Tag 34: Tour de Glück

75 Kilometer: Nirgendwo-Otocac-Perusic

Was für ein wunderbarer Tag! Angefangen bei der Nacht in der Garage. Windstill, ameisenfrei, gerader Boden. So gut geratzt!

Frühstück in the making!

Beim Frühstücksbrei in der Morgensonne lernen wir Mario und seinen kleinen Sohn Andrej kennen. Sie verbringen ein paar Tage im Haus nebenan. Hier oben, zwischen Felsen, windschiefen Kiefern und gelben Wiesenteppichen, lebte einst Marios Großvater. Zusammen mit hunderten, anderen Familien. Es wurden Steinhäuser gebaut, Landwirtschaft betrieben. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg. Das Gebiet wurde zum Schlachtfeld. Soldaten plünderten, die Bewohner flohen – und kamen meistens nie wieder zurück. Ihre Häuser vereinsamten und fielen in sich zusammen. Aber nicht alle. Das Haus von Marios Cousin steht noch. Es ist mehr als 150 Jahre alt. Ohne Wasseranschluss, dafür mit Mauern so breit wie eine Ellbogenlänge. Mario führt uns herum. Es riecht nach „Großeltern“. Bei einem kleinen Weinchen (um 10:30 Uhr) erzählt er uns seine Lebensgeschichte: schwerer Autounfall, Trennung nach 17 Jahren Ehe, Frührente, Sohn als Hoffnungsträger. Das Haus seines Großvater will er renovieren, aber es wurde enteignet. Seit vier Jahren kämpft er dafür, dass er es zurückbekommt. „You can have land“, sagt er. Wir tauschen Emails aus. Dann will er noch ein Photo mit zwei beautiful girls (im vollgeschwitzten Radlerdress).

Mit Marios Geschichte im Kopf radeln wir los. Mitten im Nationalpark. Das Licht, die Farben, die grüßenden Leute am Straßenrand verschmelzen zu einem Dauerlächeln im Gesicht.

Mittags landen wir in einem Döner, dann bei Lidl. Magnum, Chips, Schokopudding – uns überkommt auf dem Parkplatz voll der Fressflash. Statt Verdauungskoma geben wir danach Speed.

Bei Kilometer 75 kommen wir an mehreren Bauernhöfen vorbei. Zwei ältere Ladies winken uns zu. Zack, Rückwärtsgang. Wir fragen, ob wir bei ihnen zelten dürfen. Klar, wo immer, wir wollen. Voll unkompliziert. Die eine Dame, die Bäuerin, hilft uns sogar beim Zeltaufbau, bringt einen Hammer zum Heringereinkloppen. Dann gibt es selbstgemachten Strudel und Limo. So herzlich! Wir verständigen uns mit Händen und Füßen. Müssen lachen. Sie freut sich, dass wir so viel verdrücken.

Kurze Zeit später kommt ihre Tochter Nina. Sie hat acht Jahre in Deutschland gelebt und spricht jetzt unter anderem Schwäbisch. Der Knaller: Sie ist Friseurin. Seit Tagen marschiere ich in verschiedene Salons und werde immer wieder abgewiesen. Meine Haare sind einfach zu lang, nicht so praktisch gerade. Morgen um 10 Uhr habe einen Termin bei Nina.

Und die Bäuerin reicht uns als Betthupferl noch ein Eis. Als ob wir ihre Töchter wären. Ist das Glück oder Glück?

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