
Nach dem Müsli tauche ich in die Wiener Badekultur ein. Kulturbeutel und Plastiktüte mit Handtuch baumeln am Lenker. Es geht zur Friedrich Kaiser-Gasse 11 im 16. Bezirk: Zwischen Wohnblöcken versteckt, tummelt sich eines der letzten Brausebäder in Wien. Brausebad?? Klingt prickelnd. Will ich ausprobieren. Eine nette Dame mit polnischem Akzent, ganz in Weiß gekleidet, empfängt mich an der Kassa. Für knapp drei Euro kann ich hier eine Stunde lang duschen. Die Dame führt mich in den Damenbereich und weist mir Kabine 10 zu. Weiße Fliesen, Edelstahl-Wände und ein Gitter über meinem Kopf. Wellness-Feeling kommt da nicht auf. Aber schön, das Wasser mal ungehemmt laufen lassen zu können.



Oh, in Kabine 8 beginnt es auch zu plätschern. Wer sich hier wohl abbraust? Ich treffe die Mitduscherin draußen. Sie erzählt lachend, dass sie in einem Altbau ohne Dusche lebe, deswegen komme sie her. Wohnungen ohne Dusche? Heutzutage? Kein Einzelfall offenbar: In der Wiener Zeitung steht, dass es 2020 in Wien – laut Statistik – rund 17.500 Unterkünfte ohne WC und „Wasserentnahmestelle“ gegeben hat. So viele? Ein neuer Blick auf Wien.
Brausebäder haben eine lange Tradition in der Stadt. 1887 eröffnete das erste Brausebad in Wien. Rund 75.000 Badegäste stellten sich im ersten Betriebsjahr unter die Brausen – laut Wiener Zeitung. Dabei wurden die Wasserleitungen ganz schön strapaziert, was dazu führte, dass manchmal nur Tröpferl aus den Köpfen herauskullerten, deswegen auch „Tröpferlbad“. Heute passiert das nimmer. Meine Dusche läuft und läuft. Angenehm warm auf der Haut. Und auch behaglich, das Klacken der Kabinen und Prasseln der anderen Duschen zu hören. Viele Bauarbeiter kommen wohl hier hin, aber auch Stammgäste mit Stammkabinen. Und Reisende. Die Dame an der Kassa erzählt, dass gestern zwei Tramper da gewesen seien, auf dem Weg von Rumänien nach München.
Nach einer Viertelstunde Dauerbebrausung reicht es mir mal. Ich packe meine Sachen zusammen und verabschiede mich. Vor dem Bad treffe ich einen älteren Herren, der sein violettes Klapprad abschließt. Er lebt auch in einer Wohnung ohne Dusche. Das Brausebad gönnt er sich einmal pro Woche und gibt der Dame in Weiß, die er „die Kathi“ nennt, ein kleines Trinkgeld, damit sie auf sein Radel aufpasst, während er die Augen schließt und sich berieseln lässt.
