101 Kilometer: Buchillon-Genf-Lac d’Annecy
Was uns gestern Abend noch passiert ist, soll hier nicht unerwähnt bleiben… Spannung! Wir lümmelten gerade in der Koje. Hundemüde und satt. Plötzlich eine Taschenlampe, dann eine Männerstimme: „Es ist verboten, hier zu übernachten. Sie müssen alles zusammenpacken und gehen.“ Oh no! Ich strecke mein Köpfchen aus dem Zelt. Mir gegenüber ein Typ, der wie Bruce Willis ausschaut (als dieser noch etwa 50 war). Auf seiner Brust prangt das Wort „Security“. Ihm täte es auch Leid, aber wir müssten verschwinden. Auf der Wiese am See darf kein Schwein zelten. Keine Chance! Ihn mit Kinderschokolade bestechen? Nee, der Typ meint es wirklich ernst.
Wie hart! Was nun? Wir packen alles ein, bauen das Zelt ab, schieben die Räder wieder auf die Straße. Es ist schon Mitternacht. Nach 500 Metern kommt eine Hütte, gehört vielleicht einem Schützenverein. Dahinter lassen wir uns nieder. Ein kleiner Igel raschelt im Gebüsch. Sonst alles ruhig. Niemand schickt uns weg. Wir schlummern. Micha in Habachtstellung, ich stöpsel Oropax rein. Nacht und gut.

Der nächste Morgen gehört den frühen Vögeln. Um 9:30 Uhr hocken wir schon auf den Bikes. Große Ziele heute. Erst Genf, dann Annecy in der Schweiz. 100 Kilometer, 1.000 Höhenmeter fast. Vorbei an erhabenen Landgütern, Weinreben und insgesamt sehr viel Reichtum. Eine fünfminütige Recherche ergab: Etwa jeder sechste Mensch in der Schweiz ist Millionär. Wir nicht. Für zehn Franken holen wir uns ein Hühnchen-Sandwich bei einem Libanesen in Genf. Dann kommt die schwerste Etappe. Viel bergauf und viel Sonne.

Wir lassen die Schweiz hinter uns und damit auch die ausgesprochen guten Radwege und die Trinkwasserbrunnen in jedem Dorf. Kurz nach der französischen Grenze leeren sich unsere Wasservorräte. Ich spreche einen Oppa in seinem Garten an. Haben Sie bisschen Wasser für uns? Bien sûr! Wir sollen ihm in die Küche folgen. Alles in Eierlikör-Farben. Er dreht den Wasserhahn auf und nicht mehr zu. Ruft noch seine Frau herbei. Sie kann es gar nicht fassen, dass wir nach Marseille radeln. Hält sich immer wieder die Hand vor dem Mund. So herzlich. Völlig getränkt ziehen wir weiter. Im nächsten Kaff muss ich schon auf Toilette. Ein Gebüsch reicht auch. Wir nähern uns Annecy und stolpern über eine einzigartige Hängebrücke – die Pont de la caille. Es geht sooo tief runter. Der Magen hüpft einmal hoch.


In Annecy angekommen, brauche ich erstmal ein richtiges französisches Baguette. Schmeckt ganz ok. Die letzten fünf Kilometer bis zum Campingplatz fängt es wieder an zu schütten. Wir kämpfen uns durch. Sind pitschnass und das Tor vom Campingplatz dicht. Aber unser Glück: Zwei Camper spazieren gerade raus, wir gehen rein. Alles schon geschlossen. Ich wähle die Notfallnummer und die Betreiberin ist sichtlich genervt. Zu ist zu, sagt sie. Ich diskutiere, ich flehe sie an. Sie kommt. Halleluja! Wir bekommen einen Rasenplatz zugewiesen. Dann Wolkenbruch! Blitze. Lautes Donnergrollen, Starkregen. Micha und ich hüllen uns in eine Plane und wärmen uns!