffee zu uns. Voll stark, die Plörre. Egal. Runter damit.

Auf Toilette überlege ich kurz: Soll ich den Gastwirt fragen, ob ich in seinem Restaurant die nächsten Tage arbeiten darf? Mission Ablenkung und so? Mir liegen die Worte schon auf den Lippen, aber weiter kommen sie nicht.

Mit Rädern und Knoblauchfahne geht es zum Bahnhof in Marseille. Amüsante Situation: Während wir Öl und Spüli umfüllen, marschiert eine Polizistin mit Sturmgewehr an uns vorbei. Könnte ja ein Bombenbausatz sein.

Das einzig Bedrohliche: der Kloß in meinem Hals, der wird nämlich immer fetter. Und dann ist es soweit: der TGV irgendwas rollt ein und wir müssen uns am Gleisanfang au revoir sagen (danach kommt ein Gate). Haben beide rote Kanickelaugen. Mit Kulli kritzelt mir Micha noch eine Liebesbotschaft in meine Handinnenfläche. Wie Teenager. Nur ohne Pickel.

Looks like Nahtod, felt a little bit like this.

Der TGV schnauft und schlängelt sich wie eine elegante Raupe davon. Ich sehe nur noch Rücklichter und viele Menschen. Kann mich hier mal irgendjemand umarmen? Wo tummeln sich diese free hugs-Leute, wenn man sie mal braucht…?

Verzagen ist aber nicht. Mit meiner Kummermatschschnute steuere ich das Reisecenter im Bahnhof an. Will ein Abo holen und nicht jede Fahrt nach Marseille einzeln zahlen. Denn der Plan ist, in Cassis – etwa 25 Zugminuten von Marseille entfernt – auf einem Campingplatz zu verweilen. Für die Abokarte braucht es allerdings ein Photo. Ich soll einfach in so eine Webcam reinglotzen. Das Ergebnis ist gruselig, ich seh so depri aus. Muss deswegen schon wieder lachen.

Mit neuer Chipkarte im Portemonnaie geht’s nach Cassis. Der Campingplatz ist mir auf Anhieb sehr sympathisch. Ein blondierter, langhaariger Deutscher sucht verzweifelt sein Parzellenstück und telefoniert wenig später mit seiner Mutti. Es gibt einen Mini-Supermarkt mit zwei verschrobenen, alten Leuten. 11,41 Euro kostet die Nacht. Originell. Bis zum Meer sind es fünf Radminuten. Juhu.

Anita – allein in Südfrankreich. Doch gar nicht so schlimm. In genau einer Woche kommt meine Freundin Ann-Sophie und die Tour gen Westen goes on. Und bis dahin sorge ich wieder für Hochdruckgebiete!

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