Tag 82: Von herzlich bis hart

71 Kilometer: Kartsakhi-Ninozminda-Poka am Parawanisee

Morning has broken mit Zwiebelduft in der Nase: Ann-Sophie und ich liegen noch eingewickelt wie Kohlrouladen in unseren Schlafsäcken, da schmeißt die Omi von gestern schon den Gaskocher an und brutzelt Zwiebeln und Kartoffeln-Ecken an. Früüühstück! Die Kartoffelstückchen sind ganz butterweich. Voll lecker!

Zwischen vollen Gabeln und viel Gekaue erfahren wir noch mehr über die Geschichte der Familie, die uns gestern spontan aufgenommen hat. Sie sind keine Georgier, sondern Armenier. Sprechen auch nur Armenisch miteinander. Der Urgroßvater ist 97 Jahre alt, trinkt jeden Morgen ein Glas Wasser und isst viel Honig. Die Großeltern waren Lehrer. Die Schwiegertochter arbeitet im Kindergarten. Ihr Mann war zehn Jahre lang Zahnarzt, jetzt dealt er mit Landmaschinen. Überraschende Wendung! Anna, die gemeinsame Tochter, steht kurz vor dem Abitur, hat sich Englisch selbst beigebracht und will in den USA studieren. Der rising star der Familie! Wir haben sie natürlich nach Deutschland eingeladen. Eine kleine Geste bei so viel Herzlichkeit.

Bevor wir aufbrechen, werden noch Lunchpakete gerichtet. Mit selbstgemachtem Honig unter anderem. Die Omi zieht einen Emaillen-Eimer hervor und schöpft das süße Gold in ein Nutella-Glas. Ein Anblick für die Götter!

Danach ab auf die Piste. Georgien im Sonnenschein. Die Grundfarben: gelb (Felder) und hellblau (Himmel). Über uns weiße Daunendeckenwolken. Wir radeln durch die Weite und saugen die Eindrücke auf. Es werden Kartoffeln geerntet, Kuh-Dung gestapelt und Karten in Bushäuschen gespielt. Mal gibt es Asphalt, mal nur Gras, Schotter oder Kiesel. Wir nehmen es, wie es kommt.

Ein Blick zur Sonne! Viel besser als der Blick auf die Uhrzeit im Handy. Steht schon ziemlich tief, wir sollten uns um einen Zeltplatz kümmern. Auf Google Maps finden wir ein Kloster an einem See. Hin! Wir treffen auf ein paar crazy Typen. Wohl Mönche. Aber nicht in Kutte, sondern in Jogginghosen. Und teilweise mit Fahnen. Einer der Männer kommt gerade vom Einkaufen mit einer Zwei-Liter-Pulle Bier zurück. Er sagt: Wir können auf der Wiese vor dem Kloster zelten. Ein anderer Typ schüttelt mit dem Kopf und redet auf Russisch auf uns ein. Ein weiterer mit luftiger Kauleiste (drei Zähne) gibt uns einen Kuss auf den Handrücken. Hilfe! Wat ist hier denn los? Wir machen uns lieber ausm Staub. In einem Restaurant fragen wir nach einem Hotel. Am Ortseingang gibts wohl ne Location. Die Sonne ist mittlerweile in den Horizont geplumpst, das Vieh von den Weiden in den Stall gebracht. Es ist saukalt. Wir sind immer noch auf 2.000 Meter Höhe.

Und ja. Am Ortseingang gibt es eine Unterkunft. Der Inhaber zeigt uns sein Bettenzimmer. Hostel nicht Hotel, sagt er. Im Zimmer: keine Lampe nur Fenster, keine Steckdosen nur Kabel, kein Lattenrost nur Sprungfedern. Und eine Treppe zu einem nicht isolierten Dachboden. Egal, wir bleiben hier und lachen uns schlapp.

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